Jede Woche ein neues Land

Gedrucktes (7)

Deutsche Seeschiffahrt: Zeitschrift des Verbandes Deutscher Reeder. Ausgabe 2/2003

«Deutsche Seeschiffahrt» Ausgabe 2/2003

»Die Seefahrt ist auch nicht mehr, was sie früher einmal war«, sagte schon Käpt’n Blaubär und wenn man als grünschnäbelige Landratte mit Seeleuten ins Gespräch kommt, wird einem neben anderen Dingen, die sich verändert haben, auch erzählt, dass Landgang sich früher noch gelohnt habe und dass die dank moderner Ladungs- und Umschlagtechnik immer kürzer gewordenen Liegezeiten nicht mehr zuließen, Land und Leute kennen zu lernen. Für die elf Ferienpraktikanten, die sich in ihren diesjährigen Sommerferien von dem Hapag-Lloyd-Containerfrachter »Frankfurt Express« auf eine achtwöchige Reise nach Südostasien mitnehmen ließen, war das anders. Für sie wurden Landgänge organisiert, wo es möglich war und das machte ihr Abenteuer praktisch perfekt. Martin Jost schildert seine Erfahrungen:

Ich kam durch einen Artikel in einer Berufsberatungszeitschrift auf die Idee, mich für das Schiffspraktikum zu bewerben. Was genau mich erwarten würde, wusste ich vorher ganz und gar nicht. Ich stellte mir vor, dass es eine sehr neuartige Erfahrung werden würde und darauf war ich auch aus.

Am 15. Juli fuhr mich mein Vater nach Hamburg. Auf dem Containerterminal Altenwerder erlebte ich zum ersten Mal die Betriebsamkeit der erschreckend riesigen Maschinen eines Hafens. Und ich lernte die »Frankfurt Express« zunächst als sehr großes schwarzes Schiff kennen, das am Kai lag wie jedes andere Gebäude auf seinem festen Grund steht und nicht den Eindruck machte, als könnte irgendeine Macht es bewegen.

jede-woche-ein-neues-land-siteIch wurde zunächst von Heiko Hoffmann, einem der beiden Praktikantenbetreuer, begrüßt und zu meiner Kammer geführt. Ich fühlte mich nicht unwohl in den sauberen Aufbauten, dem Wohn- und Freizeitbereich. Trotz des allgegenwärtigen Achtzigerjahre-Einrichtungsstils der Kammern und der Offiziersbar, in der wir begrüßt und Formalitäten wie die Einkleidung mit Overalls und Sicherheitsschuhen erledigt wurden, war jede Ecke gut in Schuss und sauber. Als Praktikanten erhielten wir die Zweierkabinen, in denen auch früher schon die Azubis gewohnt hatten, als die »Frankfurt Express« noch ein Ausbildungsschiff gewesen war. Was die reguläre Crew betraf, hatte jeder einen Wohnraum für sich. Aber auch zu zweit zu wohnen war in den mit Couch, Kühlschrank und Bad ausreichend eingerichteten Kammern kein Problem, wenn man den richtigen Zimmergenossen hatte. In dieser Hinsicht hat man eben entweder Glück oder nicht.

Den ganzen Tag lag das Schiff noch im Hafen. Wir Praktikanten lernten uns untereinander kennen und wurden mit unserem Zuhause für die nächste Zeit vertraut gemacht. Erste Einweisungen in die Sicherheit an Bord wurden abgehalten und sollten uns bis zum Ende der Fahrt immer wieder begleiten. Die erste Kontaktaufnahme mit der Bordverpflegung verhieß Berge von verschiedenstem leckeren Essen für die nächste Zeit. Jeder überwand schnell etwaige Hemmnisse, Schulenglisch zu plappern, denn es war Voraussetzung für die Verständigung mit der philippinischen Mannschaft.

