Schlaf endlich

Das «Infinite Jest»-Logbuch (7)

Mit Exkursen über Transpostmoderne, Ironisch Brechen und die perspektivische Ehe mit Pamela Anderson.

0049<|>1030. Kapitel 6. Übel riechender Nebel aufgezogen. Alltags unter Deck. Navigationsübungen absolviert. Ganztags starke Dünung. Unerwartet frühe Korrosion besorgt etwas.

Kakerlake Erdal Rex

Das habe ich mit Orin Incandenza gemeinsam: Eine Abscheu gegenüber Kakerlaken, die nur von meiner Abscheu gegenüber Leuten, die „Halli-Hallo-Hallöle“ sagen, übertroffen wird. (Also das mit den Kakerlaken. Wie das mit Orin Incandenza und Leuten ist, die „Halli-Hallo-Hallöle“ sagen, weiß ich jetzt nicht.)

Endlich gute Sprüche.Kapitel 6 spielt zum ersten Teil irgendwann im Year of the Depend Adult Undergarment, der hintere Teil im October des Year of the Depend Adult Undergarment.

Der Anfang ist ein Dialog zwischen Hal Incandenza und seinem Bruder Mario „Booboo“ Incandenza. Es ist kein Dramendialog nach dem Muster Name-Doppelpunkt-Was er sagt, aber es wird nichts außerhalb von direkter Rede erzählt.

Der hintere Teil stellt uns Hals Bruder Orin vor, der wann anders (in der erzählten Zeit am folgenden Morgen?) angerufen und Boo(boo) wach geklingelt hat.

Hal und Mario unterhalten sich in diesem wunderbaren Moment, wenn zwei Leute im gleichen Zimmer schlafen und der eine ein Gespräch aufrecht erhalten will, während der andere schlafen möchte. (Hal hat nur sechs Stunden Zeit bis zum Tennis-Drill.)

Ich bin endlich auf ein paar gute Sprüche gestoßen. Zum Beispiel diesen, den ich schon aus irgendeiner Rezension kannte (ich habe vergessen, welche):

I’ll say God seems to have a kind of laid-back management style I’m not crazy about.*

Das heißt doch, wenn der Rezensent das eine Zitat, das er in seiner kurzen Rezension bringt, auf Seite 40 gefunden hat, hat er vielleicht nicht besonders weit gelesen.

Ich habe heute eine coole Besprechung von «Infinite Jest» aus der «Der Freitag»** gefunden. Rezensent Stefan Schwarz hat keinen Spaß beim Lesen. Er hat zum Zeitpunkt, als er den Artikel schreibt, auch erst gute 200 Seiten geschafft. Er bezeichnet die Lektüre als Exerzitium:

«Unendlicher Spaß» ist attraktionspsychologisch das Männerbuch schlechthin. Es bedient zwei maskuline Lektüre-Erwartungen: 1. Lesen muss weh tun. 2. Handlung ist etwas für Weiber.

Ich bin ja doch sehr für Handlung. Und die Kritik hat mir Krieg, Terror und Drogen versprochen. Nichts von dem Plot hat sich bis jetzt gezeigt.

Ich bin auch noch auf dem Stand, dass Lesen weh tut. Warum lese ich denn «Infinite Jest»? Im Moment noch, damit ich sagen kann, ich habe es gelesen. Ich habe bis jetzt noch nichts Egoistisches daraus bezogen. Mit der gleichen Motivation habe ich früher Filmklassiker geschaut, damit ich auf dem Laufenden bin.

Und dann gibt es aber auch solche Stellen, über die ich mich dann doch freue. Zum Beispiel als Hal seinen Bruder Boo in den Schlaf zu argumentieren versucht:

“Mario, you and I are mysterious to each other. We countenance each other from either side of some unbridgeable difference on this issue. Let’s lie very quietly and ponder this.”

Oder als Hal einen Witz erzählt:

“Mario, what do you get when you cross an insomniac, an unwilling agnostic, and a dyslexic.”

“I give.”

