Mein Raubüberfall

Freiburg • martinJost.eu

Heute Nacht wurde ich auf der Opfinger Brücke zwischen Weingarten und Haslach beraubt und verprügelt. Obwohl ich glücklich davon gekommen bin – ich habe nur meinen Geldbeutel gegen Kopfschmerzen getauscht – ist das ein großer Scheiß und auf der Martinskala phänomenal zum Kotzen.

Ich war zu Fuß auf dem Weg entlang der Opfinger Straße. Meine Fortbildung beim Roten Kreuz auf der Haid war gegen 21:20 Uhr zuende gewesen.

» Google-Karte von meinem Überfall gestern

Die Brücke, auf der es passierte, trennt meines Wissens die Stadtteile Weingarten und Haslach (HaWei). Grob Richtung Innenstadt unterwegs, lief ich auf dem linken Gehweg auf die Brücke, die Fußgänger, Straßenbahnen und Autos über die Eisenbahntrasse führt. Kurz bevor der Weg auf die Brücke steigt, kommt man an einer Straßenbahnhaltestelle vorbei. Zwei Typen an der Haltestelle warfen sich einen Blick zu und folgten mir. Das sah ich im Augenwinkel. „Komisch“, dachte ich, „wenn die auf die Straßenbahn in Gegenrichtung gewartet haben – warum haben sie sich dann jetzt doch entschlossen, in meine Richtung zu gehen?“

Werden schon nix Schlimmes vorhaben, dachte ich. Menschen sind nicht so scheiße. Ich sehe nicht nach Opfer aus, ich bin sehr groß. Das könnten die einfacher haben. Und das mit den Problemstadtteilen, das ist doch ein statistisches Klischee. Mir ist jedenfalls nachts in Haslach noch nie was passiert.

Trotzdem kann es ja nicht schaden, meinen Radar ein- und den iPod auszuschalten. Die Ohrhörer lasse ich, wo sie sind, will ja schließlich nicht vermitteln, dass ich unsicher sei. Ich höre auf die Schritte hinter mir. Sie bleiben auf Abstand. Ich bereite mich darauf vor, dass die Schritte plötzlich schneller werden. Aber was schon? Dann drehe ich mich um und kucke sie unschuldig neugierig an? Und dann?

Nein nein, die laufen nur. Sie unterhalten sich, das klingt locker, auch wenn ich die Worte nicht verstehe.

Bevor der Fußgängerweg auf die Brücke hochschwingt, steigt zuerst das Niveau von Straße und Straßenbahntrasse an. Auf dem Weg auf die Brücke ist man kurz in einer engen, dunklen Gasse – rechts Beton von der Brücke, links ein grüner Lärmschutzwall. Wenn die was vorhaben, denke ich, dann doch wohl hier. Ich gehe ziemlich schnell. Schneller als sonst, aber ich gehe immer sehr zügig.

Haben sie gedacht, ich laufe weg? Aber ich gehe immer so schnell! Hätte ich langsamer gehen sollen?

Auf der Brücke denke ich, jetzt bin ich über’n Berg. Die beiden haben zwar ihren Abstand zu mir eingehalten, aber näher gekommen sind sie nicht.

Auf dem Scheitel der Brücke ist ein Fußgängerüberweg mit Ampel. Man muss durch Gitter Slalom gehen, die einen zwingen, immer in Richtung Straßenbahn zu sehen und dann über eine Ampel. An der roten Ampel bleibe ich stehen. Einer von den beiden Typen neben mir. Er ist einen halben Kopf kleiner als ich, vielleicht so groß wie die Kriminalpolizistin, also eins-siebzig; er ist dick und bullig; er hat ein rundes Gesicht und kurze, igelig hoch gegelte schwarze Haare; Schatten von dunklem Bartwuchs, aber rasiert; ein dunkles Sweatshirt und eine dunkle Hose. Keine Accessoires, Taschen, Rucksack… „Brutal kalt geworden, oder?“, sagt er. Muttersprachebadisch mit Checker-Singsang.

Ich nehme die Ohrhörer raus und frage: „Hm?“ Wir reden über’s Wetter.

Er fragt, wo ich hin wolle.

„Sooo… Stadt“, sage ich.

„Un da fährsch net mitte Bahn?“

„Doch, mach’ ich gleich.“

Er sagt: „Da unten fährt in zwölf Minuten die nächste“ und meint die Haltestelle unmittelbar nach der Brücke. Man kann sie von hier aus sehen.

Wo sie hin wollten, frage ich ihn noch.

„Haslach.“

Und da fahren sie nicht Bahn? Nee, klar.

Nee, klar.

„Jetz isch grün“, sagt er.

Ich habe es nicht gesehen. In dem Moment wird die Ampel rot. Ich gehe rüber. Der Dicke auch. Der andere, schlanker und genau so groß wie der sprechende Wichser, mit breitem Unterkiefer und Quadratgesicht, bleibt stehen.

(An dieser Stelle unterbrach mich später die Kriminalkommissarin bei der Vernehmung und meinte: „Sind Sie bei Rot rüber gegangen? Also sagen wir, gerade noch Grün. Nicht, dass es nachher Stress gibt.“ Whatever.) Halloho, rechtfertigender Notstand, anyone?

