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Das «Infinite Jest»-Logbuch (8)

Heute keine Zeit.

0063<|>1016. Kapitel 7. Sonniges Herbstwetter; hohes Verkehrsaufkommen. Gut Fahrt gemacht.

Franzoesisch-in-die-Tonne-kloppen

Don Gately versteht kein bisschen Französisch.

Es hat angefangen, richtig David Foster Wallacig zu werden.

Zwei Labyrinthe: Eins ist der Handlungsort E.T.A., Enfield Tennis Academy. Das andere sind die Beschreibungen von Drogen in den Endnoten.Kapitel 7 ist ein langes Kapitel, aber das ist relativ in «Infinite Jest». Es ist immernoch eins von den kurzen, kleinen Anfangskapiteln. So wie die New-England-Staaten im Vergleich zu den gegen Ende der Westexpansion gegründeten USA-Territorien. «Infinite Jest», das habe ich schon beim Durchblättern gesehen, hat weiter hinten Kapitel, die sind so lang wie von anderen Autoren die Bücher.

Kapitel 7 fängt sehr leseverträglich an. Es fasst für mich zusammen: Mit meiner Überlegung, ob Hal im Year of the Depend Adult Undergarment schon an dem College angenommen sei, an dem er sich bewirbt, war ich auf dem Holzweg. Hätte ich mal richtig gelesen: Er lernt immernoch an der Enfield Tennis Academy (E.T.A.), wo er mit seinem Bruder Mario “Booboo” im Internat lebt. Schuldirektor ist sein Onkel (der adoptierte Bruder seiner Mutter Avril “The Moms” Incandenza).

Die Beschreibungen der Örtlichkeit E.T.A. sind lang. Das Tennistalente-Internat hat unterirdische Gänge und ihre Topographie wird ausführlich dargestellt. Da möchte ich wieder den Zeigefinger heben und aus «Wonder Boys» zitieren, wie schon einmal:

HANNAH:
Grady, you know how in class how you’re always telling us that writers make choices?

GRADY:
Yeah.

HANNAH:
And even though your book is really beautiful, I mean amazingly beautiful, it’s—
It’s at times, it’s erm—
very detailed. Ehm you know with the genealogies of everyone’s horses and—eh—dental records and so on. And I could be wrong, but it’s just, it sort of reads in places like you didn’t really make any choices. At all.
And I was just wondering if it might not be different if when you wrote you weren’t always—under the influence.

Und nur weil unser Wallace hier ein postmoderner Autor ist, darf der das? Ts ts ts. Als ich jung war und Stil lernen sollte, hieß es immer: So viel Beschreibung, wie für die Handlung nötig ist und höchstens so viel Beschreibung wie für die Handlung nötig ist. Aber ein Schriftsteller ist ein Schriftsteller ist ein Schriftsteller und Regeln gibt es eigentlich nicht.

Hals Herumkriechen in den unterirdischen Gängen ist Teil seines Genusses von Heimlichtuerei beim Drogennehmen.

American experience seems to suggest that people are virtually unlimited in their need to give themselves away, on various levels. Some just prefer to do it in secret.*

Es ist überhaupt der Wahnsinn, was er alles unternimmt und was er alles immer bei sich trägt, damit niemand registriert, wenn er kifft. Welche Überlegungen allein in die Wahl seines Rauchwerkzeuges einfließen…

Like most North Americans of his generation, Hal tends to know way less about why he feels certain ways about the objects and pursuits he’s devoted to than he does about the objects and pursuits themselves.

Alle anderen Drogenfragen finden sich in den Endnoten. Kapitel 7 ist das erste Kapitel mit dicke Endnoten Schlag auf Schlag. Viele sind eine Mischung aus Rauschmittelrecherche und erfundener Administration der Zukunft. Zum Beispiel aus Endnote 12:

Meperedine hydrochloride and pentazocine hydrochloride, Schedule C-II and C-IV narcotic analgesics, respectively

Und diese Endnote hat sogar noch eine Fußnote in der Note, die das System der Klassifizierung von Drogen in C-VI bis C-II abreißt.

Endnote 3 ist von anderer Beschaffenheit: Ein einziger langer Satz, der eine differenzierte Charakterisierung enthält und darüber nebenbei eine Geschichte erzählt – mal ein handfestes Beispiel für Wallaces Können:

E.T.A. is laid out as a cardoioid, with the four main inward-facing bldgs. convexly rounded at the back and sides to yield a cardoid’s curve, with the tennis courts and pavilions at the center and the staff and students’ parking lots in back of Comm.-Ad. forming the little bashed-in dent that from the air gives the whole facility the Valentine-heart aspect that still wouldn’t have been truly cardioid if the buildings themselves didn’t have their convex bulges all derived from arcs of the same r, a staggering feat given the uneven ground and wildly different electrical-and-plumbing-conduit wallspace required by dormitories, administrative offices, and polyresinous Lung, pull-offable probably by on the whole East Coast one guy, E.T.A.’s original architect, Avril’s old and very dear friend, the topology world’s closed-curve-mapping-Übermensch A.Y. (“Vector-Field”) Rickey of Brandeis U., now deceased, who used to wow Hal and Mario in Weston by taking off his vest without removing his suit jacket, which M. Pemulis years later exposed as a cheap parlor-trick-exploitation of certain basic features of continuous functions, which revelation Hal mourned in a Santa’s-not-real type of secret way, and which Mario simply ignored, preferring to see the vest thing as plain magic.