“You get somebody who stays up all night torturing himself mentally over the question of whether or not there’s a dog.”***

Die Vokabeln insomniac/insomnia für Schlafloser habe ich 2004 gelernt, als mir ein Bekannter den Krimi «Insomnia» vorstellte, in dem sich Al Pacino und Robin Williams gegenseitig an die Wand spielen. Der Film war von irgendeinem jungen, vielversprechenden Regisseur, der dann noch einen ganz wichtigen Film gemacht hat. Ich habe gerade vergessen, welchen. – Ach ich weiß wieder: «Batman Begins» bzw. «The Dark Night» und vor «Insomnia» schon «Memento», auch ein Knaller.

«The Dark Night» habe ich in einem Schweizer Kino gesehen, als ich einen alten Schulfreund besucht habe, der nach Basel zum Studieren gezogen war. In der Schweiz laufen englische Filme unsynchronisiert. In einem dreisprachigen Land lohnen sich Synchronisierungen wohl nicht so.

An dem einen Tag, den ich in Basel war, musste ich drei ausländerfeindliche Anmachen über mich ergehen lassen. Unter anderem den Satz: „Bist du Deutscher? Armes Deutschland!“ So fühlen sich also Opfer von Rassismus.****

Stefan Schwarz unterstellt noch «Infinite Jest», ein Werk des Hyperrealismus zu sein. Seine Definition von Hyperrealismus ist: Dass die erzählte Zeit nur so schleicht, weil das literarische Werk jedes Ereignis (zum Beispiel Schnürsenkel binden) als Absprung-Link für einen Metadiskurs (Schwarz nennt es Exkurs) benutzt.

Ach und das soll also Hyperrealismus sein? Dann finde ich den Namen aber wenn nicht irreführend, so doch zumindest uneindeutig.

Hyperrealismus, Hyperrealismus… wo habe ich das nur schon mal gehört?

Ich lese zum dritten Mal das Kapitel Image-Fiction« aus Wallaces Essay »E Unibus Pluram«***** von 1990. Das zweite Mal habe ich es gelesen, weil ich das Gefühl hatte, ich hätte die Definition von Image-Fiction nicht verstanden. Das hat aber auch nichts gebracht. Nach dem dritten Lesen weiß ich: Da steht ja auch überhaupt keine Definition drin für Wallaces Konzept, sondern nur Synonyme: Post-Postmoderne bzw. Hyperrealismus.

Und die Bezeichnung Post-Postmoderne war es, die mich beim Lesen hat Aufhorchen lassen. Dem Namen nach habe ich sie für das gleiche Konzept gehalten, das ich Transpostmoderne genannt habe.

Und das ist mal ein Name, der wirklich von mir ist. Ich habe das Wort Transpostmoderne erst erfunden und dann gegoogelt, ob es das schon gab. Und es gab dazu schon zwei Dokumenten im Web, aber aktuell bin ich der Obermacker für den Begriff Transpostmoderne in Google. Und da kann mir keiner krumm kommen von wegen „Wer hat’s erfunden“. Das wird nicht wieder so ein Reinfall wie damals mit verfickt.

Auf Transpostmoderne bin ich so gekommen: Postmoderne war schon seit den 60-er-Jahren ein Wort und ein Konzept. Mein gesunder Deutschunterrichtsverstand sagte mir, da ist schon ganz schön viel Zeit ins Land gegangen für eine einzige kulturelle Epoche. Wir müssen mal ein neues Kapitel aufschlagen. Jetzt ist aber postmodern schon eine Steigerung von Paradoxie. Herkömmlich war doch immer das, was jetzt ist, modern. Wenn wir jetzt aber schon nachmodern waren, wer soll denn das noch toppen? Die einzige Steigerungsform, die mir noch einfiel, war transpostmodern, also über die Postmoderne hinaus.

Transpostmoderne kann man, glaube ich, nicht mehr steigern. Aber Schicksal. Nach mir die Sintflut.

Jeder drückt sich um eine Definition von postmodern, als müsste er eine Rechtsberatung unternehmen. Einen Pudding kann man nicht an die Wand nageln. Für die Umschreibung vom zugegeben noch diffusen Begriff transpostmodern ist es aber nötig, ein paar Eckpunkte von postmodern aufzuzählen.*** *** Postmodern kolportiert alle Kunst, die schon da war; fügt sich darein, dass auf kultureellem Gebiet nichts wirklich Neues geschaffen werden kann; ist irgendwie selbstreflexiv; und ironisch.