In der Nacht verholten wir zu einem anderen Terminal und ab Mittag ging es die Elbe hinab. Wir Praktikanten beschränkten uns noch aufs Zusehen bei allen Arbeiten, die um uns herum abliefen, sollten aber schon bald selbst mit Hand anlegen dürfen. Am Morgen des 17. Juli liefen wir in Rotterdam ein, wo der größte Teil des Treibstoffs für die Reise gebunkert wurde. An Bord eroberten wir unser Revier; der Unterrichtsraum, in dem wir jeden Tag unsere Briefings abhalten und theoretisches Wissen vermittelt bekommen würden, und die Lernwerkstatt, in der wir später Metallarbeiten und ein Werkstück, das Teil der Ausbildung zum Schiffsmechaniker ist, anfertigen konnten, mußten auf Vordermann gebracht und eingerichtet werden. Wir lernten bei einem Rundgang mit Heiko Hoffmann und Stefan Bode auch den Maschinenraum kennen und hatten Probleme, aus diesem scheinbar systemlosen Labyrinth aus unwirtlichen Gängen, Maschinen, Leitungen und Rohren in den erfrischenden Farben Grün, Schwarz und Grau überhaupt wieder heraus zu finden.

Wir unternahmen unseren ersten Landgang. Er führte uns in einen Duty-Free-Shop im Hafengelände. Keine Chance, bis in die viele Kilometer entfernte Stadt vorzudringen. Aber auch im Laden gab es Postkarten aus Rotterdams offenbar sehr sehenswerter Altstadt, mit denen man seine Familie und Freunde zu Hause grüßen konnte.

Einen Tag später, auf der Fahrt nach Southampton, waren wir schon in die wöchentlich wechselnden Teams eingeteilt und schoben Wache entweder in der Maschine, an Deck, auf der Brücke oder bei der Instandsetzung. Ich ging mit dem Oiler Maschinenwache und fand diese Arbeit, auch wenn sie hauptsächlich aus Zusehen bestand und ich nur auf Anweisung selber etwas tat, sehr interessant.

In Southampton fand ein Rettungsbootmanöver statt. Wir machten rudernd eine Rundfahrt durchs Hafenbecken und hatten dafür die entsprechenden Kommandos auswendig lernen müssen. Danach gingen wir an Land und verbrachten den Tag in Southampton mit seiner bestaunenswerten, typisch englischen historischen Altstadt. Auf jeder zweiten geschichtsträchtigen Wand scheint eine Widmungs- oder Informationstafel zu prangen, die auf irgendeinem Weg auf die MS »Titanic« verweist, die von hier aus zu ihrer ersten und letzten Fahrt aufgebrochen ist.

Wie im Fluge war unsere erste Woche an Bord vorübergegangen und jetzt standen wir richtig im Arbeitsleben. An Deck sah ich zunächst nur zu bei Arbeiten wie Leine spleißen und dem Anlegen, half aber bald schon mit, wobei mir das Anlegen nie übermäßig lag. Es gibt Jobs, für die man im Prinzip alle Zeit der Welt hat. Reparaturen von nicht vitalen Systemen des Schiffs sind beispielsweise relativ stressfrei. An- und Ablegen ist eher hektisch.

Damit wir der regulären Mannschaft bei möglichst vielen Revierfahrten und der unmittelbar bevorstehenden Suez-Kanal-Passage Überstunden ersparen konnten, indem wir selber Ruder gingen, übten wir zunächst auf hoher See das Steuern. Wir lernten die englischen Ruderbefehle, mit denen wir uns mit den Lotsen verständigen würden, und trainierten unser Gefühl für die Reaktionen des Schiffes beim Steuern. Gleichzeitig taten wir weiter etwas für die Sicherheit, drückten zum Beispiel die Feuerlöschschläuche ab. Die ideale Arbeit für einen sonnigen Tag im Mittelmeer. Wir übernahmen unsere Rolle in den Notfallübungen und probierten die Überlebensanzüge im Pool aus.

Unsere Liegezeit im süditalienischen Gioia Tauro in der Mitte der Woche fiel auf die Nacht und unser Landgang beschränkte sich auf die Besuche eines Kaffs am Strand. Ein paar Lokale hatten noch geöffnet.