Ich denke: mit den beiden dumm palavern, das entspannt und schließt (nach irgendeiner Logik) aus, dass sie mir etwas tun. Der Dicke wartet auf seinen Kumpel, der ihm später über die rote Ampel folgt. Ich sehe das, weil ich mich umdrehe. Mit einem „Tschüss“-Blick. Wird wohl doch nichts mit Unterhalten.

Die Brücke führt langsam wieder bergab, zu einem kleinen Platz; zu der Kreuzung, ab der die Opfinger Carl-Kistner-Straße heißt.

Scheiße. Die beiden sind wieder hinter mir und ich kann ihre Schritte hören. Ich ziehe mein Telefon und versuche einen Anruf. Um ein Zeichen zu setzen: Ich bin hier nicht allein.

Niemand geht ran. Ich stecke mein Telefon wieder weg. Ich kriege einen üblen Wumms auf den Hinterkopf und taumele.

Hätte ich vielleicht die 110 wählen sollen und sagen: Ich bin irgendwo, hinter mir sind zwei Leute? Also bitte, Verhältnismäßigkeit! Paranoid oder was? Wer gäbe sich so eine Blöße.

Ich habe ja auch wirklich alles richtig gemacht. Ich bin groß, das schon mal. Ich habe keine Prügelerfahrung, aber das steht ja nicht auf meiner Jacke oder so. Ich lohne doch den Aufwand nicht.

Ich habe normal, fest und bestimmt gesprochen. (Oder?) Ich hatte Blickkontakt. Was soll schon schief gehen.

Beide halten mich an meinem Arm, an meinem Rucksack und verkrallt in meine Jacke fest und schlagen mit mit der anderen Faust trommelartig auf den Kopf. Keine durchgezogenen Box-Schläge, ich kriege fast keine Knöchel ab. Nur weit ausgeholte Fäuste am Ende von Windmühlenarmen. Lauter dumpfe Schmerzen, gleichmäßig auf meinen Kopf verteilt. Den ich einziehe. „Du rufsch nich die scheiß Polizei an!“

„Hört auf!“, rufe ich.

Sie schreien aufgeregt auf mich ein, während sie zerren, schubsen, festhalten und schlagen. „Geldbeutel her!“, verstehe ich.

Können sie haben. „Alter, ich mach’ ja, was ihr sagt“, rufe ich laut. „Hört halt mal auf, damit ich ihn rausholen kann.“

Sie hören nicht auf. Bumm, bumm, bumm. Ich muss mich gegen alles stemmen, nur, um auf den Beinen zu bleiben. Sieht das hier denn keiner? Zwei Autos fahren vorbei (oder?) Keine Leute weit und breit. Ich denke darüber nach, mich zu wehren. Aber ich kann sie ja nicht sehen vor lauter Kopfeinziehen. Wo sind sie überhaupt? Und wie soll man ohne Übung einen mit einem Tritt oder Schlag ausschalten statt ihn bloß zu provozieren? Statt zwei davon zu provozieren? Ich merke, ich sollte mich mehr prügeln.

Ich bekomme mein Portemonnaie aus der Jackentasche gefischt. Ich halte es hoch, während sie weiter auf meinen Kopf einboxen. „Hier ist es! Nehmt es!“, rufe ich.

Ich verstehe: „Verarschen?“, „Scheiß Geldbeutel her!“ und „Geldbeutel!“

Ihr könnt mich mal. Wie stellt ihr euch denn bitte einen Geldbeutel vor? Das ist mein verdammter Geldbeutel. Er ist eben blau. (Nach heute werde ich nicht mehr Geldbeutel sagen. Ich möchte zu meinem Heimatwort, Portemonnaie, zurück kehren. Egal, ob man das so schreibt.)

Jetzt denke ich: Die nehmen mein Portemonnaie nicht. Vielleicht geht es ihnen gar nicht da drum. Vielleicht wollen sie nur auf mich eindreschen, bis ich mich nicht mehr bewege. Man hört ja von sowas. Scheiße. Und wenn ich dann nicht wieder aufwache? Das ist gerade ganz schlecht. Das soll mir nicht passieren.

Das ist für mich der Moment mit der meisten Angst. Jetzt nimmt einer mein Portemonnaie. Zusammen schieben sie mich noch vom Gehweg in die Böschung, aber ich falle nicht hin. Sie laufen weg, untersuchen im Gehen mein Portemonnaie. Dann rennen sie wieder. Einen Moment lang kommt es mir vor, als überlegten sie noch, zu mir zurück zu kommen. Mir mein Telefon weg nehmen? Was überlegen die?

Ich kann nicht warten, bis die sich auskäsen. Während sie dann doch von mir weg hoppeln, wähle ich die 110. Das ist laut meinem Handy um 21:45 Uhr.

Beide Verbrecher kreuzen, glaube ich, die Straße und laufen denselben Weg zurück, auf dem wir gekommen waren.

Der Disponent von der Polizeileitstelle fragt mich ruhig nach einer Personenbeschreibung aus. Ich sage, woran ich mich erinnern kann und laufe derweil die Brücke weiter runter. Unten sind mehr Menschen, die sich wohl in Grüppchen zu Treffen verabredet haben. Ich telefoniere noch mit der Polizei, da rast der erste Streifenwagen an mir vorbei. