Somewhat aufgesetzt

Martin liest «Juno»

Sperriger als der Film • Leider fehlen gekürzte Szenen

Diablo Codys Script, das ihr als Drehbuch-Debütantin gleich den Oscar® für bestes Originaldrehbuch einbrachte, wird allerseits gelobt für seine Frechheit und Unkonventionalität. Liest man es, wird klar: Mit unkonventionell ist vor allem das Thema gemeint, dem sich Cody annimmt: Ungewollte Schwangerschaft mit 16 ist kein Weltuntergang.

Sie behandelt ihr Thema in einer frechen und schnodderigen Weise. In puncto Humor-Stimmung und Respektlosigkeit gehört «Juno» als Film für mich in die gleiche Kategorie wie «Nick & Norah’s Infinite Playlist».

Aber die Rede soll hier ja vom Drehbuch sein.

In puncto Struktur und Handwerk ist es eben nicht unkonventionell. Und das ist nichts Schlechtes. Das klassische, konservative Handwerk ist vielmehr der Grund, warum ein Erstling die gebührende Aufmerksamkeit bekommen konnte um produziert zu werden.

Das Frische und Freche steckt neben dem Thema in der Souveränität der Charaktere, vor allem der Hauptperson Juno. Was allerdings durch die Leistung der Darsteller im Film wie fitte Schlagfertigkeit klingt, wirkt beim Lesen etwas gestelzt und gestellt. Ob das von vielen Seiten geäußerte Kompliment stimmt, Cody hätte der Teenager-Generation aufs Maul geschaut, sei mal dahin gestellt. Für die Heldin ergeben die hintergründigen Bemerkungen jedenfalls Sinn und im Film sind sie noch einmal runder und frecher als im stärker gewollt wirkenden Drehbuch.

Leider enthält diese Ausgabe keine der aus dem fertigen Film geschnittenen Szenen, die zum Teil sogar gedreht wurden (und auf der DVD als Extras enthalten sind). Das Taschenbuch enthält genau alle Szenen des fertigen Films und ist dabei aufgemacht, als wäre die Entscheidung zum Schnitt der Sequenzen bereits in der Drehbuchphase gefallen (die fehlenden Szenen sind nummeriert, aber als omitted gekennzeichnet) und nicht erst im Editing Room. Das finde ich schade, weil der Reiz eines originalen Drehbuchs für mich persönlich steigt, wenn es den Prozess dokumentiert, bei dem ein Film im Schneideraum noch einmal getrimmt und gestrafft wird.

Cody, Diablo: «Juno». New York 2008.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, Martin liest

Eine Antwort zu “Somewhat aufgesetzt

  1. Pingback: Martin kuckt die Oscars | martinJost.eu

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