Noch acht Tage Weihnachten

The X-Mas Files

Christopher Mas

X-Mas-Files-Teaser„Es ist nur so, dass die Patienten jedesmal in die Hose machen, wenn sie die Weihnachtsabteilung im Supermarkt sehen. Die Methode ist noch nicht bei Leuten getestet worden, die besonders viel gesehen haben wie Ihnen zum Beispiel. Ich werde mich aber trotzdem dafür einsetzen, dass auf Sie diese Technik angewandt wird. Sie ist in jedem Fall humaner.“

Ich hatte natürlich keine Lust mir das Gedächtnis löschen zu lassen und bei allen Weihnachtseinkäufen Windeln tragen zu müssen. Aber darauf wollte ich zu dem Zeitpunkt nicht eingehen. Ich hoffte nur, dass ich, wenn es so weit war, noch einen Weg finden würde der Prozedur zu entgehen. Immerhin war ich in einer Mission der Wahrheit unterwegs. Aber lieber recherchierte ich vorerst ganz normal weiter. Ich konnte die Erklärung, dass es einen Weihnachtsmann in einem Wunderland unter der Wüste Nevadas gab, verständlicherweise nicht wahrhaben.

„Sie wollen also sagen, einige der von Zeugen geschilderten Begegnungen der ersten, zweiten und dritten Art in aller Welt seien nur Nachwirkungen Ihrer Gedächtnis-Auslöschungen?“

Ich stellte nebenbei fest, dass Alf humpelte. Ich hatte bisher nicht ganz wahrgenommen, wie alt er war. Ich hatte bisher noch nicht viel komplett wahrnehmen können. Besonders der Rückblick fällt mir schwer, nachdem ich einer Gedächtnis-Löschung unterzogen wurde. (PS: Die neue Technik funktionierte tatsächlich nicht bei Zeugen, die so viel gesehen hatten wie ich – aus meinen blanken Erinnerungen und aus den Informationen des Tonbandes, das ich während meines gesamten Aufenthaltes auf Area 51 in der Jackentasche aufzeichnen ließ, konnte ich dieses Buch hier schreiben.)

„Sie verstehen immer noch nicht richtig, junger Mann – alle Begegnungen mit Außerirdischen und Ufos sind nur Fantasiegespinste, die aus unserer Behandlung resultierten. Absolut alle, mein Freund.“

Ich lachte ihn aus. „Warum sollte der Weihnachtsmann auf der ganzen Welte Leute entführen und ihnen dann wieder das Gedächtnis löschen? Die sind doch nicht sämtlich aus Versehen einem Heinzelmännchen begegnet.“

„Zum Zweck repräsentativer Umfragen in der Bevölkerung um zu ergründen, was die Menschen allgemein gern zu Weihnachten hätten. Wie die Trends so stehen. Das soll uns erleichtern die Produktion und Einlagerung besser zu koordinieren. Sie haben den riesigen Raum gesehen, in dem Sie mich trafen. Davon gibt es noch dutzende. Und sie alle sind nur Lager für Geschenke, die nicht geliefert wurden. Die Kinder überlegten es sich anders. Oder sie durften das Geschenk nicht bekommen. In einigen Fällen haben die Eltern ihren Kindern verboten, sich Raubkatzen und Elefanten und Lokomotiven und Mondraketen zu wünschen weil sie nicht gewusst hätten, wo sie den Kram unterbringen sollten. Jetzt sind wir darauf sitzen geblieben. Weil sich einfach niemand heute mehr Schaukelpferde und Zinnsoldaten wünscht, werden wir es auch nie los werden.“

„Stellen wir eins mal klar“, stellte ich klar, während wir ohne Pause durch immer belebtere Gänge marschierten und ich nicht wusste, ob Alf mich irgendwo hin führte oder wir nur so spazieren gingen. „Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann, das tat ich schon im Alter von fünf Jahren nicht mehr. Sie können damit aufhören, mir solchen Käse zu erzählen.“

„Sie haben keine Kinder, oder?“

„Wie kommen Sie jetzt darauf?“, fragte ich.

„Ganz einfach: Sobald Sie ein Elternteil werden, werden Sie einen Brief vom Weihnachtsministerium erhalten. In dem wird alles stehen. In dem wird stehen, dass Sie Ihre Kinder so lange wie möglich in dem Glauben lassen müssen, dass es den Weihnachtsmann gibt. Obwohl allein Sie hier schon hunderte gesehen haben, muss Ihr Kind vor allen Dingen glauben, dass es nur einen einzigen wahren Weihnachtsmann gibt. Und dann leiten Sie die Wünsche Ihrer Kinder einfach an unsere Zentrale weiter. Und wir beschenken Ihre Kinder dann regelmäßig ordnungsgemäß. Und sobald Ihr Nachkomme im Bilde darüber ist, dass der Weihnachtsmann in diesem Sinne nicht existiert, müssen Sie Ihr Kind auch in diesem neuen Wissen unterstützen. Und anschließend werden Sie bei Ihrem nächsten größeren Urlaub wie alle Eltern in eine Panne verwickelt und müssen auf einem anderen Flughafen zwischenlanden oder bleiben in einem künstlichen Stau stecken und dort, wo dann alle Eltern mit wissenden Kindern zusammen getrieben sind, werden Sie einer Massen-Gedächtnis-Löschung unterzogen. Und anschließend werden auch sie nichts mehr wissen von der wahren Existenz des Weihnachtsmannes.“

„Und die Folgen jener Vergessens-Technik sind…?“

„Alterssenilität in der gesamten Bevölkerung ab ungefähr dem fünfzigsten Lebensjahr.“

Damit hatte ich nebenbei die Ursachen des Alterungsprozesses der Menschheit aufgeklärt. „Und was ist“, fragte ich immer weiter, „wenn ich als junge Eltern den gewissen Brief bekomme, in dem steht, es gäbe den Weihnachtsmann und ich soll mein Kind in genau diesem Glauben erziehen und ich entscheide mich den Brief allen zu zeigen, die ihn noch nicht oder nicht mehr kennen?“

„Unsere Leute haben Sie im Blick, keine Sorge. Vorzeitig eingetretene Alterssenilität.“

„Verstehe.“

„Und, was schlimmer ist: Sie müssen für immer selbst für die Weihnachtsgeschenke Ihrer Kinder aufkommen.“

„Verstehe.“ Ich hatte jetzt einiges zu verarbeiten. Einerseits glaubte ich nicht an den Weihnachtsmann, obwohl er hundertfach um mich herum lief mitsamt seiner Gehilfen. Andererseits glaubte ich Alf. Drittenseits konnte ich nicht glauben, dass ich tatsächlich auf Area 51 war und hier nicht Außerirdische, sondern die Zentrale der amerikanischen Weihnachtsmänner überhaupt gefunden hatte.

Kapitel 5. Eine weite Reise

Nachdem wir eine ganze Weile durch Gänge gegangen waren, standen wir abermals vor einem Fahrstuhl…

Wohin wird der Weg Christopher Mas jetzt führen? Blättere weiter…

© 1998, 2009 Martin Jost

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