April, April

Das «Infinite Jest»-Logbuch (4)

Mit einem Exkurs zu Kapitelzählung

0032<|>1047. Kapitel 3. Regen + milde Luft nach feuchter Kälte. Zeitumstellung. Infekt während noch Land achtern. Kreuzen  und Familiarisierung; kurze Etappen.

Kapitelkullerchen

Maximal diffizil: Wofür stehen die Kullerchen mit Billigschatten, die manche Überschriften kennzeichen?

Hal Incandenzas Papa spielt ihm den unverhältnismäßigsten Aprilscherz ever. Alles ist immer noch zu befremdlich um bedingungslos unterhaltsam zu sein.

Großes Problem gehabt: Wie zählt man die Kapitel? Als Kapitel gewertet habe ich zunächst alles, was eine großbuchstabige Überschrift mit einem Jahresnamen hat. Nun sind manche dieser Überschriften in meiner englischen Taschenbuchausgabe mit einem Kullerchen gekennzeichnet, das einen brachialen 3-D- oder Schatten-Effekt aufweist. Was kennzeichnen die Kullerchen?

Wie sich heraus stellt, sind die Kullerchen die eigentlichen Marker für Kapitel. Es ist nur ganz am Anfang verlässlich so, dass ein neues Jahr mit einem neuen Kapitel koinzidiert. Es passiert auch durchaus, dass unter einem Kapitelkullerchen drei Zeilen Erzählung stehen und dann schon eine Jahres-Überschrift folgt.

Der Anfang hat mich getäuscht, indem bis jetzt noch jeder Wechsel des erzählten Jahres mit einem Kapitelbeginn einhergehen. In späteren Kapiteln wechselt das erzählte Jahr durchaus öfter innerhalb eines Kapitels.

Zu meiner Orientierung habe ich die Kapitel mit Bleistift nummeriert. Zuerst ganz falsch.

Durch «Infinite Jest» blättern ist wie ein Sprint durch ein Telefonbuch.

«Infinite Jest» hat 28 Kapitel. Durchschnittlich 38,5 Seiten je Kapitel. Das ist bedrückender, wenn ich bedenke, dass ich auf Seite 31 bin und schon drei Kapitel absolviert habe. Kapitel 4 ist nur eine Seite und drei Zeilen lang. Nach hinten werden die Kapitel unverhältnismäßig lang. Manche sind so lang wie ganze Romane von anderen Autoren. Manche Kapitel werde ich nicht nur nicht in einem Tag schaffen, ich werde Wochen für sie brauchen.

Auf unendlicherspass.de haben sie die Kapitel für ihre Zwecke auch nummeriert – und zu Unterkapitelnummern gegriffen.

Es sieht postmodern vielseitig aus in diesem Buch. Manche Kapitel sind in Dramenform geschrieben (wie zum Beispiel auch «Das Parfum»), anderswo gibt der Satz die Form eines elektronischen Briefes wieder. Und es gibt auch Seiten, die enthalten – gedruckt natürlich, es ist alles Teil des Buches – Schmierereien und Korrekturen.

Im Year of the Tucks Medicated Pad ist Hal Incandenza zehn Jahre alt.

Er hat einen Termin bei einem professionellen Konversierer und betritt neugierig und unsicher dessen Praxis. Er entlarvt ihn aber bald als seinen verkleideten Vater, der ihn am ersten April aufs Kreuz legen will. Um irgendetwas über seinen Sohn heraus zu finden? Zum Beispiel, ob er wirklich so übertalentiert ist, dass er Wörterbücher wörtlich aus dem Kopf zitieren kann?

Das Kapitel ist in dem Punkt erholsam gegenüber Kapitel zwei, als es viel wörtliche Rede hat (und damit auch viele Absätze) statt eines nicht abreißenden inneren Gedankengangs.

Es ist sogar voller umgeschriebener Geräusche, die zwischen der Konversation zu hören sind – statt zum Beispiel nur aus Gespräch und Beschreibung zu bestehen.

Was ist eigentlich Wallaces Verbindung zum Deutschen? Das habe ich noch in keinem biographischen Artikel bewusst gelesen. Konnte er Deutsch? Er benutzt überdurchschnittlich viele deutsche Vokabeln, ohne sie zu erklären und in Kapitel 3 ist die Rede vom «Der Spiegel», den es offensichtlich in Wallaces Vision von der Zukunft noch gibt.

Was mir nicht ganz klar wird im Austausch von Hal mit seinem Vater: Warum verstehen sie sich nicht? Es ist lange die Rede von Hals Speichelmangel und ekligem Schmatzgeräusch beim Sprechen. Aber dann einigen sie sich darauf, dass Hal eine Seven-Up trinkt.

Snow-White knew Seven-Up wasn’t a soft drink.*

Aber dann redet Hals Vater erregt an ihm vorbei. Hal versucht – wie schon in Kapitel 1 – verzweifelt, sich verständlich zu machen. Aber er redet, redet und schreit, aber sein Vater scheint ihn nicht zu verstehen. Im Augenblick erhält Hal von mir den Benefit of the Doubt. Ich unterstelle seinem Vater, dass er einigermaßen geistesgestört ist.

Schließlich und endlich muss ich noch sagen, dass ich im Angesicht der ausufernd langen Kapitel weiter hinten spätestens nach Sonntag eine längere Erholungspause von «Infinite Jest» einlegen muss. Ich habe allein heute drei neue Bücher gekauft und es wäre wirklich unverhältnismäßig von «Infinite Jest», meine kostbare Lesezeit für lange am Stück uneingeschränkt zu beanspruchen.

*Graffiti

Bisherige Logs: 1: Der Anfang der Metapher2: Monster spricht3: Übern Wintern

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4 Kommentare

Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, 09 Erster April, »Infinite Jest«-Logbuch, Martin liest

4 Antworten zu “April, April

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