Wobei ironisch jetzt plötzlich auch nicht mehr uneingeschränkt gut ist. Früher, in meinem kindlichen Weltbild, gab es Menschen, die Ironie gebrauchten und verstanden und das waren die Guten. Und dann gab es noch die Doofen.

Heute hat Ironie irgendwas von Biedermannsport. Ironie ist schon eine spießige Attitüde, scheint der Tenor unter dünkelbewussten Kulturaristokraten zu sein. Heute verstehen sogar doofe Leute Ironie, sie taugt nicht mehr um sich intellektuell abzuschotten. Selbstironie ist jetzt die neue Ironie.

David Foster Wallace ist auch hier und da ambivalent zu Ironie. Ein aktuelles Beispiel für Ironieverachtung ist Folge 55 aus Jan Weilers angestrengter Kolumne »Mein Leben als Mensch«, »Ironisch erbrochen«. Seine Pointe ist das Wortspiel, das man mit Brechen und Kotzen machen kann. In dieselbe Kerbe schlägt auch mein Cartoon »Ironisch gebrochen«, der einem außerdem noch Kenntnis des Ironiezeichens abverlangt und den viele Leute irgendwie nicht so lustig finden wie ich. Ich finde ihn ja spitze.

Witzig finden, dass ich meinen eigenen Cartoon witziger finde als alle anderen, ist selbstironisch. Selbstironie ist die neue Ironie. Ich fühle mich auf der Höhe der Zeit.

Googelt man umher nach »Ironisch gebrochen«, stößt man noch auf ein Stück Agonie, das mir auch vor Augen führt, warum wir Selbstironischen (oder transpostmodern Ironischen) uns von den alten Ironischen abkapseln müssen: Ein Online-Shop bietet ein Baby-Lätzchen an, auf dem steht: „Ironisch gebrochen“.

Ich habe mal eine Freundschaft beendet, nachdem ich die betreffende Person allen Ernstes habe sagen hören: „Halli, hallo, hallöle!“ Und das kann man schon gar nicht ironisch genug bringen. Es wirkt immer scheiße. Vielleicht war sie in dem Moment noch ironisch, aber auf keinen Fall war sie selbstironisch. Da wusste ich, dass es vorbei war.

Eine andere Situation, in der ich nicht über meinen Schatten springen und angemessen transpostmodern ironisch zu sein vermag, ist wenn ich Visitenkarten ausgebe. Mehr als ironisch schaffe ich dann nie vor lauter Selbsthass ob der Piefigkeit des Akts. Aber ich habe zumindest noch nie unironisch eine Visitenkarte verteilt.

Transpostmodern – und da bin ich bei Wallaces Andeutungen über sein Konzept von Image-Fiction bzw. Hyperrealismus – ist nicht mehr die Verwendung und Zitierung auf alle ander Kunst, sondern nur noch der bloße Verweis auf sie. So wie ein Link von einem Stichwort aus einen neuen Exkurs aufmacht (Schwarz).

Don’t get me startet on hyperlink cinema. «Traffic», «Babel», «Syriana» – gute Filme, das. Aber nicht wirklich hyperlinkig. Filme sind einfach das letzte uninteraktive Medium.

Nebenbei sind diese Links und unzensierten Diskursquerverbindungen (man könnte auch sagen „freie Assoziationen“, obwohl das so nach Strickpullover und Körnerfressen klingt) unendlich persönlich. Sie sind so spezifisch, dass nur ein Mensch mit einem persönlichen und kulturellen Hintergrund ein Werk mit genau diesen Links schaffen kann.

Zum Beispiel: Hier in diesem Text schweife ich in so einige Exkurse ab. Typisch für mich ist zum Beispiel: Wenn ich mir vorstelle, wie  man transpostmodern noch steigern soll, komme ich als nächsten Schritt auf posttranspostmodern. Das führt mich zu den Präfixregeln in der Sprache der Klingonen. Die können ziemlich lange Präfixschlangen bilden, das weiß ich aus meinem Studium des Klingonisch-Deutschen Wörterbuchs. Ich könnte jetzt einen Exkurs darüber verfassen, wie ich mir kürzlich zu einem großartigen Ramschpreis zwei großartige Audio-Klingonisch-Sprachkurse gekauft habe.

«The Klingon Way» und «Power Klingon». Ein andermal, okay?

