Kuck, da war ich

Warum wir auf Konzerten Andenken kaufen

Bella Triste 26 und Jacob-and-the-Appleblossom-CDDer erste Mai war in diesem Jahr ein Samstag. Das ist eigentlich in jeder Hinsicht unpraktisch: Besonders viel zu erwartende Randale in Berlin, kein Einkaufen mehr am Samstag und kein extra Tag frei.

Freitagabend war dafür ein doppelter Freitag. Nicht nur gehen die Freiburger weg, weil am nächsten Tag Ausschlafen ist, sondern darüber hinaus gibt es überviele In-den-Mai-Feier-Möglichkeiten.

Ich hatte mich für den Kulturweg in den Mai entschieden: Ich ging auf eine Lesung. Die erste aus der Reihe Zwischen/Miete des Literaturbüros, wo junge, noch nicht groß entdeckte Autorinnen und Autoren in Freiburger WGs lesen. Clara Ehrenwerth las in einer gemütlichen Altbau-WG in der Habsburgerstraße, in der jedes Stückchen Boden besetzt war, Kurzprosa. Ich habe mir die aktuelle Ausgabe der von Clara mit heraus gegebenen Zeitschrift für junge Literatur BELLA triste gekauft, die wie ein edles Taschenbuch gebunden ist und neben Texten sehr aufdringliche Design-Avant-garde enthält. Im Vergleich zu ähnlichen Zeitschriften wie Sinn & Form oder ndl aber sehr günstig ist.

Lea Mönningshoffs Lichtkunsthappening auf dem Augustiner haben ein Freund und ich dann leider verpasst, dafür flogen aber noch genug Leuchtdioden in Lufballons herum, um sich einen kleinen Lichtpunkt in die Tasche zu stecken.

Wegelagerer mit Flyern lotsten uns dann in die Mensabar. Dort spielten Jacob and the Appleblossom, eine sehr lässige Rhein/Main-Band, Glamour- und Electropop. Das heißt, sie spielten noch nicht, weil ihnen das Publikum abging. Die Wenigen, die sie hören wollten, schwärmten aus und zogen Passanten zum Konzert ein. Statt Eintritt zu kassieren hatte die Box Office kurzerhand auf Freibierausschank umgeschaltet.

Eigentlich keine CD-Band, sondern ein Live-Phänomen (wer in der Mensabar nicht scheiße klingt, muss virtuos sein), trotzdem habe ich mir das Album «Computertruth» und ein Poster gekauft, bevor wir weiter gingen.

Nachdem ich heute Morgen meine Tasche ausgegossen habe, musste ich mich schon fragen, wie lange ich eigentlich verreist war. Neben einem Haufen Flyer war sie voller Souvenirs wie aus einem Urlaub. Eine müde flackernde Leuchtdiode, eine Zeitschrift, die ich mir nicht im Buchladen gekauft habe, sondern weil ich da war und eine CD, die ich mir nicht im Plattenladen gekauft hätte, sondern weil ich dort war. Und alles aus einer einzigen Nacht.

So gesehen sind Nächte wie Reisen in ein anderes Land. Ich decke mich mit Andenken ein, die ich nicht unbedingt mag oder brauche – sondern die Sstütze sind, das Initial für eine Erzählung, das Symbol für ein Erlebnis, der haptische Platzhalter für eine Erinnerung. Eine bestimmte Nacht ist am nächsten Tag genau so weit weg wie ein fernes Land. Und beide haben auch gemeinsam, dass man, wenn man wieder hin reißt, nicht den gleichen Ort wiederfinden wird.

Nach so einer Kulturschock-Nacht hat man vielleicht nicht gerade Sand in den Schuhen, aber zum Frühstück eine neue CD zum Auflegen und genug zu lesen bis Sonntag.

Die nächste Folge von Zwischen/Miete ist am 14. Mai ab 20:00 Uhr im Stühlinger-Wohnheim (Engelbergerstraße 41e, zweites Haus rechts, Zimmer 424 und 425, Entritt 3,00 €). Tilman Strasser liest dann aus seinem Romanprojekt.

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Eingeordnet unter 01 Hallo Woche! (MO), Martin hört, Martin liest

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