Doppelleben

journal d’ami No. 1 (Herbst, Winter 2000)

Dieses Interview erschien gedruckt im «journal d’ami» No. 1 (Herbst, Winter 2000)

Hier klicken um diesen Artikel als PDF zu öffnen.

Menschen führen Doppelleben. Neben ihrer Arbeit beschäftigen sie sich auch noch mit ganz anders gearteten Projekten.

Solche Leute wollen wir euch vorstellen.

Den Anfang machen wir mit Torsten Wunderlich, der bis vor Kurzem eine ABM-Stelle im Kommunalen Kino inne hatte. Parallel dazu bereitete er sein erstes Filmprojekt vor:

journal d’ami: Vielleicht kannst du einfach mal kurz abreißen, was für ein Projekt das ist, welches Genre, welcher Inhalt?

Torsten Wunderlich: Das Projekt heißt «Junk-Dilemma». Vom Genre her ist es, wenn man es analog zum Theater ausdrücken wollte, eine dramatische Geschichte, die in Rückblenden erzählt wird und von zwei Junkies handelt. Die beiden sitzen auf einem Polizeirevier und die Fragen der Polizeibeamten verursachen bei ihnen eine bruchstückhafte Erinnerung. Letztendlich kommt zutage, dass sie im Drogenrausch jemanden getötet haben.

Was hat dich zur Umsetzung dieses Themas inspiriert?

Doppelleben

Doppelleben

Ich habe mit Bekannten, die als Sozialarbeiter speziell in Jena tätig sind, Gespräche geführt. Von ihnen und im weiteren Verlauf der Recherchen erfuhr ich, dass allein nach der Wende Drogenkriminalität und Drogenkonsum extrem angestiegen sind. In der ersten Zeit starben in Thüringen insgesamt vier Menschen an Drogen pro Jahr. Bis heute ist das aber angestiegen; allein im Jahr 1999 gab es schon acht Drogentote. Und das wird bis heute ignoriert. Gerade in den Städten wie Weimar und Jena habe ich bei diversen Dezernenten nachgefragt. Das ganze Thema interessiert die letztendlich überhaupt nicht. Ich erhebe mit meinem Film zwar keinen großen moralischen oder pädagogischen Anspruch, aber ein bisschen aufrütteln möchte ich schon.

Wo hast du denn die Start- und Finanzkraft für deinen Film bekommen, fandest du da Unterstützung?

Ich habe mein Drehbuch glücklicherweise bei Neuer Deutscher Film eingereicht, die hatten zusammen mit diversen öffentlich-rechtlichen Sendern und allen möglichen Filmförderungen ein Script-Projekt aufgelegt und Autoren beziehungsweise junge Filmemacher ausgewählt. Zwölf Stück an der Zahl, eben die zwölf Kurzfilme, von denen sie meinten, dass sie es wert sind, gemacht zu werden. Und das Gute ist, dass die NDF, eine ziemlich große Produktionsfirma, von der Produktion bis zum Verleih alles übernimmt. Das ist, denke ich, sehr günstig. Sonst sind Produktion und Verleih getrennt, es wird oftmals produziert, bevor man einen Verleih hat und man bekommt im Nachhinein oft Schwierigkeiten, das Ding in die Kinos zu bekommen. Und das passiert hier nicht. Diese 12 Kurzfilme sollen in Berlin gezeigt werden.

In welchem Rahmen werden die Filme in Berlin gezeigt?

journal d’ami Nummer 1, Seite 3

journal d’ami Nummer 1, Seite 3

Bei den Kurzfilmtagen. Das ist ein Festival, das insgesamt drei Tage dauert. Dort werden die Filme präsentiert und anschließend wird überlegt, wie man sie koppeln kann, wie man die Kurzfilme vermarktet, indem man sie beispielsweise als Vorfilme in die großen Kinos mit rein nimmt.

Du machst also Drehbuch und Regie bei diesem Film. Wie hast du die anderen Beteiligten aufgetrieben? Sind das Leute, die du kanntest oder hast du ein offizielles Casting veranstaltet?

