Weimar kleidet sich interessant

Gedrucktes

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Weimar kleidet sich interessant

Die australischen Virtuosen von »Naked Raven« spielten im mon ami

Von Martin Jost

Weimar. (tlz) Mancher heutige Hitparadenstürmer müsste sich schämen ob seiner unverdienten Arroganz, wenn er die australische Band »Naked Raven« live erleben würde. Eine Band, die genial komponiert, virtuos spielt und hinterher dem Publikum noch dankbar ist, dass es ausflippt.

Thüringische Landeszeitung (TLZ) vom 27. Juni 2002

Thüringische Landeszeitung (TLZ) vom 27. Juni 2002

Caerwin Martin auf dem Cello, Stephanie Lindner mit der Violine, James Richmond in einem Arsenal von Percussions und Janine Maunder am Klavier sind die vier klassisch geschulten Könner, deren letztere die Soli singt und in ihrem umfangreichen stimmlichen Spektrum ausgefeilt variiert. Kern der Band ist der Gitarrist Russ Pinney, der die Songtexte schreibt und komponiert. Weiter gedeihen die Stücke in gemeinsamer Arbeit, am Ende stehen sehr filigran arrangierte Popsongs.

Das Weimarer Publikum, das zum Teil nur auf dem Fußboden noch Platz fand, hörte zunächst betont entspannt zu, doch war schon nach dem ersten Lied gefesselt. „Das besonders Australische an unserer Musik ist die Melodie“, sagte Pinney nach dem Auftritt im mon ami. „Sie kann auch melancholisch sein, aber sie ist nicht so Blues-basiert wie die amerikanische.“

Stilistisch hört man ein wenig die irische Pub-Fidel früher australischer Siedler heraus. Die Musiker zaubern aber auch mystische Klänge von weitem Land und uralten Geistern, die ihre Musik als australischen Folk definieren, ohne sich konkret auf Aborigine-Traditionen zu beziehen oder sich auf das Klischee mit dem Didgeridoo auf der Bühne zu verlassen.

Nach jedem Song klatschten die Weimarer Zuhörer lauter und länger. In die anfangs noch ruhige Masse kam begeisterte Bewegung, und zum Schluss zwang Minuten langer Applaus die Band zu zwei Zugaben. „Vor deutschem Publikum zu spielen ist einzigartig“, sagte Pinney. „Es ist immer sehr respektvoll und bekommt dafür auch viel mehr zurück von den Künstlern.“

Von der Stadt selbst haben die „nackten Raben“ nicht viel sehen können. Pinney gewann nur einen allgemeinen Eindruck: „Es ist anders als andere Städte in der Umgebung. Es herrscht ein ganz eigenes Gefühl. Ach ja, und manche Leute sind sehr interessant gekleidet“, sagt er in seinem durchsichtigen roten Hemd und barfuß. Seine Texte handeln von allem, was mit Leben – speziell in Australien oder überall auf der Welt – zu tun hat, je nach dem, was die Hörer hinein interpretieren. Und das sollen sie tun. In ihnen sollen Emotionen geweckt werden und Nachdenklichkeit.

Das erste Weimarer Konzert der Band, die hinterher noch das Gespräch mit ihren neu geborenen Fans suchte, verließen viele Gäste mit der Absicht, die »Naked Raven« an Freunde und Bekannte weiter zu empfehlen. Die Band hätte es verdient, nicht länger Geheimtipp zu sein.

▼»Naked Raven« treten am 28. Juni bei den Kulturwochen Sömmerda auf.

Website mit aktuellen Tourdaten von Naked Raven: www.nakedraven.com

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