Martin liest Egon Friedell


Martin Josts Kulturkonsum

Egon Friedell: »Die Kulturgeschichte der Neuzeit«*

Ideen nach-denken; mit einem Buch, das zu schwer ist zum in den Händen Halten: Ein Partylöwe überrascht die Welt mit einer witzigen Kulturgeschichte.

Freiburg. (mjeu/majo) Egon Friedell war mir unbekannt, bis ich im Werbeheftle des Zweitausendeins-Geschäfts über ihn gelesen habe. Die kleine porträthafte Anzeige war überschrieben mit: »Herr, schmeiß’ Zeit zum Schmökern vom Himmel«. Das Buch ist Teil einer Reihe von Sonderausgaben bei Zweitausendeins mit überproportionierten Taschenbüchern (>A5) à jeweils über 1000 dünnen Zeitungspapier-Seiten mit Klassikern der Ideengeschichte für jeweils den Preis einer Sonderangebots-DVD. Die »Ilias«** und »Odyssee«*** zweisprachig, »Konfuzius’ Lehren«**** und »Finnegan’s Wake«***** sind unter anderem noch in dieser Reihe erschienen. Von denen hätte ich jeweils schon gehört gehabt, nur von Egon Friedell eben noch nicht.

Nach der Beschreibung im Merkheft war er ein Intellektueller im Wien vor dem Ersten Weltkrieg. Studiert, aber äußerlich uninteressiert an tiefem Denken, Caféhauspupser und bohémien Überall-mal-mitmachen-Schauspieler-&c.-Dilettant. Hätte man einen seiner Zeitgenossen aus diesen prätentiösen Jahrzehnten gefragt, was er wohl in seiner Freizeit zu Hause macht, hätte der wahrscheinlich über Drogen und viel Schlaf gemutmaßt. In Wirklichkeit schrieb Friedell aber ein viele tausend Seiten langes Konvolut namens »Kulturgeschichte der Neuzeit«, das jeden überraschte, der es vor sich auf den Tisch geknallt bekam. Es ist ein Essay, der chronologisch logisch fließt aus der Renaissance bis in den Ersten Weltkrieg. Egal, wo ich das Buch aufschlage, rutsche ich immer in kürzester Zeit in einen Gedanken, den Friedell zugänglich macht.

Da die Bewegungen und Veränderungen, die unseren Sinnen zugänglich sind, an Schnelligkeit mit dem Licht niemals auch nur entfernt verglichen werden können, wird unser praktisches Leben von den Enthüllungen Einsteins ebenso wenig berührt wie von der Depossedierung des ptolomäischen Systems durch das heliozentrische. Während der ganzen Neuzeit ging die Sonne ebenso auf, wie sie es bisher getan hatte und immer tun wird; aber das Weltgefühl erfuhr eine entescheidende Umorientierung.***** *

Friedell versucht nicht, neutral zu bleiben. Das Besondere sind ja sein Pragmatismus und seine Um-die-Ecke-Sichtweisen. Philosophische Ideenkonstrukte, die sich einem nicht zugänglich machen wollten wie harter Stuhl, knackt Friedell mit seinem ganz eigenen Werkzeug. Für einen Zugang zu vielen philosophischen Schulen ist er eine große Schuhanziehhilfe. Gleichzeitig muss man seine explizite Abneigung gegen Atheistentum herausrechnen (Friedell ist vom Judentum zum Katholizismus konvertiert, war also sehr bewusst religiös) und die unabwendbar ungeeignete Perspektive auf zeitgenössische, sehr nahe Weltbilder. Einerseits ist spektakulär, wie gut er aus der Nähe die Auswirkungen der Relativitätstheorie einschätzen konnte. Im gleichen Atemzug beschreibt er uns aber Hanns Hörbigers »Glazialkosmogenie«, ein Erklärungsmodell für Planetoiden-Entstehung, das nach heutigem Wissensstand zurecht in Vergessenheit geraten ist:

Etwa zehn »Zwischenmerkure« haben sich bereits mit der Sonne vereinigt und mehrere »Zwischenmarse« mit der Erde, die zuerst von ihr zu Monden gemacht und schließlich »niedergeholt« wurden: auch unser jetziger Mond war ursprünglich der Planet Luna zwischen Mars und Erde, und der Mars wird unser letzter Mond sein. […] Auch die Flut, die vor etwa vierzehntausend Jahren der Einfang unseres derzeitigen Mondes erregte, eine Art von ins Riesenhafte gesteigerten »Gezeiten«, hat das Antlitz der Erde wesentlich verändert: ihr fielen der Kontinent Atlantis zwischen Amerika und Afrika, das Osterinselreich im Westen Südamerikas und Lemurien, die breite Brücke zwischen Ostafrika und Indien, zum Opfer.***** **

Schlau ist nicht, ein Buch mit den Erkenntnissen seiner Zeit zu füllen, ohne dass sie je widerlegt werden, aber schlau ist, ein Buch zu schreiben, das Ideen durchschaubar macht und das man gerne liest. Friedell ist nicht mehr dazu gekommen, die geplanten Kulturgeschichten des antiken Griechenlands, Roms und des Christentums bis vor der Renaissance zu schreiben. Als 1938 Nazis an seine Wiener Haustür klopften, zog er es vor, aus dem Fenster zu springen. Der Wikipedia-Artikel über ihn lässt nicht die Erzählung aus, er habe noch höflich die Passanten auf dem Trottoir gebeten: „Bitte treten Sie zur Seite!“ Uns ein sättigendes Buch zu hinterlassen, war auch sehr höflich.

Diese Woche zu Ende gelesen:

Peter-André Alt: »Friedrich Schiller«***** ***

Diese Woche angefangen:

J. P. McEvoy & Oscar Zarate: »Introducing Quantum Theory. A graphic Guide to Science’s most puzzling Discovery«***** ****

Richard Appignanesi & Oscar Zarate: »Introducing Freud. A graphic Guide to the Father of Psychoanalysis«***** *****

Karl-Heinz Leven: »Geschichte der Medizin. Von der Antike bis zur Gegenwart.«***** ***** *

Frank Degler, Ute Paulokat: »Neue Deutsche Popliteratur«***** ***** **

Egon Friedell: »Kulturgeschichte der Neuzeit, Kulturgeschichte Ägyptens«***** ***** ***

Johann Wolfgang Goethe: »Faust«***** ***** **** (wieder)

*QB ++

**EB ++

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****QB +

*****EB ++

***** *Friedell, Egon: Kulturgeschichte der Neuzeit. Kulturgeschichte Ägyptens. Frankfurt a. M. 2009. S. 992.

***** **Ebd., S. 993.

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***** ***** *UB +

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