»Man fühlt sich wie bekifft«


Martins Aura auf Polaroid

Der Mann hatte eine Polaroid, die Auras ablichten kann. Meine Aura sei in der oberen Shakre etwas pink, befand er. »Ohje pink. Ist das nicht schlimm?«, sagte ich. – Nein. Das heiße bloß, dass ich sehr keimzellengesteuert sei. Halloho, 16-Jähriger!

Meditation und Hirnwellen-Training im mon ami

Ungedruckt: März 2001

Weimar. (jda/majo) »WIE WACHSE ICH ÜBER MICH HINAUS? Mit Hirnwellentraining zu Kreativität, Gesundheit und Erfolg«, steht ganz oben auf dem Flugblatt, das zu einem »Vortrag mit Experimenten zu neuen praktischen Ergebnissen der Hirnforschung« einlädt. Es ist mit einem dinosaurischen Technicum namens Schreibmaschine gestaltet worden und wurde mir von leicht belämmert dreinblickenden Menschen auf der Straße in die Hand gedrückt.

Am 12. März 2001 konnte man jeweils um 16:00 und 20:00 Uhr etwas alternative Erkenntnisse der Wissenschaft kennen lernen. Ein herausragend netter und umgänglicher Mann namens Ludwig Bitter, Gründer und Chef des privaten Instituts für Biophysik und Lebensenergieforschung in Hechingen, erzählt einem etwas von Gitternetzlinien, aus denen wohl irgendwie die ganze Welt und das Universum sowieso aufgebaut seien und die mancherorts dichter und komplexer verliefen; von stehenden Wellen, die man untersuchen müsste um herauszufinden, an welchem Punkt der Erde beispielsweise kalte Fusion funktionieren würde; von neuen Messgeräten, die Frequenzen im, ja wirklich, Nano-, Piko und Femto-Ampere-Bereich (irgendwas bei 10–15) »sensortechnisch-berührungslos« aufnehmen können und so weiter. Dieser Vortrag ist eine einzige Ansammlung von Fetzen und Brocken, gespickt mit Fremdworten, die nur, wenn man sie nicht kennt, zusammenpassen und ellenlangen Satzkonstruktionen, die die Absicht haben, einen zu verwirren, damit man nicht merkt, dass der Mann, der sie formt, sich um ein Verb herum mogelt.

Dann folgt eine angeleitete Meditation vom Band; man schwebt zu fremden Planeten und sucht »ein außergewöhnliches Hirnwellenmuster, den erwachten Bewusstseinzustand, methodisch sicher auf«, mit der Folge, dass das »eher zufällige Glück guter Einfälle durch einen willentlich verfügbaren methodisch ausgereiften Weg ersetzt« wird. – Und man sich »wie bekifft fühlt«, kommentiert eine junge Zuhörerin.

Drei Freiwillige bekommen jeweils drei Polaroid-Fotos von ihrer Aura, dem feuerwerksbunten Energiefeld, das jeder mit sich herum schleppt und an dem man viel über einen Menschen und seinen Zustand ablesen kann, zum Sonderpreis von 30 DM. Anhand dieser Fotos wird der Vorher-Nachher Effekt demonstriert: Miese Aura am Anfang – ausgeglichene, strahlende Aura nach der Meditation.

Auch ältere Aura-Aufnahmen werden gezeigt, zum Beispiel eine von einer schwerst Grippe-Kranken, die innerhalb eines Tages durch Bestrahlung mit einer Frequenz von 391 kHz vollständig geheilt wurde. Die Geräte, mit denen man sich bestrahlen lassen kann, gibt es auch zum Ansehen. Selbst, wenn man sie nicht besitzt, spricht ja nichts dagegen, sich vor Ort Fachliteratur zu kaufen, in der die Frequenzen für nahezu alle physischen und auch psychischen Probleme aufgelistet sind. Herr Bitter selbst hat jeden Apparat mit seinen – der Schulmedizin zufolge unheilbaren – Hautpilzen ausprobiert und beste Ergebnisse erzielt.

Raus hier!

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 05 Wochenende (FR), Ungedrucktes

Eine Antwort zu “»Man fühlt sich wie bekifft«

  1. In meiner Rubrik »Ungedrucktes« erhalten Texte, die ich mal umsonst geschrieben habe, doch noch einen Sinn im Leben.
    Diese Reportage über den Vortrag eines esoterischen Heilers schrieb ich im Frühjahr 2001. Sie sollte in der zweiten Ausgabe des Jugend-Kulturmagazins »journal d’ami« des Weimarer »mon ami« erscheinen. Nur war dem »journal« leider eine zweite Ausgabe nicht vergönnt.
    https://martinjost.wordpress.com/2009/03/31/gedrucktes-%C2%BBwe-all-are-hunters-of-the-unicorn%C2%AB/
    https://martinjost.wordpress.com/?s=journal+d%E2%80%99ami&searchsubmit=Finde+%C2%BB+

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