Generation Stövchen

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Letztens war ich bei einer Freundin zum Videoabend. Es gab Tee. Aus dem Alter für unter der Woche Rotwein trinken ist man ja im 10. Semester langsam raus.

Der Film war bereits im letzten Akt, als ich fragte, ob ich nachgeschenkt bekommen dürfte, bitte.

„Sicher“, sagte meine Gastgeberin und füllte den Becher aus dem Kännchen von dem Tischchen neben dem Canapé. Der Tee dampfte.

„Ui“, sagte ich überrascht und erfreut zugleich, „der ist aber noch schön heiß. Wie machst du das bloß?“

Je älter ich werde, desto mehr klingen meine Komplimente wie verbissene Werbespots aus den Fünfzigern.

Stövchen hieß das Geheimnis hinter dem lange heißen Tee. Was für ein Wort, oder? Klingt muffig, aber auf die gute Art. Es glüht wie Staub auf Großmutters Kachelofen. Stövchen reimt sich auf Öfchen. Es könnte genausogut der Name sein für eine Ikea-Produktlinie, vielleicht für einen Après-Ski-Heizlüfter, der auch frottiert. Stövchen sind Attribute wohliger Spießigkeit. Werde ich langsam spießig?

Was heißt hier langsam? Ich habe in Martin Reicherts Buch «Wenn ich mal groß bin» gelesen, ich solle mich langsam damit abfinden, dass ich erwachsen bin. Ich habe die Batterien aus dem Gameboy zurück in den Rauchmelder getan, meine Matschhose in die Kleidersammlung gegeben und Dübel in die Wand gefummelt als Symbol für die neue Sesshaftigkeit. Ich habe mir auch erwachsene Zahncreme gekauft. Sie ist dunkelbraun und knirscht und auf der Tube steht: „Kräuter und Mineralsalze geben ihr einen ungewöhnlichen Geschmack, an den man sich jedoch schnell gewöhnen kann.“ Ich habe mich nach zwei Tuben noch nicht daran gewöhnt. Aber ich werde sie wieder kaufen. Es kann nicht alles nach Kaugummi schmecken.

Erwachsen, wie ich bin, passte zu meiner reifen Zahncreme auch nur ein erwachsenes Stövchen. Keine Frage, ich musste unbedingt eins haben. Wie ich nun den Markt für Stövchen übersah, stellte ich fest, dass sie Produkttrends bisher standgehalten haben. Es gab kein Stövchen mit MP3-Player, ja nicht mal eins mit Digitaluhr. Aber sie laufen ja auch noch mit Teelichten.

Dazu sind Teelichte da und nicht für schrullige Überall-Kerzen-verteilen-und-ein-Schaumbad-nehmen-Mädchen-Aktionen. Teelichte ist selbst ein Dinosaurier von einem Wort. Dieser un-intuitive Plural verweist auf das Mittelalter, als Lichte noch das Wort für Kerzen war. (Das weiß ich von Wikipedia, dem Beweis, dass wir Erwachsenen im Internet angekommen sind.)

Ich suchte bewusst das männlichste Stövchen, das die Drogerie zu bieten hatte. So viel Kind ist mir geblieben. Kaum hatte ich es nach Hause getragen und angefeuert, da wurde mir klar, dass es das vielseitigste neue Spielzeug neben meinem iPod sein würde. Ganz d’accord mit naturforschenden Leuchten wie Mendel und Benecke, bin ich fest überzeugt: Experimente sind alles. Entlang streng wissenschaftlicher Methodik und ohne einen Blick in die Gebrauchsanweisung habe ich erkundet, wozu mein Stövchen alles zu gebrauchen ist. Es folgt eine Liste der interessantesten Befunde:

  1. Wie viele Teelichte braucht es, um ein Glas Wasser zum Sieden zu bringen? Mehr als vier.
  2. Ein leckerer Bratapfel (in einer abgedeckten Müslischale und mit Rosinen und Mandeln gefüllt) benötigt eine gute Stunde.
  3. Käsefondue auf dem Stövchen benötigt vier Teelichte und besonders viel Geduld beim Rühren. Der Käse wird die Kaffeekanne nie wieder ganz verlassen.
  4. Um Kaffeebohnen noch einen Tick düsterer zu rösten, bräuchte es eine flache Scheibe, die als Röstblech dient. CDs eignen sich nicht.
  5. Angekohltes Kaugummi (zuvor ausgezutscht) riecht überraschend nach Schmorbraten mit Gewürznelken.
  6. Ficuslaub knistert, wenn es trocknet, und zundert dann in einer Stichflamme aus der Welt.
  7. Wer Freude hat an pyrotechnischen Effekten, sollte ein dickes Bündel Streichhölzer in die Flamme im Stövchen halten. Wenn man es sich jetzt als kleines Häuschen denkt, erlebt man eine Explosion à la McGuyver. Man kann vorher noch einen Papierflieger in das Haus stürzen lassen. Das ist makaber, sieht aber sehr cool aus.
  8. Tee kann man ganz schnell auch wieder über haben.

Dieser Text erschien am 11. März 2009 in der Berliner Zeitung.


Update 14. April 2012: Volltext eingefügt. Originalversion dieses Artikels vom 29. März 2009 auf der nächsten Seite.


Inkarnationen:

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4 Kommentare

Eingeordnet unter 02 Gedrucktes (DI), 07 Sonntags

4 Antworten zu “Generation Stövchen

  1. Nina

    Ich hab auch ein Stövchen!

  2. Pingback: »Design«; »Willkommen!« «

  3. Pingback: Symbol für neue Spießigkeit | martinJost.eu

  4. Pingback: Generation Stövchen | martinJost.eu

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