Die Durchfahrt durch den Suez-Kanal war ein mit allgemeiner Aufregung erwartetes Ereignis. In der Nacht vom Samstag zum Sonntag stand jeder Praktikant eine Stunde am Ruder und war eine Stunde »Second Man«. Am nächsten Morgen sammelten wir erste Erfahrungen mit östlicher Handelsmentalität; an den Ägyptern, die mit ihrem kleinen Boot an Bord geholt wurden, übten wir das Verhandeln über Preise von Souvenirs. Auch der Suez-Elektriker machte einigen Umsatz dank uns.

Die dritte Woche brach an. Am Montag ging es gut los. Nachdem es draußen und folglich auch im Maschinenraum richtig kuschelig warm geworden war, ging das Werkeln in voller Arbeitsmontur hier ganz gut an die Puste. Nun war über Nacht ein Schweröltank übergelaufen und stellenweise konnte man knöcheltief in »schwarzem Gold« waten. Dieses aufzuschöpfen und dem Tanksystem wieder zuzuführen, dazu unter dem Einfluss seiner etwas schummrig machenden Düfte, war eine Arbeit, die ziemlich schlauchte. Es war ein Beispiel für eine Arbeit, von der man eigentlich nicht träumt und ein Job, für den Praktikanten wie geschaffen sind, weil die qualifizierteren Teile der Mannschaft sich dann nicht in die Beseitigung der Folgen eines solchen unvorhergesehenen Unfalls teilen mussten. Trotzdem gab es in unserer Gruppe keinen echten Widerwillen, sich fleißig dafür einzusetzten, dass der Maschinenraum seine alte Wohnlichkeit wiedergewann. Denn wir hatten spätestens von da an das Gefühl, nicht nur hospitierende zusätzliche Esser zu sein, die versuchen, nicht zu stören oder sogar jeden aufhalten, weil sie alles erklärt bekommen möchten, sondern wir konnten die arbeitende Mannschaft entlasten und schafften wirklich etwas.

Wir legten in Jeddah an. Der Hafen in Saudi-Arabien war für uns nicht sonderlich spektakulär, weil das Betreten und sogar das Fotografieren des heiligen Bodens unweit der Geburts- und Sterbestätte des Propheten Mohammed, Mekka und Medina, bei der Androhung körperlicher Züchtigung verboten waren. Die einzigen Ereignisse blieben eine morgendliche bewaffnete Zollinspektion auf der Suche nach Alkohol, misstrauisch gegenüber jeder Flasche Saft, und dass ein Mitglied unserer Gruppe wegen einer Knieverletzung zum Arzt mußte und sich also in Begleitung des Agenten, die Sondergenehmigung in der Tasche, auf den Weg machte. Wir wußten bis zu seiner Rückkehr nicht einmal, ob der Doktor ihn vielleicht für arbeitsunfähig erklären und ihn gleich per Flieger nach Hause schicken lassen würde.

Im Team »Instandsetzung« half ich bei der Herstellung von Fluchthelfer-Aufhängungen und begann die Arbeit an meinem Werkstück Hammer, das natürlich – erster Versuch – eher länger brauchte als die vorgegebenen 240 Minuten. Ich wurde auf den Tag genau zwei Wochen später damit fertig. Den theoretischen Unterricht gestalteten wir wieder mit eigenen Ausarbeitungen. Unsere dritte Woche auf See endete mit dem Anlegen in Jebel Ali am Sonntag. Am Tag darauf unternahmen wir einen Landgang mit einer 30- bis 45-minütigen Taxifahrt vorbei an einer Microsoft-Niederlassung, dem Hard Rock Café und der American University ins entfernte Dubai.