In kleinen Meanwhile, back at the Ranch-Snippets** erfahren wir, wie es dem Hals-Nasen-Ohren-Attaché des saudischen Prinzen von Q—— geht: Er schaut sich ein Video süchtigerweise so oft an ohne aufzustehen, dass er sich schon eingenässt hat.

Solche Filme finde ich auch manchmal. Das Buch «Infinite Jest» hat mich bis jetzt noch nicht in seiner Gewalt. Mein tägliches Kapitel zu lesen ist nach wie vor Arbeit.

Hals Vater James Incandenza ist im Year of the Depend Adult Undergarment (in dessen Mai Hal 17 wird) übrigens schon tot. Dass er der Filmemacher ist, der den Film gedreht hat, der so unterhaltsam ist, dass der Hals-Nasen-Ohren-Attaché davor vergisst aufs Klo zu gehen, weiß ich bis jetzt nur aus der Presse. Ebenso, dass O.N.A.N. für Organization of North American Nations steht; das ließ sich aus dem Buch bislang noch nicht wissen.

Die USA feiern in  Wallaces Version der Zukunft den Interdependence Day.

Der andere Teil des Kapitels befasst sich mit Don Gately, einem Drogensüchtigen und professionellen Einbrecher. Er hat sich mal an einem Staatsanwalt gerächt, indem er in dessen Haus eingebrochen ist und sich mit der Zahnbürste des Staatsanwalts im Po fotografiert hat – um ihm die Polaroids natürlich erst nach ausgiebiger weiterer Benutzung durch den Staatsanwalt mit der Post zukommen zu lassen. Dieser Staatsanwalt kann es ihm jetzt heimzahlen, denn Gately hat endlich in die Scheiße gegriffen: Er hat bei einem Einbruch einen Hausbewohner angegriffen und diesen (einen frankokanadischen Terroristen) geknebelt. Der unverständlich weil Französisch Sprechende hatte gerade schweren Virusschnupfen und ist elendig durch seine verstopfte Nase erstickt. Das ist eine Szene, die mir etwas bedeutet: Schon seit ich jung war und oft erkältet, habe ich mir in Krimis, in denen einem der Mund gestopft wird, immer ausgemalt, wie es mir mit meiner zuhen Nase da ginge.

Ich könnte jetzt noch Exkurse über Exkurse häufen. Über Hals Namensvetter, den lebendigen Computer aus «2001: A Space Odyssey». Über Spaß mit Kafka und den biografischen Interpretationsansatz. Über das perfekte Buch und die platonische Idee vom Über-Buch. Aber ich habe keine Zeit. Während ich dies schreibe, ist es dreiviertel zwei am Morgen und ich muss früh aufstehen. Postmodern schreiben ist in erster Linie eine Zeitfrage. Woher hatte Wallace die Zeit, verdammt? Er hat «Infinite Jest» immerhin mit Mitte 20 fertig gestellt.

Ich kann mir noch überlegen, was dieses «Infinite Jest»-Blog zu einem postmodernen Roman machen würde: Wenn ich die Erfahrungen in dem dicken Buch unterlegen würde mit einer vielfadigen literarischen Geschichte. Wenn ich eine dramatische Geschichte darüber legen könnte, mit Protagonist, Hero’s Love Interest und großem Verschwörer-Plot. Ich fühle mich überhaupt, als würde ich keine frische Luft mehr kriegen, weil ich nur über Dinge schreibe, die mir in einem Buch und bestenfalls im Internet passieren. Ich würde gern über mehr von draußen zu schreiben haben. Aber heute: Ich habe an meinem Computer gesessen und Unterlagen eingescannt. Dann habe ich Berichte für eine ehrenamtliche Arbeit ausgefüllt. Dann bin ich bis zum Abend zu einer Fortbildung gefahren, in den Schwarzwald. Nicht viel Echtes ist passiert.

Doch, eine Kollegin hatte geniale Kürbissuppe gemacht.

Ich werde mir etwas ausdenken.

Morgen lese ich mein letztes «Infinite Jest»-Kapitel für diese Woche.

* S. 53
** Das war postmodern. Oder? Der Begriff Meanwhile, back at the Ranch ist von mir und nicht aus «Infinite Jest» und ich setze einfach voraus, dass der Begriff sitzt und nicht nur als Referenz zu «Bonanza». Und was das Ganze vielleicht transpostmodern macht oder dem Hyperrealismus zuteilt: Ich weiß gar nicht, ob die Formel aus «Bonanza» stammt oder einer ganz anderen Western-Serie. Ich habe «Bonanza» nämlich nie gesehen und ich kenne Meanwhile, back at the Ranch selbst nur als postmodernes Zitat, nämlich als Albumtitel von Texas Lightning. Und Texas Lightning seinerseits finde ich nun erst so richtig lustig, seit ich vor ein paar Tagen gelernt habe, dass es der amerikanische Term für Warmer Abriss ist.
Ist Wallace nun eigentlich postmoderner Autor oder Hyperrealist?

Bisherige Logs: 1: Der Anfang der Metapher2: Monster spricht3: Übern Wintern4: April, April5: Telefonstimme6: Von außen7: Schlaf endlich

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Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, »Infinite Jest«-Logbuch, Martin liest

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