Noch neun Tage Weihnachten

The X-Mas Files

Von Christopher Mas

X-Mas-Files-TeaserKapitel 4. Mehr von der Wahrheit

„Ich fühle mich von Ihnen verar***t“, sagte ich zu Alfred.

„Dann kommen Sie einfach mit!“, sagte Alfred zu mir. Und dann ging er an mir vorbei, führte mich sehr zielgerichtet durch das Labyrinth von Regalwänden und schneller, als ich ihn allein jemals wieder gefunden hätte, standen wir vor dem Ausgang, dem großen Tor. Wir durchquerten es und legten dann den ganzen Weg zurück, den ich den Zwerg bis hier her verfolgt hatte. Ohne ein weiteres Wort liefen wir und stoppten erst wieder an dem Punkt des unterirdischen Systems von Gängen, an dem ich mit meinen Kollegen angekommen war und wo die beiden niedergeschossen worden waren.

Der Zwerg stand mit einer Art Staubsauger herum und saugte eine Blutpfütze in eine Flasche.

„Wozu brauchen Sie das?“

„Dann müssen wir nicht so viel synthetisieren um Ihre Kumpanen wiederzubeleben“, antwortete Alfred. Die moderne Medizin mag ja weit sein, aber wie man solche Matschflecken wiederbeleben wollte, war mir ein Rätsel.

„Wiederbeleben? Die?“

Der Zwerg war immer noch zähnezerknirscht. „Unsere Möglichkeiten übersteigen Ihre Vorstellungskraft“, behauptete er. Alf zog mich in den Fahrstuhl.

„Ich muss sagen, er hat Recht“, erklärte er mir. „Vieles von dem, was hier geschieht werden Sie nicht verstehen können.“ Und er stieg mit mir in den Fahrstuhl.

„Wie wollen Sie die wiederbeleben?“, fragte ich hartnäckig weiter.

„Oh, das weiß ich auch nicht“, antwortete er und kratzte sich am Kopf. „So viel ich von der Sache verstehe“, fuhr er fort, während wir den Fahrstuhlschacht entlang rasten, „machen das immernoch die Weihnachtsengel.“ Langsam glaubte ich, ihn etwas besser zu verstehen.

„Aha. Die Weihnachtsworte sind also irgendwelche streng geheimen Codewörter, ja?“

„Nein.“

Wieder nichts verstanden. Und der Fahrstuhl traf an seinem Ziel ein und die Tür ging auf und dahinter erstreckte sich abermals ein sehr langer Gang. Jener war im Unterschied zu denen, die ich bisher gesehen hatte, jedoch äußerst belebt. Viele Weihnachtsmänner liefen hier herum, eher große Leute mit schwerem, weiß gesäumte0 weißen Mantel, langer Bommelmütze, langen weißen Bärten und Winterstiefeln. Die Weihnachtsmänner gingen recht gemächlich vor während die andere Gruppe von Personen, Heinzelmännchen — Zwerge mit roten Kappen – und Weihnachtsmanngehilfen –Lulatsche in rot-weiß gestreiften Pullovern, grünen Trägerhosen und spitzen Ohren –, nur so wuselten, rannten, CD-Player, Walkmen, Feuerwehrautos, Kleidungsstücke, Tannenbäume, PCs, Computerspiele, Fahrräder, Musikinstrumente, Textilprodukte, große Weihnachtsmannsäcke und Sonstiges umhertrugen, abstellten und wieder mitnahmen. Der alte Mann zerrte mich mitten durch sie hindurch. Er kannte sich hier aus. Diese Etage war wesentlich wuseliger als alle, die ich bisher gesehen hatte und wenn ich ausnahmsweise auch hier einmal Sicherheitspersonal sah, wurden jene gerade von Heinzelmännchen angewiesen aus dem Weg zu gehen.

Alf brachte mich in einen Bereich, in dem es etwas ruhiger wurde. In einer kleineren Halle stand ich nun und blickte durch eine große Glasscheibe. Dahinter standen zwei Tragen, zugedeckt mit von Blut triefenden weißen Laken. Das mussten meine Kollegen sein.

Und dann geschah das wirklich Ungeheuerliche: Drei Wesen schwebten knapp über dem Boden herein. Sie hatten alle blondes Haar und nur ein weites, leichtes weißes Gewandt an. Auf ihrem Rücken hatten sie große, mit schneeweißen Daunen besetzte Flügel. Ihr Gesicht war hell, fast wie von innen leuchtend und sie hatten etwas Wunderbares an sich, das man nicht mit seinen Sinnen erfasste. Sie entsprachen der von Trendcorps im Jahre 1996 in der Durchschnittsbevölkerung ermittelten Vorstellung von Engeln ganz genau. Und dann stellte sich ein Engel zwischen beide Tragen und schnappte sich ein Notizbuch und die beiden scheinbar jüngeren fuhren mit ihren Armen je über eine Trage. An den Stellen, die von ihren Armen überflogen worden waren, verschwand das Blut und ich fühlte mich an eine bestimmte Waschpulverwerbung erinnert, denn das Decklaken wurde wieder weiß* wie haste nich gesehn und, was noch erstaunlicher war, meine eigentlich übel zusammengeschossenen Mitjournalisten setzten sich nach der Behandlung aufrecht hin und man sah an ihnen nicht eine einzige Schramme. Sie schienen auch wieder bei vollem Bewusstsein, konnten aber nicht ganz glauben, was sie sahen. Man fuhr sie weg.

Alfred sah mein Angesicht in Unglauben und sagte nur: „Das sind unsere Krankenschwestern.“

„Wo bringt man meine Freunde hin?“, fragte ich und benutzte diplomatisch das Wort „Freunde“ um mehr Wirkung in Alfs Gemüht zu erzeugen.

„In die Reha- und BrainErase-Abteilung“, sagte er. Das hätte ich mir auch denken können.

„Wie machen Sie das, Erinnerungen löschen?“, fragte ich und wir gingen sehr langsam weiter durch die ewig langen unterirdischen Korridore von Area 51.

„Das weiß ich auch nicht“, gab Alf zu. „Auf jeden Fall ist eben erst eine neue eingeführt worden. Früher gab es den Nebeneffekt, dass der Fantasmakortex der Betroffenen auf eine bestimmte Weise stimuliert wurde und sie anschließend für den Rest ihres Lebens träumten, Außerirdisch würden sie entführen.“

„Wollen Sie mir tatsächlich immer noch weis machen, dies hier sei Weihnachtsland?“

„Die neue Methode“, fuhr Alfred ungehindert fort, „lässt nur wenige bleibende Schäden zurück…

Kann Christopher Mas endlich die Wahrheit in seinen Recherchen erkennen? Wie wird es seinen Kollegen nach der Behandlung ergehen? Morgen mehr.

© 1998, 2009 Martin Jost

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Eingeordnet unter 04 Groschenromane (DO), The X-Mas Files

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