Frühling ruft gar aufdringlich: »Wähl mich! Wähl mich! Wähl mich! Mich!«


Kunst-Stück des Monats

Junges Freiburg

Junges Freiburg (Künstlerkollektiv):/ »Wahlplakat«./ Freiburg, 2009/ Vier Farben und Tapetenleim auf Spanplatte/ Zu sehen in Freiburg noch bis 7. Juni (Open Air)

 

Jetzt prangen sie wieder allüberall: Die Plakate zur Wahl. Viele einzelne Fortsetzungen einer Jahrtausende alten Tradition der bildenden Künste: das Porträt der Büste. Aber nicht gemalt, sondern elektronisch abgelichtet. Fast sind sie alle gleich groß. Ein Maß, wie es das Deutsche Institut für Normung einst für tauglich befunden hat. Welche Meister haben sich je die Größe ihrer Leinwände normen lassen? Zeichnet das die Transpostmoderne aus: Normung bis zum Anschlag? Künstlerische Beschränkung nicht als Kunstgriff, sondern als Mittel der Simplifikation kunstindustrieller Prozesse?

Es heißt, wir seien heute eine visuelle Kultur. Wie kommt es dann aber, dass unsere visuellen Botschaften simpler geworden sind? Als noch in Öl porträtiert wurde, schienen die Abbilder sich schier unter der Last der Attribute, mit denen sie behängt waren, das Kreuz zu brechen. Der Hintergrund jeweils rasselte vor Symbolik. Und heute? Hellblaue Hintergründe, nach unten ins Weißliche verlaufend; keine Szepter, Reichsäpfel, Paradiesäpfel, Pferdeäpfel, Gäule oder blaue Blumen. Und die Rate der Reproduktion! Oh man kann und möchte es nicht mehr sehen. Immer der gleiche Kopf. Unendliche Gleichheit. Die Grenzen von Pop-Art zur postmodernen Affinität für Überdeterminierung, für Symbolwucht über das ironische Maß hinaus, übers Erbrechen hinaus, die Grenzen verschwimmen.

Da lobe ich mir die Wahlkampfplakate von Junges Freiburg. Viele Aussagen, viele davon vesteckt und subtil, viele Ebenen, viele Symbole.

Teil der Kampagne

Teil der Kampagne: Kein Wahlplakat, sondern »Social-Media-Bild« (Ausführung mit Claim). Die Schönheit des Menschen in funktionellem Rahmen; was steht höher: Botschaft oder Ästhetik?

Da ist zu nächst der Rahmen. Ein linker Pfosten und eine Latte in Orange; in ihrer Innenecke ein Fadenkreuz, das gleichzeitig Ankreuzfeld wie auf einem Wahlzettel ist und folgerichtig auch angekreuzt. Fadenkreuz? Um die Ecke gedacht. »Tat-Ort: Freiburg« ist der Kampagnentitel von Junges Freiburg, aber nicht wie die Fernsehserie (die ist nur Brücke, über die der Esel geht), sondern der Ort vor Ort, an dem es Tatkraft braucht. »Junge Menschen wollen Taten sehen. Ort unseres Engagements ist Freiburg. Wir deklinieren kein Bundeswahlprogramm bis runter auf die kommunale Ebene«, heißt es im Begleittext zur Kampagne. Konzeptkunst? Kampagne! Das ist jetzt wieder transpostmodern. Kein einzelnes Werk wird geschaffen, sondern ein Wiedererkennungswert, eine Marke, ein Konzept, wie will man es nennen? Und: der einzelne Künstler mit einem geschlossenen Werk ist passé. Wir leben in der Zeit des Ensemblekunstwerks. Nicht mehr nur Filme werden von hunderten Künstlern und Kunsthandwerkern geschaffen und wenn man ihren Schöpfer etwas fragt, rufen hundert Stimmen zurück. Selbst die bildende Brauchkunst ist so weit. Wer kann sagen, wer das Poster geschaffen hat? Da ist einmal der Maler, der das Graffiti im Inneren gemalt hat. Seine Komposition ist aber aufgelöst und neu arrangiert worden, wie ein Film, den der Cutter anders schneidet als der Regisseur ihn dreht. Dann der Mensch mit der Idee für die Kampagne. Dann die Werbeagenturler, die die Kampagne durchentwerfen. Dann der Puzzler, der die Teile schließlich zur einzelnen Publikation zusammen fügt.

Ach ja, das Bild: Fast vergessen. Ein Zeppelin, der die Stadt benennt. Ein Jugendlicher, der locker, unnatürlich locker, die blaue Luft atmet und den Betrachter durch seine Fixierung in das Bild zieht. Er trägt ein Eis als Zeichen, dass dies eine warme Stadt ist und dass es ihm gut geht. Er ist die Jugend von heute. Ja, er hat Werte. Aber er lebt die Bohéme, die ihm Generationen von Revolutionären und händischen Arbeitern ermöglicht haben.

Er ist heimatverbunden: Er trägt ein Stück Münster auf dem Kopf. Dass der Münsterturm im Gegensatz zur Realität eine Uhr hat, zeigt, wie genau der junge Mann die Zeichen der Zeit liest. Die Sonne scheint, denn wir sind in Baden und die Zukunft leuchtet hell. Die Windgeneratoren schwirren. Sie sind Symbol für Nachhaltigkeit und eine sichere und saubere Zukunft.

Ein Wahlplakat erfüllt aber seinen Zweck nicht ohne Buchstaben. Eine Internetadresse darf nicht fehlen, der Hinweis auf das Datum der Wahl 2009 auch nicht. Das Sigel der Rathauspartei schimmert im Bild und oben rechts lesen wir ein kleines Gedicht. Die Literatur mischt sich ein in das Ensemblewerk: »Jugend/ Integration/ Generationen/ Gerechtigkeit«. Die Filmwissenschaft würde sagen: Das sind Topics, keine Themes. Generationen sind ein Topic, ebenso Gerechtigkeit. Das Wortspiel besteht in der Möglichkeit, beides zu einem Wort mit einer neuen Bedeutung zusammenzufügen.

Dieses Wahlplakat fügt die Begriffe »Anbiederpfuhl« und »Kunst« zu einer neuen Bedeutung zusammen.

• Paul Pretens (Künstler und freier Kunstkritiker)

•• Das offizielle Blog von Junges Freiburg.

••• Die Website von Junges Freiburg.

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9 Kommentare

Eingeordnet unter 01 Hallo Woche! (MO), Du bist Junges Freiburg!, Kunst-Stück des Monats

9 Antworten zu “Frühling ruft gar aufdringlich: »Wähl mich! Wähl mich! Wähl mich! Mich!«

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  4. Das schönste Kompliment, das ich über unsere Wahlplakate gehört habe, hieß: „Eure waren die einzigen, die ich nicht angefackelt oder abgefetzt habe.“
    https://martinjost.wordpress.com/2009/05/31/24-stunden-stand/

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