Die Stadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, einem der reichsten Öl exportierenden Länder, ist ein krasser Gegensatz zu Jeddah. Dubai ist offen und modern eingestellt. In mancher deutschen Großstadt sieht man mehr verschleierte Frauen als hier. In den riesigen Supermärkten lassen sich alle westlichen Zeitungen von der »New York Times« bis zur »Brigitte« kaufen. Die bekannten Marken werben mit den arabischen Ausgaben ihrer Namenszüge um die Gunst der Konsumenten. Die Straßen sind breit und die Wolkenkratzerviertel blitzblank und sauber. In den spärlich palmenbewachsenen Grünanlagen halten die Araber mittags ihre Siesta. Nur wir weißen Touristen bringen es fertig, in der glühenden Mittagshitze bei über 50°C einen Fußmarsch zurückzulegen um die anderen touristisch interessanten Stadtteile kennen zu lernen. Die sahen auf dem Stadtplan gar nicht so weit weg aus, auf dem Weg mussten wir aber einige Liter Wasser kaufen. Es gibt in Dubai auch Viertel, wie man sie sich in seinen Vorstellungen vom orientalischen Leben ausmalt. Schmale Basar-Gassen, auf denen man allen möglichen Krimskrams erstehen kann. Dazwischen gibt es auch Geschäfte, in denen man sich mit den auf 18°C gestellten Klimaanlagen erkälten kann.

Moscheen stehen für die klassische arabische Architektur. Ihr Inneres ist aber den Gläubigen vorbehalten. Für die Touristen bleibt genug zu sehen; das Dubai-Museum präsentiert die ganze Geschichte der Stadt in ihrer Entwicklung von den ersten Beduinenstämmen über die Perlenfischersiedlung, in der in den Siebzigerjahren Öl gefunden wurde, bis zur Welthandelsmetropole, in modernen und atmosphärischen Installationen und Kulissen.

Der Goldmarkt ist ein echtes Ereignis. Hier gibt es in einem ganzen Viertel nur Juweliere, sogar Einkaufspassagen, deren Geschäfte nichts als Schmuck verkaufen. Abends, wenn es dunkel und kühler wird und die Araber ausgehen, sieht man ganze Familien in Schmuckgeschäften sitzen und gemeinsam einkaufen. Essen kann man in Dubai gut und günstig. Jede Restaurantklasse ist vertreten und die Küche ist international. Will man sich auf keine Experimente einlassen, isst man wie zu Hause – chinesisch oder indisch.

In Dubai steht auch das einzige Sieben-Sterne-Hotel der Welt, das Burj-Al-Arab. Eine Besichtigungstour kostet an die 80 US-$.

Abends hatten wir kleinere Schwierigkeiten mit der Rückkehr zum Schiff. Wir erwischten einen Taxifahrer, der leider kein Wort Englisch verstand. Aber nach der Vermittlung seines Arbeitgebers über Mobiltelefon brachte er uns zum Containerterminal. Nur hatten wir den letzten Shuttle-Bus verpasst und mussten ein wenig improvisieren, um wieder an den Kai zu kommen. Ich stellte fest, dass es für mich sehr schnell gehen konnte, ein Schiff, das ich drei Wochen zuvor noch nie gesehen hatte, als Zuhause anzusehen und mich entsprechend über seinen Anblick zu freuen. Zumal es auch das Bett enthielt, in das ich in erster Linie fallen wollte.

Bei der Ausfahrt aus dem Persischen Golf erlebten wir das erste und eigentlich das einzige Mal richtigen Seegang, der einigen von uns Probleme bereitete und den anderen Spaß machte. Ich hatte Brückenwache. Einerseits ist die Brücke der Ort, wo man am meisten lernen konnte, weil es hier genug Zeit gab, Fragen zu stellen und erklärt zu bekommen. Andererseits kann eine normale Wache, in der es nichts zu tun gab als abwechselnd mit Fernglas und Radar nach Hindernissen Ausschau zu halten, auch sehr eintönig werden.

Am 10. August lief die »Frankfurt Express« in Colombos kleinem Hafen ein. Für uns war ein Strandbesuch organisiert worden. Strände sehen zwar überall gleich aus, aber wir würden ja auf der Rückfahrt noch einmal Gelegenheit haben, die Stadt anzusehen und so genossen wir einen sonnigen Tag am gelben privaten Palmenstrand eines Edelhotels aus der Kolonialzeit. Sri Lanka ist das Land des Lächelns. So erzählte uns der Fahrer, der uns zum Strand brachte, dass er auch schon einmal in Deutschland gewesen sei. »Das Land ist schön«, betonte er, »aber die Menschen sind schrecklich – sie gucken alle so grimmig.« Ich fühlte mich tatsächlich ziemlich unwohl, als ich, zurück in Deutschland, erstmals wieder in die Stadt ging. Die Leute ziehen im engen und grauen Deutschland verglichen mit den Großstädten, in die ich gekommen war, zum großen Teil ein ziemlich grimmiges Gesicht. Dass man im Gedränge nicht mehr die Hand am Portemonnaie haben muss, entschädigt nicht für den Mangel an freundlichen Menschen, die einem ein gutes Gefühl geben.

