Faule Arbeitslose per Gesetz bestrafen?

Frage der Woche

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat die „Faulenzer-Debatte“ angestoßen. Nun kommen konkrete Vorschläge für ein Gesetz, mit dem man Beschäftigungslose bestrafen will, die Stellenangebote ihres Arbeitsamtes zurückweisen. TLZ-Mitarbeiter Martin Jost hörte sich zum Thema um.

Thüringische Landeszeitung vom 19. April 2001

Raimund Puchner, 49, Lehrer
Ich halte Gerhard Schröder für einen großen Populisten. Er sucht sich immer wieder neue Gruppen in der Gesellschaft, auf denen er herumhacken kann. Auf diese Art will er sich und seine Politik inszenieren. Vor einer Weile waren noch wir Lehrer diese Gruppe. Ich bin der Meinung, dass gegen diejenigen, die aus Faulheit eine angebotene Arbeit ablehnen, etwas unternommen werden muss. Aber abgesehen davon stehen die verfügbaren Stellen zur Zahl der Arbeit suchenden in keinem Verhältnis und vielleicht sollte man sich zunächst bemühen, für jeden, der Arbeit will, welche zu beschaffen.

Kerstin Hübner, 37
Ich habe schon öfter meine Arbeit verloren und mir jedes Mal schnell eine neue gesucht. Ich finde aber, eine Stelle, die ich angeboten bekomme, muss für mich persönlich akzeptabel sein. Ich kann vom Arbeitsamt nicht gerade meinen Traumjob erwarten, allerdings will ich mit meinem Beruf für mich selbst sorgen können.

Viele Menschen ruhen sich tatsächlich aus. Allerdings bietet das Arbeitsamt hier auch kein großes Stellenangebot. Das sieht im Westen ganz anders aus. Wenn ich die Wahl hätte, Sozialhilfe zu empfangen oder für das gleiche Geld zu arbeiten, würde ich arbeiten gehen.

Silvana Willert, 28, arbeitslos
Bevor man Faule zur Arbeit zwingt, sollte man dafür sorgen, dass jeder, der nach einer Stelle sucht, auch eine bekommt. Ich selbst bin seit einem Jahr als Arbeit suchend gemeldet und habe noch kein einziges Angebot erhalten. Außerdem könnte man meiner Meinung nach niemals richtig beurteilen, wer faul ist und wer ein Stellenangebot aus gutem Grund ablehnt. Ich habe auch von Plänen gehört, denen zufolge bald alle sozialen Unterstützungsgelder nur noch von einem Amt zentral verteilt werden sollen. Auch das finde ich falsch, denn so wird es noch schwieriger, die Arbeitslosen individuell einzuschätzen.

Gedrucktes

Enrigue Galan-Frias, 35, arbeitslos
Ich bin für dieses Gesetz. Ich halte es für gerechtfertigt, dass Faule dafür bestraft oder daran gehindert werden, Geld vom Staat zu kassieren ohne zu arbeiten. Ich selbst suche im Moment Arbeit und bekomme wenige Stellen angeboten. Wenn, dann sind es immer nur Jobs für ein Gehalt, das zwischen 1.500 und 1.700 Mark liegt. Durch die vielen Abzüge bleiben davon am Ende noch ungefähr 400 Mark zum Leben. Und ich habe zwei Kinder. Trotzdem finde ich es noch besser, zu arbeiten, als Sozialhilfe zu beziehen. Sogar, obwohl ich damit auch kein Plus mache. Weil ich aber kein Auto habe, muss ich viele Angebote ablehnen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 02 Gedrucktes (DI), TLZ

Eine Antwort zu “Faule Arbeitslose per Gesetz bestrafen?

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