Von außen

Das «Infinite Jest»-Logbuch (6)

Mit einem Exkurs über erste Sätze.

0039<|>1040. Kapitel 5. Sonnig und unanständig warm. Längsseits anderer Kähne. Kaum in Kajüte. Dünung erst abends wieder stärker.

Lesezeichen in Infinite Jest

So weit ist mein Lesezeichen bislang gewandert. Noch kein Land in Sicht.

Ein Klischee sagt, ein gutes Buch könne man schon an seinem ersten Satz erkennen. Der erste Satz von «Infinite Jest» lautet:

I am seated in an office, surrounded by heads and bodies.

Sicher würde ich «Infinite Jest» jetzt nicht lesen, falls es zu einem Zeitpunkt von dem ersten Satz abgehangen hätte. Dieser erste Satz ist nicht dem Leser zu Diensten (was er sein sollte, wenn er den Leser auf seine Seite ziehen will), sondern nur dem Buch und seinen literarischen Funktionen. Er liefert Exposition über Bewusstseinszustand und Wahrnehmung des Helden Hal. Darüber hinaus ist er wichtigtuerisch, der Satz.

Ein anderes großes Buch (groß sowohl in puncto Umfang als auch in seiner Bedeutung), das oft zum Vergleich heran gezogen wird um «Infinite Jest»s Bedeutung besser einordnen zu können, ist «Ulysses» von James Joyce. «Infinite Jest» zieht hier oft den Kürzeren, weil es nicht so zeitlos sei wie «Ulysses». Das gibt für mich erstmal keinen Sinn, aber viele Kritiker und zumal «Infinite Jest»s Übersetzer Ulrich Blumenbach bringen es auf diese Ansicht.

«Ulysses» ist ein heute unbestritten gutes Buch und hat einen schlechten ersten Satz:

Stately, plumb Buck Mulligan came from the stairhead, bearing a bowl of lather on which a mirror and razor lay crossed.

Daran zerbricht man sich die Zunge, selbst wenn man es nicht laut liest. Das Wort für so einen Einstieg heißt holprig. Joyce ist nun genau so wortversessen wie Wallace, aber er lässt es auch noch mehr raushängen. «Ulysses» ist sicher ein Stück weniger geschmiert lesbar als «Infinite Jest». Aber muss man mit einem Satz anfangen, den im Kopf einfach niemand beim ersten Lesen richtig betont? Niemand muss etwas und ein Autor darf alles. Ich sage ja nur. Jaja. Und stately war mit Sicherheit in den Zwanzigerjahren auch schon ein seltenes weil unpraktisches Wort. Ach hör doch auf.

«Ulysses» ist ohnehin eine Besonderheit, weil es das einzige Buch ist, das ich kenne, dessen letzter Satz um Längen berühmter ist als sein erster.

Zum Zwecke ihn hier zu zitieren habe ich von hinten blätternd seinen Anfang gesucht. Dann habe ich auf Wikipedia nachlesen wollen, wo «Ulysses»’ letzter Satz anfäng aber habe nur erfahren, dass das letzte Kapitel überhaupt nur drei Satzpunkte hat. Allein vom letzten Absatz in «Ulysses» sind es zehn Seiten bis zum Schluss, aber ein Satzanfang ist da noch lange nicht in Sicht. Darum zitiere ich kurzerhand nur das letzte Dutzend Zeilen aus «Ulysses»:

…and pink and blue and yellow houses and the rosegardens
and the jessamine and geraniums and cactuses and
Gibraltar as a girl where I was a Flower of the mountain
yes when I put the rose in my hair like the Andalusian
girls used or shall I wear a red yes and how he kissed me
under the Moorish wall and I thought well as well him
as another and then I asked him with my eyes to ask
again yes and then he asked me would I yes to say yes
my mountain flower and first I put my arms around him
yes and drew him down to me so he could feel my breasts
all perfume yes and his heart was going like mad and yes
I said yes I will Yes.

Das 5. Kapitel ist das erste, in dem mir Episoden aus unterschiedlichen Jahren begegnen: Vom Year of the Depend Adult Undergarment handelt ein längeres Porträt des ärztlichen Attachés für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde des saudischen Prinzen Q——— (diese Art Namen zu verschlüsseln, die nichts zur Sache tun, erinnert an zweihundert Jahre alte deutsche Novellen, die damit versuchten den Eindruck zu erwecken, dass sie eine wahre Begebenheit beschrieben. Es nervt beim Lesen), ein Stream of Conciousness eines Ich-Erzählers mit dem Akzent schlecht geschriebener Klischee-Sklaven aus alter Südstaatenliteratur aus dem Year of the Trial-Size Dove Bar und dann noch aus eben diesem Jahr eine Episode über einen Typ, der sich in ein herunter gekommenes Luder verliebt und selbst herunter kommen muss um ihr das Wasser reichen zu können.

Der Hals-Nasen-Ohren-Attaché bietet Wallace die Möglichkeit, die Welt seines Romans aus der Perspektive eines Außenseiters zu beschreiben. Der ahnungslose Leser wundert sich jetzt nicht mehr allein über die Sitte des Amerikas der Zukunft, seine Zeitrechnung von Firmen sponsorn zu lassen. Im Year of the Depend Adult Undergarment trägt als Marketing-Aktion sogar die Freiheitsstatur eine Windel gegen Altersinkontinenz.

Der saudische Prinz Q——— ist sehr ungesund und vereitert, weil er sich bloß von Töblerone ernährt. – Steckt da noch eine Geschichte hinter Töblerone oder ist es Wallaces persönlicher Spaß, sich über das deutsche Klischee mit den Umlauten (in Australien gibt es sogar eine Band namens Umläut) lustig zu machen, indem er Punkte über Buchstaben setzt, die gar keine brauchen?

Die Art Kalauer, für die man Wallace knuddeln möchte ist dieser: Der Attaché wünscht sich sein Abendessen auf einem attachable tray.

Bisherige Logs: 1: Der Anfang der Metapher2: Monster spricht3: Übern Wintern4: April, April5: Telefonstimme

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, »Infinite Jest«-Logbuch, Martin liest

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