Der 12. August wurde ein Partymontag. Es war unser Bergfest; 28 Tage auf See lagen hinter uns, 28 Tage lagen vor uns. Und an jenem 18. Geburtstag eines Praktikanten überquerten wir den Äquator – klar, was uns blühte.

Die Äquatortaufe ist ein altertümliches Ritual, mit dem die konservativen Seeleute den Grünschnäbeln einen Eindruck davon geben wollen, wie hart die Seefahrt früher einmal gewesen ist und dass sie der Zeit nachtrauern, in der Seemann noch ein schwerer Beruf war, den ohne moderne Technik nicht jeder Depp erledigen konnte.

Untergetaucht wurden wir bloß in einem Kübel mit Wasser voll Schmierseife und nicht, wie zuvor angedroht, in Küchenabfällen. Mit Bürsten befreite man uns von jedem Rest Sonnenbrand vom Strand von Colombo. Die Zeremonie fand gegen Mittag statt. Der Tag hatte mit einem Frühstück, bestehend aus Rettungsinsel-Notrationen, begonnen. Die zur Mahlzeit gehörige Rettungsinsel war ausgemustert worden und hatte für eine Übung herhalten sollen, war dann aber unter großem Hallo im Pool »abgesoffen«. Mit nichts im Bauch als – oh, wir fanden viele Umschreibungen dafür: Spanplatte, gepresste Kamelkacke, Riesenkautablette – ging es den Vormittag über an die Arbeit und dann ins Müllstore gleich neben dem Schornstein. Unsere Betreuer konnten sich daran ergötzen, unsere Trommelfelle mit Vorschlag- und Pressluftnadelgehämmer zu malträtieren. Nachdem wir uns zu elft gerade eben so ins süß nach Verwesung duftende Müllstore gezwängt hatten – ohne Licht –, harrten wir ohne jedes Zeitgefühl wohl mehrere Stunden darin aus. Nach dem entspannenden Einsitzen mussten alle an Deck und sich mit Feuerlöschschläuchen abspritzen lassen. Danach ging es zurück ins Store und jeder einzelne wurde heraus gezogen. Wieder abspritzen, das bereits geschilderte Untertauchen und Abschrubben und dann auf Knien zum Kapitän. Captain Frank-Jürgen Schmidts Name darf ich in diesem Bericht natürlich nicht unerwähnt lassen, denn er hat uns ja heil in die Fremde und leider viel zu früh auch wieder nach Haus gebracht, ließ uns mit steill ausgestrahlter Autorität an seiner Weltsicht teilhaben und von seiner Erfahrung kosten und zwang im Übrigen jeden von uns an diesem ganz bestimmten Tag, sich mit Wermut und Chilisauce – dazu vielleicht ein Fleischklößchen, wenn’s beliebt – zu desinfizieren und ihm die mit australischem Essigsenf bestrichenen Füße abzuschlecken, nachdem wir ihm mit möglichst artigen Worten für was auch immer gedankt hatten. Ich darf mich glücklich schätzen, sagen zu dürfen, dass meine Äquatortaufe in dreierlei Hinsicht etwas Besonderes war. Einmal saß gerade ich im Schmierseifefass, als das GPS-Signal die Breite Null anzeigte und das macht mich zum echtesten Äquatortäufling. Zweitens war ich der einzige, der ins Müllstore zurück geschickt wurde, um als Letzter den wichtigsten Teil der Prozedur erneut zu durchlaufen, weil ich zugegebenermaßen auf Anhieb nicht die richtigen Worte gefunden hatte. — Nun hatte ich mich mit der Materie zuvor ausführlich nicht beschäftigt und mir fehlte der Einblick, wofür ich Neptun und seinem Stellvertreter denn genau zu danken hatte. Es waren weder die Geschenke zu Weihnachten, noch die Zeugnisnoten, für die sie verantwortlich zeichneten und im zweiten Anlauf fand ich neue Worte, die Herrn Kapitän in höchstmögliche Wertschätzung verfallen ließ: »Das war die schleimigste Danksagung, die ich überhaupt gehört habe.«

