Jugendbücher, spät entdeckt (1. Teil)

Weimar. (mjeu) Ich vergesse langsam, welche Bücher aus meinem alten Bücherschrank ich schon gelesen habe und welche nicht. Ich hatte mal den Anspruch, mein Regal von Links nach Rechts durchzulesen, aber bevor ich das halb geschafft hatte, war Schule zu Ende und Heimat aus.

Ich hatte auch mal eine ausgezeichnete Lesetagebuchdisziplin. Vielleicht mit 16 oder so. Dann habe ich das wieder bleiben lassen, sonst hätte mir noch der ganze Papierkram das Lesen vergällt.

Ich bin heute mit dem Daumen an meinem alten Bücherregal lang gefahren, dessen Inhalt sich langsam zerfleddert und in alle Winde zerstreut. Ich versuche, mich zu erinnern, wie ich die Bücher fand, als ich sie gelesen habe.*

1.) Dagmar Chidolue: Der Schönste von allen. QB –
Urlaubsflirtgeschichte aus Mädchensicht. Nur gescannt damals. „Ab 11.“ War ich garantiert auch zu alt für, als ich es irgendwann las.

2.) Catherine Clément: Theos Reise. Roman über die Religionen der Welt. (Uli Aumüllers und Tobias Scheffels Übersetzung von Le Voyage de Théo.) VB –
Mit 18 gelesen um verpasste Schule aufzuarbeiten (Ethik-Unterricht). Sophies Welt für Arme. Und Sophies Welt war schon hochdidaktisch und todlangweilig erzählt. Gleiches Problem hier. Nur schlimmer.

3.) Bruce Clements: Hin und wieder lüge ich. (Fred Schmitz’ Übersetzung von I Tell A Lie Every So Often). VB –
Irgendwas mit Abenteuer, Mississippi, Schaufelraddampfern etc. Muss mich schon ganz schön gelangweilt haben, aber ich erinnere mich an den Plot nicht. Bloß, dass der Umschlagtext irgendwie in die Irre führte und wenn ein Buch sich so was leistet, hat es bei mir ja verschissen.

4.) Peter Härtling: Ben liebt Anna. Kinderroman. VB +
In der 3. oder 4. Klasse gelesen. Mindestens anderthalb mal. Der Autor denkt sich ausgezeichnet in die romantische Vorstellung von Liebe ein, die man in einstelligen Lebensaltern noch hat. (Vgl. die Sexszene im 12. Kapitel).

5.) Klaus Kordon: Die Reise zur WunderinselVB –
Habe ich als weder besonders virtuos noch frech geschrieben in Erinnerung. Die Message ist so angestrengt und naiv. Bäh.

6.) Erwin Moser: Jenseits der großen Sümpfe. VB +–
Kinder, die sich einen Sommer lang bekriegen. Hauptquartiere und Verstecke im Maisfeld bauen. Ein Traum. Eier in die Sonne legen um Stinkmunition herzustellen. Wie Der Krieg der Knöpfe, bloß Atmosphäre stimmungsvoller. Oder?

7.) Arnulf Zitelmann: Unterwegs nach Bigorra. VB ––
Roadmovie, jugendlicher Held. „Ein spannender Abenteuer-Roman aus dem frühen Mittelalter.“ Pah. Ich habe mich unter Schmerzen gelangweilt und mich zu jedem weiteren Kapitel zwingen müssen (scheiß Ehrgeiz) wie zu noch einem Bröckchen bitterer Tablette. Erinnere mich nicht an Plot, nur an Grau und schlammige Wege und nasse Kälte im alten Europa. Irgend so was.

* Das ist unlauter? Eine fundierte Meinung habe man nur unmittelbar nach dem Zuklappen? Papperlapapp. Wenn ich mich erinnern kann, dass ich das Buch gelesen habe (und mit einem Buch, das man gelesen hat, hat man ja in der Regel nicht nur ein paar Stündchen verbracht), dann ist auch ein starkes Bauchgefühl geblieben. Es hat für mich noch einen Eindruck, einen Geschmack und ich sehe Bilder von mir, wie ich es lese.

Außerdem halte ich es mit Pierre Bayard und seinen Vorschlägen für eine wertende Bibliographierung. Hinter jedem Buchtitel vermerkt er entweder
UB (für ein ungelesenes und praktisch ungekanntes Buch) oder
EB (für ein empfohlenes Buch, über das man also schon etwas gehört hat) oder
QB (für ein quergelesenes, also durchgeblättertes und ausschnittsweise, in Bröckchen gelesenes Buch) oder
VB (für ein vergessenes Buch, also jedes Buch, das man von vorn bis hinten gelesen hat, an das man sich aber auch fünf Minuten nach dem Zuklappen nicht mehr genau genug erinnert um ihm gerecht zu werden).
Andere Typen als die vier genannten schließt Bayard aus. Jedes Buchstabenpaar hinter der bibliographischen Angabe wird ergänzt durch Plus- und Minussymbole, die Qualitätsstufen kenntlich machen: von –– für ganz schlecht über –, –+, + bis ++ für ganz gut.*

* Diese Qualitätsstufen entsprechen in meinem Weltbild den fünf Sternen bei iTunes oder Amazon. Meine beiden Ergänzungen des Systems sind die Stufe Null (kein Minus/Plus bzw. null Sterne; bleibt Büchern vorbehalten, die nicht nur schlecht sind, sondern böse weil zerstörerisch und menschenverachtend) und die Tendenz in der Mittentendenz, die sich an der Reihenfolge von Plus und Minus zeigt (+– entspricht drei Sternen, –+ wären zweieinhalb).

2. Teil am Samstag hier.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, Martin liest

Eine Antwort zu “Jugendbücher, spät entdeckt (1. Teil)

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