»We all are Hunters of the Unicorn«

Von den Proben bis zur Uraufführung – der Werdegang eines Konzertes

Von Martin Jost

journal d'ami Ausgabe 1 (Herbst, Winter 2000)

journal d’ami Ausgabe 1 (Herbst, Winter 2000)

Wenn man das Einhorn in der Gedichtzeile von James Broughton als Symbol für den Mythos schlechthin sieht, als die größte »Ente« aller Zeiten für die Naturwissenschaft, also einfach als Verkörperung dessen, was es überhaupt nicht gibt, an das wir aber trotzdem zumindest insgeheim standhaft glauben – dann suggeriert der Poet hier, dass wir alle unser Leben lang hinter etwas her jagen, was ja doch nicht existiert.

Gedrucktes

Stimmt das? Stimmt es nicht, dass wir alle einen Traum haben? Ein Ziel, das zu erreichen nicht leichter wird als man eine Fata Morgana fängt oder als man die neue deutsche Rechtschreibung durchschaut? Jeder jagt einem Traumbild nach. Mindestens einem. So hat zwar jeder einzelne seinen eigenen, jeglichen Realismus entbehrenden Traum (und wer behauptet, das treffe auf ihn nicht zu, belügt sich selbst oder ihm fehlt eine entscheidende menschliche Qualität), aber es gibt auch Mythen, die in den Köpfen wirklich aller funktionieren, weil jeder sie kennt und weil sich jeder schon frustriert gefragt hat: »Gibt es das nun, oder nicht?« So ein massenwirksamer Mythos kann »Atlantis« heißen oder »Zeus« oder »Hogwarts« oder auch »Gerd Schröders Haarfarbe«. Oder eben »Einhorn«.

Es sei dahin gestellt, ob das bloße Leben im Kielwasser eines Traumes uns etwas bringt oder uns gar schadet. Ganz sicher wird es uns aber schaden, wenn jene Wunschvorstellung nicht nur unerfüllt, sondern vor allem unreflektiert auf uns lastet.

Es gibt aber bestimmte Menschen, die uns anleiten und helfen, unseren Träumen nachzugehen. Diese Leute heißen Künstler und zu ihnen gehört eindeutig das Junge Rahlstedter Kammerorchester Hamburg (Jurak) unter der Leitung von Martin Lentz. Am 24.7.2000 trat es im mon ami auf, in Kooperation mit dem finnischen Kammerchor Kampin Laulu.

Drei Uraufführungen, eine deutsche Erstaufführung und ein Klassiker der Neuen Musik, die alle gemeinsam hatten, dass sie sich mit dem Thema Unicorn (=Einhorn) oder Capricorn (=Steinbock) befassten, wurden hier interpretiert. Drei Solisten und zwei Dirigenten, neben Lentz auch Timo Lehtovaara, der Leiter von Kampin Laulu, waren im Einsatz. Dazu war das Orchester mit rund 35 und der Chor mit ungefähr 30 Instrumentalisten und Sängern besetzt. Zum Besten gegeben wurden »Ein Horn« von Thilo Jaques, von Samuel Barber das »Capricorn Concerto«, Jukka Koskinens »Unicornus«, »Unicorn’s Polyjump« von Manfred Stahnke und Einojuhanni Rautavaaras »True and False Unicorn«.

Am 20.7. begann – im mon ami – die heiße Arbeitsphase für die Interpreten der Stücke. An jenem Morgen des Auftaktes startete man glatt mit dem schwersten der Programmpunkte durch, mit Barbers »Capricorn Concerto«. Jede einzelne, vor allem jede schwierige Passage, wurde einzeln durchgenommen. Da müssen zuerst diese Instrumente die Stelle proben, dann jene. Dazwischen fällt so viel Technobabble, dass einem musiktechnisch gänzlich Ungebildeten das Grauen kommt. Und doch klingt das ganze Bruchstückwerk schon ziemlich eindrucksvoll, allein deshalb, weil es (gute) Musik ist. Schade für mich als Beobachter, dass der Dirigent immer wieder die schöne Musik anhält wegen irgendwelcher Mankos in der Oktave, die mir im Leben nicht aufgefallen wären. Aber nur auf diesem Weg entsteht ein richtig gutes Konzert. Auf dieses Weise bestreiten die Künstler 4 Arbeitstage hintereinander, die noch bis in die Abendstunden hinein dauern. Diese Zeit müssen sie nutzen, um bis zum Montag, den 24.7., eine perfekte Aufführung zu erarbeiten.

Der nächste ganz besondere Tag ist der Samstag, als der Chor aus Helsinki eintrifft. Und das um 10:00 Uhr morgens, für Wochenend-Verhältnisse also mitten in der Nacht. Schon das Stimmen der rund 20 Instrumente der Kammermusiker klingt eindrucksvoll in einem Raum wie dem Saal des mon ami.

Das erste Durchspielen der ersten Passage aus Einojuhanni Rautavaaras »The True and the False Unicorn« – noch ohne Chor – klingt wie ein bunter Teppich aus Musik, wobei jedes Instrument ständig seine ganz bestimmte eigene Sequenz wiederholt. Es ist wie eine Musikfabrik, in deren Werkhalle die Maschinen nebeneinander stehen und, jedes für sich, ihre scheinbar immer gleiche Arbeit tun. Erst mit Einsatz des Chores gibt all das einen Sinn. Dann klingt das Werk wirklich nach der Welt des Einhorns. Es entsteht ein Sound wie aus dem Zauberwald, dessen einzelne Wunder gerade vom Helden eines Fantasy-Films entdeckt werden.