Nach dem offiziellen Festakt quälten unsere Betreuer uns noch ein wenig bis zum Abend, wo dann in geselliger Runde im Gesellschaftsraum der philippinischen Crew die Übergabe der Urkunden stattfand. Jeder musste ein künstlerisches Werk zum Besten geben, ein Gedicht aufsagen oder ein Lied singen, das zum Überstandenen paßte.

„I saw the opening maw of hell,
with endless pains and sorrows there;
Which none but they that feel can tell –
Oh, I was plunging to despair.“

— Herman Melville: «Moby-Dick»

– Mein Beitrag zu diesem Abend, entlehnt aus einem berühmten Stück Weltliteratur über die Seglerei. In dieser fünften Woche waren wir vor dem Eintreffen in Jakarta einen Tag dem Zeitplan voraus und begannen eine zwölfstündige Verschnaufpause, in der die Maschinen stillstanden, mit einem Mann-über-Bord-Manöver. Danach setzten wir unsere nie endende Sicherheitsausbildung an den pyrotechnischen Notsignalen aus der »abgesoffenen« Rettungsinsel fort und konnten so noch ein Feuerwerk vor dem Frühstück genießen.

Am Donnerstag lernten wir Jakarta kennen, die furchtbar stinkende 24-Millionen-Hauptstadt der viertgrößten Nation der Welt. Eine organisierte Stadtrundfahrt verlief hektisch. Die geringe Dichte an echten Sehenswürdigkeiten ist mit europäischem Sightseeing nicht zu vergleichen und zwischen dem Besuch des Nationalmuseums und des Ausstellungsparks Mini Indonesia, in dem einige der unterschiedlichen Stammeskulturen vorgestellt werden, von denen Indonesien Tausende hat, fuhr man uns, als wären es Zoos, auch an Wellblechdörfern unter Brücken und schlimmeren Armenvierteln vorbei, in denen aller Müll in die Flüsse und Kanäle geworfen wird oder an Land liegen bleibt, wenn er nicht mehr reingeht.

Die indonesische Küche, die wir ausprobierten, war ein Ereignis. Schade, dass ein Tag nicht ausreicht, andere Teile des Landes mit ihrer atemberaubenden Landschaft kennen zu lernen. Ich kann nur für mich sprechen, aber persönlich war ich froh, aus dieser Smogglocke wieder fort zu kommen.

Singapur war erneut ein Kontrast. Die Stadt war sauber, luxuriös und modern und leicht zu erkunden. Wir kamen etwas zu spät an Land, um noch viel vom Tag zu haben. Aber ich schätze, wir haben ein Gefühl für die Lebensatmosphäre unter den freundlichen Menschen in diesem Stadtstaat bekommen.

Der Hafen Singapurs ist ein Segen; wo alles etwas kompakter ist, beginnt direkt hinter den Toren die Innenstadt. City und Hafen sind ziemlich groß, wie wir lernen mussten, als keine U-Bahn mehr fuhr. Unser Nebengate war geschlossen und wir mussten zum Maingate hinein, was einen entnervenden Fußmarsch bis zurück ins Bett bedeutete. Ich sah endgültig ein, wie wenig für menschliches Leben geschaffen die Häfen doch sind. Alles ist für große, schwere Maschinen ausgelegt und man fühlt sich wie ein Liliputaner auf diesem Gelände.

