Der Anfang der Metapher

Das Infinite-Jest-Logbuch (1)

Vorbemerkungen

Freiburg. (mjeu/majo) Zwei ur-menschliche Sinne regen sich in mir, wenn ich David Foster Wallaces Roman «Infinite Jest»* (auf Deutsch: «Unendlicher Spass») vor mir sehe: Ehrfurcht und Prokrastination.You-are-here-1

Dann denke ich bei mir: Wo ich ohnehin lange, lange, lange in diesem Buch unterwegs sein werde, tut ein Tag früher, den ich in See steche, doch nichts zur Sache.

„Einen Roman von fast 1600 Seiten zu übersetzen, gleicht einer Ozeanüberquerung mit einem Kleinflugzeug. Heißt der Autor des Romans David Foster Wallace, ist sogar der Mars anzupeilen“, verbildlicht Harald Jähner in der Berliner Zeitung** die Leistung des Übersetzers Ulrich Blumenbach. Blumenbach hat «Infinite Jest» sechs Jahre lang ins Deutsche übertragen.

Anfang der MetapherInfinite-Jest-Boot-1

Kleinflugzeug, Marsraumschiff – dann ist ja die nautische Metapher noch für den Leser frei. Meine unübersetzte Taschenbuchausgabe von «Infinite Jest» hat (samt Endnoten) 400 Seiten weniger als die deutsche Version; dafür ist jede Seite eine Hochseelandschaft aus Buchstabendünung und lässt kein Land mehr sehen. Ich fürchte, das Boot, mit dem ich vom einen Buchdeckel zum anderen kreuzen will, ist eine knarzende kleine Schaluppe. Wenigstens will ich sie noch im Hafen gehörig überladen, damit ich vielleicht untergehe, aber zumindest nie den Proviant vermisse.

Seekarten

Ich studiere Interviews, Rezensionen und das unendlicherspass.de-Blog wie Seekarten und kann mir kein Bild machen von dem Land, in dem ich ankommen werde.

Warum glaube ich denn, dass es mir unterwegs in dem Buch gefallen wird? Weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass Wallace kafkaesk schreiben kann, weil ich seine Kurzgeschichte »Wiggle Room« gelesen habe. Ich weiß, dass Wallace verstanden hat, dass Kafka witzig ist, weil ich seinen Vortrag »Laughing With Kafka« gelesen habe. Außerdem spricht er darüber in seinem Interview mit dem ZDF. Ich weiß, dass Wallace einem gern eine Tür in seine sympathischen Neurosen und sein verspultes Menschenbild offen lässt, weil ich seinen Essay »A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again« gelesen habe. Ich weiß auch, dass er auf einige originelle Einsichten über die Massenmedien gekommen ist, weil ich gerade »E Unibus Pluram. Television and U.S. Fiction« lese. (Ich bin gespannt, ob sich weiterdenken lässt, was Wallace wohl über das Web 2.0 geglaubt hätte.) Und ich weiß, dass dem Roman die Leckerli nicht ausgehen und er noch nicht mal den Mann, der ihn sechs Jahre jeden Tag las, angekotzt hat, weil im SF-Literaturclub der Übersetzer keine bleibenden Schäden davon zu tragen schien.

Ach was soll’s, ich lese los. Mehr als auf Grund laufen kann ich ja nicht.

*EB+

**»Alles was man hört, hat Zähne«. Berliner Zeitung vom 24. August 2009.

3 Kommentare

Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, »Infinite Jest«-Logbuch, Martin liest

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