Dann aber spielen plötzlich sehr markante und allseits bekannte Melodien hinein, so die der englischen Nationalhymne mit Einschlüssen aus der deutschen. Und dazu kommt – unbeabsichtigt – der Radetzky-Marsch oder sowas, interpretiert vom Handy eines Musikers. Zur guten Stimmung unter den Spielern trägt das nur bei. Genauso die Kreativität erfordernde Kommunikation mit dem Dirigenten Lehtovaara, die sich aus finnischen Sorgen des Chores, englischem Fachchinesisch für das Orchester und deutschen Wertschätzungen (»Alles klar«) zusammensetzt sowie die etwas ungewohnte Komposition, mit der man sich hier abmüht und die gerade unter den Bläsern amüsierte Blicke provoziert. Abermals wird die Probe durch Unmusikalisches unterbrochen, diesmal ist es die Auswahl des Mittagessens.

Thilo Jaques, der Komponist von »Ein Horn« trifft ein, während das Orchester auf ca. 30 Mann angewachsen ist. Zur charakterlich ausdrucksstarken Musik seiner »in allerletzter Minute« fertig gewordenen Auftragskomposition, in der er eine ironische Verbindung zwischen dem Horn des Einhorns und seinem Spezialgebiet, dem Waldhorn, herstellt, kommt eine Erzählstimme, die alte Texte rezitiert. Die Töne entstammen nun plötzlich ungewohnten, experimentell eingesetzten Geräuschquellen wie den bloßen Mundstücken von Klarinetten. Oder Chorsängern, die sich auf die Brust hämmern. All das unter den kritischen Augen, aber auch den hilfreichen Anleitungen des Komponisten höchstselbst, der nun nach den Ohren des Dirigenten mindestens die zweite Gütekontrolle für jede einzelne Passage darstellt.

Und zwangsläufig kommt es dann, am Montag, zu jener ersten Aufführung des Programms »Hunters of the Unicorn«. Es ist so richtig dolle gut und ausgereift. Mit all dem Humor und natürlich mit der hohen Qualität des Ensembles kommt es beim Publikum absolut an, das, wie man mir sagte, für Neue Musik in zufrieden stellender Anzahl angetanzt ist.

Jurak und Kampin Laulu reisten nach der Probephase und Erstaufführung im mon ami weiter nach Hannover, wo sie das Programm am 29.7.2000 auf der EXPO aufführten. Für das nächste Jahr ist eine erneute Zusammenarbeit zwischen Jurak und mon ami geplant.

majo

(mjeu/majo)• In den Sommerferien 2000 suchte ich nach etwas zu tun und meldete mich bei der Redaktion eines neuen Magazins als Mitarbeiter an, das vom Weimarer Jugend-Kultur-Zentrum mon ami herausgegeben werden sollte und vor allem jugendliche Besucher hungrig auf die Angebote des Hauses machen sollte. In den Ferien war keiner meiner neuen Redaktionskollegen in der Stadt und so stürzte ich mich in die Arbeit für meinen ersten Artikel, ohne die anderen Redakteure schon zu kennen. Ich hospitierte bei den Proben für das Konzert eines finnischen Chores und eines Hamburger Kammerorchesters und verfasste meine erste Musikreportage.

Eine elende Wüste, dieser Einstieg, oder? Klingt wie ein Schulaufsatz aus verdorbener Sprache. Ich bin heute froh, dass ich in dem Artikel irgendwann überhaupt noch zur Sache gekommen bin. Oder nein, ich verkaufe die Sache so: Ich wollte ein langsames Vorspiel komponieren, um mich in Formzitaten mit der Gattung der Neuen Musik zu verbinden.

Man merkt mir an, dass ich ziemlich unkritisch über die Leistung der Musiker schreiben möchte und dass es offenbar meine erste Konzertprobe war.

»Hogwarts«? Damals hatte ich mich also schon widerwillig ein bisschen mit Harry Potter vertraut gemacht. Ich dachte, das wäre später gewesen.

Die größte Ente und dann noch aller Zeiten? Da gibt es bestimmt größere.

Meine Lieblingsphrase: »Englisches Fachchinesisch«.

Ursprünglich stand im letzten Teil, der das Konzert beschreibt, dass das Publikum ziemlich dünn gesät war. Ich habe mich dann berichtigen lassen. Ich gehe ja auch nicht hin und fülle Neue-Musik-Konzerte.

Was mir wichtig war, war ohne Fachbegriffe (ich beherrschte ja augenscheinlich sowieso keine; das Wort »Technobabble« entstammt dem StarTrek-Fandom-Franchise) zu vermitteln, was für Musik da entstand und sie, soweit es geht, mit gedruckten Worten hörbar zu machen. In dem Punkt bin ich auch ein bisschen stolz auf mich.

Dem »journal d’ami« war aus verschiedenen Gründen leider nicht vergönnt, über die erste Ausgabe hinaus zu erscheinen. Sie wurde in einer Auflage von wenigen Tausend Stück in Weimar kostenlos verteilt.

3 Kommentare

Eingeordnet unter 02 Gedrucktes (DI)

3 Antworten zu “»We all are Hunters of the Unicorn«

  1. Pingback: Zu größeren Brüsten kommen « martinJost.eu

  2. Ich merke gerade das ich diesen Blog deutlich öfter lesen sollte- da kommt man echt auf Ideen.

  3. Pingback: „Ich dirigiere heute trotzdem“ | martinJost.eu

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