Vielleicht gibt es noch jemanden auf der Welt, der in einem Text auf die gleichen Querverbindung gekommen wäre. Aber nur ich und nur heute verweise danach vielleicht noch auf einen Text aus der «Berliner Zeitung»: In ihrer Rezension entschärft Kirsten Riesselmann Kid Rocks Bad-Boy-Schale indem sie beschreibt, wie er es in einem Konzert Ironisch bricht. Ich habe den Text bei einer Google-Suche nach „Ironisch gebrochen“ gefunden und heute erst gelernt, wer dieser Kid Rock ist, von dem ich mir sogar mal das Lied »All Summer Long« gekauft habe. Er war mal mit Pamela Anderson verheiratet, vier Monate 2006, steht in der Zeitung. Die meisten Leute waren ja schonmal mit Pamela Anderson verheiratet, das ist wie damals Marilyn Monroe.

Warum habe ich das Gefühl, dass ich hier U- und E-Kultur vermische, wie es die völlig teuer gewordene Zeitschrift «Literaturen» immer einfordert? Ist Marilyn Monroe im Unterschied zu Frau Anderson schon E-Kultur, weil sie so alt ist?

Pamela Anderson will ich auch noch mal heiraten. Wenn sie ihre Ehen nicht ständig vier Monate lang schleifen lassen würde, ginge es auch umso schneller.

Hals Bruder Orin lebt in einem Apartment mit Kakerlakenplage. Damit kann ich mich gut identifizieren, das Bad auf unserer Etage hatte auch eine.

Boston’s and New Orleans’s little brown roaches were bad enough, but you could at least come in and turn on a light and they’d run for their lives.*** *** *

Genau solche hatten wir auch. Ich habe dann im Drogeriemarkt kleine Giftfallen gekauft und, oh Wunder, nach zwei Wochen hatten die gewirkt. «Akte X» hatte mir da Furcht gemacht, dass es länger dauern könnte.

Das war jetzt postmodern. Statt über die Folge aus der dritten Staffel zu erzählen, in der eine Kakerlake über den Bildschirm läuft, und zwar durchgängig während eines Schnittes, so dass man denken muss, dass sie tatsächlich über den Bildschirm läuft (das wäre transpostmodern), lasse ich die Erwähnung einfach nur so stehen und nur Fernsehfreunde dröseln sie auf.

These southwest sewer roaches you turn on the light and they just look up at you from the tile like: “You got a problem?”

Ich bin froh, dass es hier solche noch gibt.

Ich weiß noch nicht, was Orins Problem ist. Er schwitzt nachts viel und er lebt in einem Bundesstaat, der ihn mit gleißend heißer Sonne foltert.

Er beendet Beziehungen abrupt.

Hm.

* S. 40.
** Schwarz, Stefan: »Vier Wochen „Unendlicher Spaß“: Lesen als Exerzitium.« In: «Der Freitag», Rubrik «Kulturkommentar». 24. September 2009.
*** (Note that es Mario im Gegensatz zur Einstufungskommission oder zu Hals Vater keine Probleme zu bereiten scheint, Hals Sprechen zu verstehen.)
**** Von einem Penner, der am Snackomaten die falsche Taste gedrückt und ein Päckchen CapriSonne bekommen hatte, das er nun an mich zu verkaufen versuchte. Aber wer will schon CapriSonne? Man sagt, das schmecke nur Kindern. Ich kan mich an kein Lebensalter erinnern, in dem ich CapriSonne wohlschmeckend gefunden hätte.
***** Wallace, David Foster: »E Unibus Pluram. Television and U.S. Fiction.« In: «A supposedly fun Thing I’ll never do again. Essays and Arguments.» London 1998.
*** *** Ich bin müde, als ich das schreibe. Wenn ich müde bin, kriege ich immer Déjà Vùs. Jetzt hatte ich gerade wieder eins. Als hätte ich schon mal den gleichen Absatz getippt und genau so nach einem Verb gesucht.
*** *** * S. 44.

Bisherige Logs: 1: Der Anfang der Metapher2: Monster spricht3: Übern Wintern4: April, April5: Telefonstimme6: Von außen

3 Kommentare

Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, 11 Das Transpostmoderne Manifest, »Infinite Jest«-Logbuch, Martin liest

3 Antworten zu “Schlaf endlich

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  2. Tom

    Sehr schöne Kakalake. Gibs es noch mehr davon bei dir ;-)

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