Es ist alles schon da, man muss es nur sehen

Kunst-Stück des Monats

Von Paul Pretens

Pullerzimmertapetenkacheln

Harri Dünong: »Pullerzimmertapetenkacheln«. Digital bearbeitetes Foto. Freiwehr 2009. • Zum Download als Wallpaper (1584 x 990 px; optimal für Breitbild-15-Zoll-Displays) bitte auf das Bild klicken • © Alle Rechte vorbehalten

Freiwehr. (mjeu/ppt) Vor etwas über einer Woche war ich auf einem Vortrag mit dem Titel »Fire And Ice in der Rechtsmedizin«. Referate von Rechtsmedizinern sind nach meiner Erfahrung immer sowohl erhellend und unterhaltsam als auch gespickt mit guten Sprüchen.

Beispiel: »So, da sehen wir ein – abgesehen von der nackten Leiche – sehr schönes Herbstbild.« Oder, als Kommentar zu der abschließenden Power-Point-Folie, die eine histologische* Aufnahme »Basaler Tubulusepithelverfettung der Nieren« (irgendwas, was mit den Zellen bei Erfrierung passiert) zeigte: »Man ist ja immer angehalten, als letzte Power-Point-Folie ein schönes Bild zu zeigen. Als Rechtsmediziner ist man da meistens angeschmiert.«

Jene histologische Aufnahme einer brutalen und letztendlich im Ganzen tödlichen Schädigung des Körpergewebes zeige aber doch auf eine Art, wie viel Schönheit in der Natur stecke. Und überhaupt sei das Motiv ja nicht so weit entfernt von der Optik einer Wandtapete aus den Siebzigerjahren.

Das Werk im Werden

Das Werk im Werden: »Die bei alltäglichen Lichtverhältnissen aufgenommenen Fotoschnipsel des Mosaiks lassen sich gar nicht so zusammenfügen, dass es sichtbar keine Nahtstellen und Anschnittfehler und Perspektivprobleme im großen Ganzen gäbe.«

Ich steige mit dieser abgelegenen Einleitung ein, weil die Analogie auch zu den Klokacheln passt, die im neuesten Werk des Fotokünstlers Harri Dünong die Sinne erstaunen.

Kontext für das Werk muss eine Gesellschaft wie unsere sein, in der Profanität kein Aufreger mehr ist, sondern ein Gegebenes, eine beiläufig a priori existente Abmachung. Die Pissoirs sind denn auch nicht Zentrum des Werks wie noch bei Marcel Duchamp, sondern sie gleiten aus dem Bild. Sie verlassen es. Sie geben dem Auge das Setting und lokalisieren das Motiv, ohne ganz Teil zu sein.

Das Motiv ist eine scheinbar endlose Wand aus rotbraunen Kacheln mit einem psychedelischen Fraktalmuster. Können Sie sich vorstellen, an so einem Ort zu strullen ohne ein Vertigo zu erfahren und verwirrt sonstwo hin eine Pfütze zu machen? Nichtsdestotrotz** gibt es dieses Klo, irgendwo in Deutschland. Denn Motiv ist kein Studio-Arrangement, sondern ein realer Ort.

Mosaikal werden sie zu einem großen Motiv zusammen gefügt. Kunst ist ja mehr als die Summe seiner Teile und so werden zwei Pissbecken und ein Haufen Kacheln zu einer Allegorie für die Überforderung des Menschen mit sich selbst; zu Desorientierung auf dem Gradnetz des Lebens und zur Vorführung seines teilweise abgefahren pervertierten Ästhetikbegriffes.

Digitale Bildbearbeitung hat die Wand größer gemacht als sie in Wahrheit ist und außerdem subtil surreal vergleichmäßigt, denn die bei alltäglichen Lichtverhältnissen aufgenommenen Fotoschnipsel des Mosaiks lassen sich gar nicht so zusammenfügen, dass es sichtbar keine Nahtstellen und Anschnittfehler und Perspektivprobleme im großen Ganzen gäbe.

Doch um die Desorientierung zu vergrößern, sind nicht alle Fehler beseitigt; Manche Kacheln und Kachelreihen sind imperfekt. Da lädt der Künstler das Bild mit einer ganz neuen Bedeutungsebene auf: Die Natur ist vielseitig, ihre Zellen sind alle Unikate. Und auch die Welt, die der Mensch sich gitternetzartig*** baut, hält in manchen Punkten dem Druck nicht stand. Ihre Zellen sind gestaucht.

Harri Dünong versuchte sich jahrelang, bevor er Künstler wurde*** *, mit Cover- und Layoutdesign für ambitionierte*** ** postmoderne *** *** konzeptuelle*** *** * Zeitschriften-Studien**** ****. Seine Agenda war schon da die Überzeugung, dass wir eine visuelle Kultur bevölkern und die Botschaft: »Die Grafik hat ein Wörtchen mitzureden.«*** *** ***

Famos, wie er uns heute vorführt, dass wir in puncto Bilder lesen alle unterschiedlich alphabetisiert sind. Wir alle sehen das selbe Bild und lesen daraus doch unterschiedliche Fragen. Andersherum, ein Bild kann nicht – wie ein Buch – einige seiner Aussagen zwischen den Zeilen verstecken oder auf die hinteren Seiten verbannen. In einem Bild braucht niemand blättern: Es ist alles schon da, alles an der Oberfläche. Wir entscheiden, was wir sehen. Was uns das vorführt, ist ein multifacettiertes*** *** *** * Werk.

* Histologisch ist wenn* Mediziner Zellgewebe unter dem Mikroskop untersuchen. Ich habe Medizinstudenten über bunten Fotobildbänden hängen und die Muster von eingefärbten Lungengewebs-, Herzmuskel-, Bauchspeicheldrüsen- und exotischen Zellen pauken sehen.

* In der Schule habe ich gelernt: Beginne Definitionen nie mit »X ist wenn…«. Was mir die Schule verboten hat, tu ich nun als Erwachsener mit umso größerer Lust.*

* Dass ich immer mehr zur Verwendung nicht nur von Fußnoten, sondern von verschachtelten Fußnoten mit Unter-Fußnoten übergehe, die für Leser von Online-Texten zugegebenermaßen unpraktisch sind (zumal wenn der Autor der Online-Texte nicht blickt, wie er Anker-Links in WordPress’ WYSIWYG-Editor herstellt), ist mir bewusst und lässt sich eindeutig darauf zurück führen, wie viel David Foster Wallace ich zur Zeit lese. Bleibt zu hoffen, dass die Fußnotensache sich wieder zurück bildet, wenn ich mit Herrn Wallace fertig bin.

** 2004 mein Vorschlag auf einer Postkarte zur Wahl des schönsten deutschen Worts.

*** Man denke nur an die Pläne moderner Städte. (Das ist ein Klischee, ich weiß. Wenn er jetzt noch New York sagt – New York! – Halt’s Maul!

*** * Wenn schon kein Geld verdienen, dann wenigstens mit etwas, das aber Spaß macht.

*** ** = prätentiöse

*** *** = irrelevante

*** *** * = aussichtslose

**** **** In der Verlagssprache »Dummys«.

*** *** *** Dünong, Harri: »Warum ich lebe (und Kunst mache)«. In: Ego-Bulletin. Periodikum für den selbst-bewussten Künstler. Freiwehr, Deutscher Verlag der Transpostmoderne. 2008:3. S. 17–21.

Paul Pretens ist unabhängiger Kunstkritiker aus Freiwehr. Er möchte bald sein eigenes Blog starten.

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Eingeordnet unter 01 Hallo Woche! (MO), Kunst-Stück des Monats

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