Wir sehen hinauf zum Baumhaus


Freiburg. (mjeu) Zuerst denke ich noch: Grüne unter sich. 23 Besucher in der Jackson-Pollock-Bar plus drei Personen auf dem Podium. Ich zähle drei Cordhosen, drei Sakkos, sechs Knöpf- und Kragenhemden ohne Krawatte (gar keine Krawatten), eine kurze Hose/einen Rock und zwei Gatsby-Mützen. Aber es sind mindestens noch ein bekennender Junges-Freiburger außer mir sowie ein Pirat da.

Das Thema von Bei Andreae (so heißt die Veranstaltung, obwohl es nicht bei Kerstin Andreae, der Grünen-Bundestagsabgeordneten für den Wahlkreis Freiburg, zu Hause stattfindet – ich weiß auch gar nicht, wo sie so wohnt, aber bald gibt es ja Google Street View – sondern wir tagen wie gesagt in der Jackson-Pollock-Bar im Stadttheater), also das Thema heißt „Leben im Netz – Zwischen Datenschutz und Chancen des Internets“ (schön, wie hier eine scheinbare Antithese zwischen Datenschutzbestrebungen als Handbremse und dem Motor Chancen aufgemacht wird). Zur Veranstaltung wurde nicht nur analog mit Flyern eingeladen, sondern auch via Facebook. Auf der Facebook-Seite für das Event haben sich Lörracher Gäste zu einem Carpool verabredet. Auch wieder grün. Für die Flyer mussten schließlich Bäume sterben und vernetzt haben sie niemanden, so weit wir zu diesem Zeitpunkt sagen können.

Ob Andreae und ihr Bundestagsfraktionskollege Konstantin von Notz auch eine Fahrgemeinschaft von Berlin nach Freiburg gebildet haben? Von Notz ist netzpolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion und für eins der drei Sakkos im Raum verantwortlich (und für das meiste Haargel) und an seiner Stelle würde ich mich in den Popo beißen, weil ich nicht von Netz heiße. Kerstin Andreae, die in ihrer Veranstaltungsreihe Bei Andreae mehr als Gastgeberin und Moderatorin denn als politische Streiterin auftritt, hat von Notz zusammen mit Friederike Siller auf ihr Podium eingeladen. Die Medienpädagogin Siller ist Geschäftsführerin von fragFINN.de, einer kindersicheren Verschalung des Internets und der Suchmaschine Google.

Kerstin Andreae MdB

Kerstin Andreae, MdB • Image via Wikipedia

Als ich ein bisschen verspätet eintreffe (ich musste noch Twitter checken), kreist die Diskussion gerade um Netzkompetenz von Kindern und Jugendlichen. Eine Frau im Publikum mit sehr engagierter Stimme, scheinbar Lehrerin (Freiburger Grüne sind ja alle irgendwie entweder Lehrer oder Architekten oder was mit Erwachsenenbildung) fordert politischen Willen zur Fortbildung der deutschen Lehrer und zur Einführung von Schulfächern, in denen Schüler für Datenschutz im Netz sensibilisiert werden. Die Gäste auf dem Podium bekunden Willen und Resignation gegenüber der Forderung. Viele Lehrer wollten sich nicht vor eine Klasse stellen und ihren Schülern das Internet erklären, weil die sich damit sowieso besser auskennen als sie. Die Lehrerin im Publikum fordert, dass man diesen Wissensvorsprung also eben zugunsten der Lehrer umdrehen müsse. (Ich verstehe das so: Zu diesem Zweck müssten Lehrer für einige Jahre vom Berufsleben freigestellt werden, um zunächst das Nutzungszeitverhältnis zugunsten der Lehrer umzudrehen.)

Übrigens duzen sich alle quer durch den Raum und vom Podium runter und aufs Podium hoch. Und flapsig werden sie auch noch: Von Notz sagt einmal „scheißegal“.

Google Street View wird angesprochen. Das Podium ist sich einig, dass das ein unverhältnismäßig gehyptes Sommerlochthema war. Im Publikum hat niemand richtig was gegen Street View. Die Diskussion über das Recht von Hauswänden auf Privatsphäre müsse unpolemisch geführt werden. Kein Widerspruch.

Apropos Widerspruch. Der Street-View-Widerspruch sei in erster Linie eine Strategie für die Akzeptanz von Street View, sagt von Netz (ich möchte ihn ab jetzt von Netz nennen). Aber der öffentliche Raum müsse öffentlich bleiben. Von Netz nimmt hier nicht die feine begriffliche Trennung zwischen Öffentlichkeit und digitaler Öffentlichkeit vor, die Sascha Lobo, der deutsche Wanderprediger der digitalen Zukunft, benutzt. Aber das würde zu weit führen. Die Anwesenden versichern sich gegenseitig, dass sie sich mehrheitlich nicht ausmalen können, was man mit diesem Internet alles machen kann, geschweige denn die richtigen Begrifflichkeiten benutzen.

Vielleicht ist ja der Anspruch, in einer analogen, non-intertextuellen Diskussion das ganze Internet einzugrenzen und zu packen etwas zu hoch. Darüber hinaus diagnostiziere ich eine Kluft im Raum zwischen Zuhörern, die das Internet wie nur ein weiteres Kommunikationsmedium oder nur ein weiteres Werkzeug zur Wissensaneignung verstehen und den tendenziell jüngeren Besuchern, für die es ein Ort ist, an dem sie leben. Die Jüngeren machen sich die Grenzen zwischen analoger und Internetwelt im Alltag nicht bewusst, genau so wenig wie sie über ihre Sprache nachdenken, wenn sie sich unterhalten. Die Älteren nehmen das Internet in die Hand und legen es nach Benutzung wieder auf wie einen Telefonhörer.

