Die Stadtneurose I

Gedrucktes

Gedrucktes

Da war er nun, der John. Sekunden vorher hatte er noch in einer so vollkommen anderen Existenzform festgesessen: als bloßer Gegenstand ohne jede Wahrnehmung der Welt um ihn herum. Er war nämlich nichts gewesen als eine Statue eines ach so tiefgründigen plastischen Kunstwerks feinster Güte, das übrigens vor dem Neuen Museum stand.

Thomas Schütte: »Großer Geist«.

Thomas Schütte: »Großer Geist«. (Plastik vor dem Neuen Museum in Weimar.) Bronze poliert, farblos lackiert. Entwurf 1997, Ausführung 1998.

Bis vor ein paar Sekunden. Nun hatte in einer stürmischen Winternacht das Flashlight des Neuen Museums auf einmal ausgesetzt. Anwohner hatten aus den Fenstern geblickt, weil sie etwas vermissten. Der Scheinwerfer hatte sich minutenlang mit Weimarstrom aufgeladen, bis er die geballte Ladung Kraft nicht mehr hatte halten können. Blitz! Mit diesem wurde so viel Energie auf einmal frei, dass die Fenstergaffer für Stunden erblindeten, der Himmel über Weimar noch in Tröbsdorf rötlich aussah und der Mann mit dem goldenen Äußeren un dem undefinierten Inneren, in das der Künstler seine ganze Seele gesteckt hatte, zum Leben erweckt und von seinem Sockel befreit wurde. Da war er auf einmal ein lebendes Geschöpf. Welch interessante Erfahrung. Doch was anfangen mit der neu gewonnenen Identität? Unter Menschen gehen? Nein, das konnte er nicht wagen. Sein Erschaffer mochte ambitioniert gewesen sein, aber ganz sicher kein Ästhet: Er hatte ein Monster geschaffen. Doch John, der Goldene Mann, hatte ein Ziel…

»Die Stadtneurose I«. journal d’ami Nr. 1 (Herbst/Winter 2000).

»journal d’ami« Nr. 1 (Herbst/Winter 2000).

Martin Jost

3 Kommentare

Eingeordnet unter 02 Gedrucktes (DI), Genius Loci

3 Antworten zu “Die Stadtneurose I

  1. »Die Stadtneurose« trägt die römische Eins als Zusatz, weil es der erste Teil einer Fortsetzungsgeschichte werden sollte.
    Welches Ziel hat der große Geist? – Leider hatte das »journal d’ami« (mehr unter https://martinjost.wordpress.com/2009/03/31/gedrucktes-%C2%BBwe-all-are-hunters-of-the-unicorn%C2%AB/) mit seiner Kurzgeschichtenseite keine Zukunft. Jetzt ist es genau neun Jahre später und die Fortsetzungsgeschichte wird endlich fortgesetzt: Ab Donnerstag, 15. Oktober, gibt es auf martinJost.eu jede Woche eine neue Folge.

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