Lohnt sich Verirren?

Martin liest Verirren. Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene.*

Freiburg. (mjeu) Es klingt wie eine dumme Idee: Sich mit Absicht verirren. Irgendwo auf der Welt, in besiedelten wie menschenleeren Gebieten. Aus Spaß, als Sport, zur Selbstfindung, was auch immer.

Andere populäre dumme Ideen sind zum Beispiel: sich betrinken; an einem Gummiseil von einem Haus hüpfen; in die Politik gehen. Unter diesen Dummheiten, die wir auch nicht lassen können, finde ich Verirren noch am harmlosesten.

Am zweiten April diesen Jahres war ich mit Regionalbahnen auf dem Weg zu Familie. Von zwei Bundespolizisten, die im Zug nach Offenburg Afrikaner verhafteten, ließ ich mich so sehr aus dem Konzept bringen, dass ich mich beim Umsteigen auf dem Anschlussgleis vertat und eine Ortenau-S-Bahn zu früh in die falsche Richtung weiter fuhr. Wer mich kennt, weiß, dass ich mich auf Schienen und im Linienverkehr kaum weniger gut zu verfahren vermag als auf der Straße.

Immerhin ist Verirren im Gegensatz zu Bunjee-Jumping eine Alltagserfahrung. Es ist kein spezialisierter Kopfschüttelsport, zu dem man finden muss. Wer laufen kann, dürfte sich auch schon verlaufen haben.

Mit Absicht macht es bisher keiner. Nicht im großen Stil jedenfalls. Das Literaturverzeichnis von Verirren listet vor allem Bücher auf, die erklären, wie man sich möglichst nicht verirrt. Oder wie man überlebt, falls man in diese missliche Lage gerät. Passig und Scholz sprechen sich deutlich dafür aus, sich gezielt in die Verirrung zu finden:

„Von den vielen Vorteilen des Verirrens ist hingegen zu selten die Rede. Dabei profitiert von einer Beschäftigung mit der schönen Kunst des Umherirrens jeder Mensch, der mit einem normalen Maß an Neugier und Urlaubstagen ausgestattet ist.“ [S. 8]

In der Ortenau-S-Bahn an jenem denkwürdigen Karfreitag hatte ich bald den Verdacht, in die falsche Richtung zu fahren. Ich recherchierte im Internet, an welchen Verkehrsknotenpunkten meine Bahn vielleicht noch halten würde. Ergebnis: An keinen. Die Strecke war eine Sackgasse. Hektisch stieg ich am nächsten Bahhof aus um dort den Zug in die Gegenrichtung zu nehmen. Hubacker. Keine Menschenseele. Feiertag. Siebzig Minuten, bis meine Eisenbahn in der Gegenrichtung wieder vorbei käme. Zeit, die Gegend zu erkunden. Und nachzudenken. Was war das eigentlich, diese Ortenau? Wo gab es hier ein Klo? (Das Foto zeigt den Bahnsteig in Hubacker)

Das Schöne am Verirren und der herkömmliche Mangel an nützlicher Ratgeberliteratur sind die Motivation für das vorliegende Buch. Das, die Literaturverweise und die Infografiken geben Verirren. Eine Anleitung… die Form eines wissenschaftlich fundierten Sach- und Ratgeberbuchs. Natürlich ist es in erster Linie ein feuilletonistischer Text. Verirren liest sich am besten Sonntagmorgens, wenn der Kaffee noch nicht ganz verduftet ist und die Sonne auf den Frühstückstisch scheint.

In witzigem Plauderton, dessen Stil bei zwei Stimmen keine Brüche hat, kompilieren Passig und Scholz furiose Verirrensanekdoten, grundlegende Survival-Tipps, und Gedankenexperimente über die gründlichsten Arten, sich nicht zu orientieren und möglichst viele Erfahrungswerte aus seinem Gratis-Abenteuer zu ziehen.

Ich hatte bei meiner Verirrung nach Hubacker etwas zu lesen in der Tasche: «Verirren» von Kathrin Passig und Aleks Scholz. Aber erst musste ich der Städter-Notdurft nachgeben: Kaffee to go. Ich begegnete Wanderern. Sie empfahlen mir eine Vesperstube, ein paar Kilometer bergauf im Wald. Die Vesperstube hatte genug Anstand, schon kurz nach Beginn des Aufstiegs den Dürstenden darauf hinzuweisen, dass sie am Feiertag geschlossen ist. Ich kehrte um zum Bahnhof und wartete auf den Zug zurück nach Offenburg. Damit hatte ich mich nur ein bisschen verfahren und bin kurz zu Fuß erkunden gegangen. Nicht schlimm. Und dabei habe ich noch gelernt, wie klein menschliche Siedlungen in der Ortenau sein können und wie eisern hier Feiertage befolgt werden.

Sammlung und Systematisierung der in der Literatur verteilten Einsichten in den Wert einer guten Verirrung sind aber nur die halbe Leistung des Buchs. Die Autoren schmelzen ein, rühren um und fügen neu zusammen, sie bereichern mit eigenen Gedanken und persönlichen Erfahrungen. Ihr Plädoyer für das intuitiv immer als Missgeschick geltende Verirren ist eine rhetorische Lehrbuchübung in absurd sachlicher Argumentation. Sie vergessen nicht eine Begriffsbestimmung, die Verirren mit der Befreiung aus dem Effizienzdruck gleichsetzt und mit abenteuerlicher Welterfahrung.

„Es gibt natürlich gute Gründe, warum Verirren unbeliebt ist: Immer wieder führt fehlende Orientierung auf Umwegen zum Tod oder verpassten Mahlzeiten. Allerdings liegt das nur selten am Verirren, sondern vielmehr daran, dass kaum jemand es richtig beherrscht.“ [S. 8]

Die Liste mit Vorzügen des Verirrens aus dem Vorwort ist ein bisschen verlegen. (Nr. 3: Verirren ist Urlaub. Nr. 4: Wer sich verirrt, entdeckt die Welt.) Der Rest des Buches sabotiert den Glauben an das gute Verirren dann aber nicht weiter. Im Gegenteil: es macht Lust auf den Genuss. Warum soll man sich verirren statt gezielt und voll orientiert die Welt zu bereisen? Gute Frage. Warum soll man Pralinen essen statt Vollkornbrot? Warum soll man Neon lesen statt Sinn und Form?

Für die Seele. Für den Moment. Weil wir Feuilleton lesen.

*Passig, Kathrin & Aleks Scholz: Verirren. Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene. Berlin Zweitausendundzehn.
Rowohlt Verlag, zweihundertsiebzig Seiten, Achtzehn € und fünfundneunzig Cent (Hardcover)

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Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, Martin liest

3 Antworten zu “Lohnt sich Verirren?

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