Am nächsten Morgen durften wir nicht ausschlafen, sondern bekamen zum Glück Gelegenheit, die »Ludwigshafen Express« zu besichtigen, die ein paar hundert Meter oberhalb am Kai lag. Wir konnten »unser« Schiff vergleichen, im Maschinenraum Dinge wiedererkennen und stellten fest, dass sie zehn Jahre moderner eingerichtet ist als die »Frankfurt Express«. Das eine oder andere hätten wir vielleicht gerne ausgebaut und mitgenommen, zum Beispiel farbige Radarbildschirme, aber im Großen und Ganzen hatten wir uns so sehr eingelebt, dass wir nicht hätten tauschen wollen. Wir besaßen beispielsweise wenigstens einen richtigen Swimmingpool statt einer »Vogeltränke«.

Der Besuch auf dem verbrüderten Schiff wurde mit dem uralten Seefahrerbrauch des Videotauschens beendet und wir gingen wieder schlafen.

In Port Kelang, Malaysia, war die Liegezeit zu ungünstig, als dass sich eine Fahrt nach Kuala Lumpur gelohnt hätte. Wir blieben an Bord und halfen bei den Ladungs- und Reparaturarbeiten.

In derselben Woche lernten wir die Benutzung eines Pressluftatmers kennen und konnten bei einer Notfallübung mit einem Feuerlöscher zu Werke gehen. Wir lernten Knoten zu knüpfen, ohne die wir nie nach Hause hätten zurückkommen und behaupten dürfen, wir seien mal zur See gefahren. Und das Ende der Reise begann sich anzukündigen; für den formalen Abschluss unseres Praktikums begann das große Schreiben von Selbsteinschätzungen und Erfahrungsberichten.

Wir kehrten nach Colombo zurück und erkundeten diesmal die chaotische Stadt, die voller wildem Treiben steckt. Der Verkehr, die Vielfarbigkeit, die Menschen – alles war vergleichbar mit Jakarta, aber es hatte einfach mehr Charme in meinen Augen.

Die Reise ging auf ihr Ende zu. Dabei hatten wir alle gerade die Fähigkeiten erworben, die uns zu einer echten Hilfe für die Mannschaft machten. Wir reparierten Dinge, die schon lange mal in Schuss gebracht werden mussten. Wir sahen wieder Jeddah vom Deck aus, erwarben weiter theoretisches Wissen und überprüften zum ich weiß nicht wievielten Male entweder alle Feuerlöschschläuche oder alle Strahlrohre auf Funktionstüchtigkeit. Es ging zurück durch den Suez-Kanal und auf der Höhe von Ägypten fing ich wirklich an zu frieren. Dabei bin ich normalerweise eher dem Winter als dem Sommer zugetan und hatte deshalb vor der Reise auch ernstliche Zweifel bezüglich »Überleben« in den Tropen gehabt. Bei der langsamen Umstellung auf die wärmeren Temperaturen, verbunden mit Arbeit, die den Kreislauf in Schwung hält, hatte ich aber keine Probleme. Und nun machte mir das europäische Spätsommerklima zu schaffen.

Wir erhielten eine Berufsberatung. Wir liefen noch einmal Gioia Tauro an, diesmal im Hellen. Und alles in unserer letzten Woche an Bord sagte uns, dass es bald vorüber sein würde. Am letzten Tag hieß es Großreinemachen. Am Morgen des 9. September liefen wir wieder in Hamburg ein. Wir hatten die Möglichkeit, unsere Eltern, die uns abholten, über das Schiff zu führen und ihnen zu zeigen, wo wir in all der Zeit so gut untergekommen waren. Wir mussten uns verabschieden und in unser altes Leben zurückkehren.

Wieder an die Schulbank gefesselt, vermisse ich das Schiff. Die Arbeit, bei der man etwas schafft, das gute Essen, die abwechslungsreichen Tage, an deren Anfang man nie wusste, was einen tagsüber erwarten würde, – jede Woche ein anderes Land vor der Haustür – und den Swimmingpool nur eine Etage tiefer. Die Reise auf der »Frankfurt Express« hat mir die Möglichkeit gegeben, viel zu lernen, was ich jederzeit im späteren Leben brauchen kann und mich eine Zeitlang vom Alltag freigestellt. Acht Wochen seien eine ungewöhnlich lange Praktikumsreise, sagte man uns, aber ich hätte durchaus noch ein Stückchen weiter fahren können.


Seemannsgarn?

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