Die Leute aus dem Team kenne ich zum größten Teil alle ziemlich gut. Zum Beispiel den Kameramann, zwei Beleuchter, mit denen ich auch schon zu tun hatte, die Produktionsleiterin… Das ist mir wichtig, weil man beim Kurzfilm nicht, wie bei längeren Filmprojekten, monatelang Zeit hat, sich erst an die Leute zu gewöhnen. Eine Woche Drehzeit ist letztendlich nicht sehr viel. Da ist es natürlich gut, wenn man mit Menschen zusammen arbeitet, die man bereits kennt und gut einschätzen kann. Und für die Schauspieler wer wir durch diverse Schauspielschulen reisen und dort die Leute casten.

Und wo wird der Film gedreht werden?

Er wird hier in Thüringen gedreht, zum Großteil in Eisenach und Gera, weil wir dort die Locations gefunden haben, die für unseren Film ideal wären.

Kannst du ein paar Daten nennen?

Die Dreharbeiten beginnen im September. Eigentlich sind wir schon seit einiger Zeit dabei, zum Beispiel sporadisch Drehorte auszusuchen. Ab September wird es richtig hart und stressig, dann geht die ganze Sache los; restliche Schauspieler suchen, die ganze Vorbereitung, die Technik muss bestellt, der Film versichert werden. Geplanter Drehbeginn ist der 10. Oktober. Darauf eine Woche Drehzeit, dann beginnt sofort die Postproduktion, die sich bis November, Dezember hinziehen wird.

Wie hast du deine Tätigkeiten, Drehbuchschreiben und Regie, vorbereitet? Hast du das speziell gelernt oder Workshops absolviert?

journal d’ami Nummer 1, Seite 4

journal d’ami Nummer 1, Seite 4

Immer wieder Workshops. Die werden zum Teil von der Mitteldeutschen Medienförderung organisiert oder von Drehbuchwerkstätten, in denen man recht intensiv vorbereitet wird. Und dann braucht man auch immer wieder eine Rückmeldung zu seinen Drehbüchern, indem man sie zum Beispiel an spezielle Verlage gibt, die lektorieren. Denn irgendwann gerät man an einen Punkt, wo man einfach nicht mehr weiter kommt. Man ist dann sozusagen betriebsblind und braucht wirklich eine objektive Bewertung, die einem sagt, wo noch Schwachstellen liegen.

Für den Fall, dass dies hier jemand liest, der vielleicht auch Interessen in dieser Richtung bestitzt, aber sich im Moment erstmal nur informieren will, könntest du dann eine Adresse empfehlen, wo man Materialien anfordern kann?

Dafür sind speziell die Drehbuchwerkstätten oder die Interessenverbände geeignet, die für jeden Bereich des Films, für den man sich interessiert – Kamera, Regie, Produktion, was auch immer – einen eigenen Interessenverband haben. Die haben in der Regel ein- oder zweimal im Jahr auch offene Tage, wo man sich auch mal intensiver informieren kann, mit den Professoren ins Gespräch kommt und sich erste Eindrücke verschafft. Oder man wendet sich an Verlage beziehungsweise Agenturen wie das Scripthouse, wo Drehbuchautoren und Lektoren arbeiten, die sich wirklich intensiv um den Nachwuchs kümmern. Literatur gibt es auch jede Menge. Oliver Schütte zum Beispiel hat «Die Kunst des Drehbuchlesens» geschrieben und «Die Kunst des Drehbuchschreibens», als Fortsetzung.

majo

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 02 Gedrucktes (DI)

Eine Antwort zu “Doppelleben

  1. Leider habe ich seit meinem Interview mit Torsten Wunderlich im Jahr 2000 nichts mehr über sein Projekt gehört. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob «Junk-Dilemma» seinen Arbeitstitel behalten hat.
    Wenn du den Film gesehen hast oder weißt, wo es im Internet Informationen darüber gibt, dann poste bitte einen Link in diesem Thread. Danke!

Sag, was du denkst!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s