Wer hier zuhören würde und keinen Schimmer hätte, was dieses Internet eigentlich ist, wird eine Komplexität wie in einer von Piet Mondrians Kompositionen erwarten. Ein viel besseres Bild für das Internet und seine fraktale Entropie wäre das meterlange Wandgemälde im Stil Jackson Pollocks, das hinter den Besuchern hängt.

Die Jackson-Pollock-Bar hat für Freiburg verhältnismäßig viel Weite-Welt-Charme. Insofern ist sie als einer von Freiburgs berlinerischsten Orten neben der BeatBar ein guter Veranstaltungsort für die Weltnetz-Diskussion. Auf schwarzem Granitkachelboden stehen schwere Stehtische und Kunstledersofas rum. Kein richtiger Drinnen-Raum eigentlich. Mehr so Bahnhofshalle plus abgehängte Decken. Kaugummiverklebte Säulen (aus Versehen lehne ich mich auf meinem Barhocker an eine; ihh) und Lichter in unnatürlichen Farben (lila etc.). Gegenüber dem pollockartigen Wandgemälde und hinter dem Podium wird ein Panorama vom Times Square bei Nacht extra angestrahlt.

Kommt eigentlich die Gesetzgebung den Entwicklungen im Netz hinterher? Die Zwischenfrage überspannt irgendwie alle thematischen Streifschüsse des Abends: Netzsperren, Vorratsdatenspeicherung, Urheberrecht. Eher nein, befinden von Netz und Andreae. Die überkommenen Gesetze eins zu eins auf das Netz auszudehnen, wäre weltfremd und neue Regelungen sind starken Scherwinden von Regierungen und Lobbyisten ausgesetzt.

Ein Besucher zitiert das „Baumhaus-Prinzip“ für das Internet: Wer zu alt ist, um ohne Hilfe reinzukommen, soll uns darin auch keine Vorschriften machen. (Das habe ich zuerst beim Twitterer @haekelschwein gelesen und jetzt frage ich mich: Ist die Metapher schon länger im Umlauf und einfach Allgemeingut? Oder ist das Internet doch irgendwie klein genug und der andere Mann im Publikum und ich haben zufällig den gleichen Tweet gelesen? Das mag schon sein, schließlich ist @haekelschweins Äußerung massenhaft geretweetet worden und hat auf Favstar.fm viele Sterne gesammelt. So ist das Web 2.0 dank des Qualitätssystems aus Nutzerempfehlungen doch wieder in etwa wie Fernsehen mit drei Programmen. Wir machen gleiche Erfahrungen. Globalisierung heißt nicht: Wir verlieren den Überblick, so groß wird die Welt. Sondern ein Australier, den ich zufällig treffe, hat wahrscheinlich zu 80 Prozent mit demselben Blödsinn wie ich auf Youtube & Co. seine Zeit vertrödelt.)

Ein bisschen dem Mainstream der Debatte nähert man sich an, als das Modell vom World Wide Web als der 4. menschlichen Kommunikationsrevolution durch den Raum fliegt. (Demnach ist das WWW vom selben Kaliber wie die Erfindung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks; vgl. Soziologe Dirk Baecker. – Ich bin sooo gespannt, ob die Menschen in 1.000 Jahren das auch so sehen.)

Alle vier Kommunikationsrevolutionen haben ihr Teil zur Demokratisierung unserer Gesellschaft beigetragen. In der logischen Abfolge bringt das Internet aber den größten Zuwachs an Demokratie. Die Zensursula-Petition habe das genau so gezeigt wie die zurück liegenden Bundespräsidentenwahlen. Mein Lieblingsmoment des Abends ist, als ein offensichtlich netzkompetenter Jungspund betrauert, dass im Zusammenhang mit Anti-Atomkraft-Protest zwar Hunderttausende auf die Straße gingen, aber die Online-Petition, „also im Internet, wo die Leute richtig was bewegen könnten“, dümpele mit wenigen tausend Unterzeichnern vor sich hin.

Da sind Leute im Raum, die haben garantiert schon gegen Atomkraft demonstriert, da gab es noch nicht einmal Handys oder Atom-Feeds. Und jetzt müssen sie sich von einem Computerfuzzi sagen lassen, dass analoge Demos unter freiem Himmel Energieverschwendung seien.

Kerstin Andreae zwingt ihre Gäste, noch kurz ihre Vision von der digitalen Gesellschaft der Zukunft zu umreißen. (Kurz wie auf Twitter, könnte man sagen.) Von Netz und Siller sind sich einig: Das Internet wird die Welt basisdemokratischer machen („urgrün“; Siller) und Politik niedrigschwelliger.

Das finden alle gut. Die Versammlung löst sich in Wohlgefallen auf. Ich sehe mich um und frage mich: Wer von uns kommt eigentlich ins Baumhaus? Oder sind wir alle in einem Baumhaus, aber wenn wir auf dessen Dach klettern, sehen wir erst, dass weiter oben in der Baumkrone ein noch höher gelegenes Baumhaus auf uns wartet? Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Internet begreifen kann. Mit allen seinen Ecken vertraut sein zu wollen ist aussichtslos. „Ich habe das Internet durchgelesen. Was soll ich jetzt machen?“ ist ein ziemlich alter Witz in meiner Zeitrechnung. Ich habe keine Wahl. Ich kann Leuten nur Vorschriften machen in Baumhäusern, die ich auch erklettern kann.

Dieser Artikel erscheint auch auf Orangenfalter.de.

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