Martin liest «The Film Club»

Martin Josts Kulturkonsum

Freiburg. (mjeu/majo) David Gilmours »The Film Club« ist das erste Buch, das ich unbedingt haben musste, nachdem ich es nur in einem Schaufenster gesehen hatte. Untertitel und Tagline auf dem Cover stimmen ein auf:

No School. No Work. No Responsibilities. Just three Films a Week.
A Dad, his teenage Son and the Education he couldn’t refuse

Es handelt sich um Memoiren, also keinen Roman. David Gilmour ist ein kanadischer Medienmann, der von freier und Honorar-Arbeit lebt und einige Romane geschrieben hat. Er ist verheiratet und hat einen Sohn mit seiner Ex-Frau. Als seine Ex-Frau findet, ihr Sohn sei im richtigen Alter für eine Vaterfigur, besteht sie darauf, dass sie die Wohnungen tauschen und er die Erziehung übernimmt. Als Gilmour seinem Sohn ansieht, wie sehr er unter der tristen Schule leidet und wie sie sein Leben versauen kann, erlaubt er ihm, die Schule zu verlassen – unter der Bedingung, dass er jede Woche mindestens drei Filme mit seinem Vater ansieht und sich einen einleitenden Vortrag von seinem alten Herrn anhört. Denn Filme, so Gilmour, sind die einzige gemeinsame Basis, die sie haben; sie beide lieben Filme. Bei Büchern hört es für seinen Sohn aber schon auf. (Abgesehen davon, dass man Bücher viel schlechter gemeinsam lesen und an einem Tag abhandeln kann.)

Gilmour beschreibt witzig, wie er sich in schwachen Momenten dazu hinreißen lässt, seinem Sohn eine vorgekaute Lebensregel zu rezitieren, an die er sich im nächsten Moment selbst nicht hält. Er beschreibt die großen Zweifel, die er hat, dass er seinem Sohn Leben und Zukunft zerstört, indem er ihn vom Weg zu einem High-School-Abschluss abbringt. Alltagsgeschichten ziehen sich als roter Faden durch das Buch über die beiden Kerle: Sohn Jesses Verliebtheit in eine manipulative böse Frau namens Rebecca Ng und wie er nie über sie hinweg zu kommen scheint. Seine Abhängigkeit von Zigaretten. Vater Gilmours wechselhafte Karriere zwischen finanziellen Engpässen und Geld für großen Spontanurlaub.

Wofür man das Buch eigentlich liest und kauft, sind Filmgeschichte und Filmsprache, die man durch die Hintertür mitbekommt. Nicht alle Filme, die die beiden Protagonisten gesehen haben, werden im Buch besprochen. Aber mit allen Filmen, die erwähnt werden, gibt es im Anhang noch eine Liste – so eine Art Ausschnitt aus dem Kanon. Gilmour zeigt, wie sich Filme lesen lassen und wie sie sich auf das eigene Leben beziehen, selbst wenn die Verbindung nicht sofort offensichtlich ist. Er spricht aber auch viel über die Herstellung der Filme. Er bezieht die Biografie der Regisseure in die Deutung mit ein, erklärt sie zu Vorbildern oder mutmaßt, was sie in ihrem Werk ausdrücken wollten.

Leider kommen Filmlesen und Filmliebhaberei für meinen Geschmack zu kurz. Es sind kurze Momente, in denen der Vater referiert oder der Sohn philosophiert und es sind meistens isolierte Szenen: Beide sitzen auf dem Sofa oder auf der Veranda, aber diese abgeschlossenen Szenen der Filmanalyse sind getrennt von den restlichen Ereignissen in Jesses und Davids Leben. Intellektuell kann man den Parallelen folgen, die die beiden zwischen Leben und Kunst ziehen, aber schriftstellerisch gelingt es nicht, den Wert der Bildung mit Film-Literatur auf das Leben zu beziehen.

Von allem, was das Buch bietet, finde ich, enthält es ein bisschen und dabei von allem zu wenig. Ein bisschen skurrile Familiengeschichte, aber nicht genug um satt zu machen. Ein bisschen ist es eine Geschichte des Staunens eines alten Vaters über die Lebensschläue, die ihm sein Sohn voraus hat. Aber nur andeutungsweise. Ein bisschen ist es ein Entwicklungsroman, aber dann wieder nur Brocken von einem. Die Erzählung ist bis auf eine überflüssige Rahmenerzählung chronologisch. Aber mal eben wird ein Jahr übersprungen, in dem es scheinbar keine bemerkenswerte Entwicklung gab. Das macht es einem schwer, sich nieder zu lassen auf einen Schaukelstuhl und die beiden Charaktere zu begleiten. Jesses Entwicklung rutscht so durch, indem nur exemplarische Szenen und Gespräche nacherzählt werden.

Ich mag »The Film Club« und ich habe es gern gelesen. Ich hätte mir aber gewünscht, dass es die Versprechen des Covers quantitativ besser erfüllt hätte und besser strukturiert geschrieben gewesen wäre.

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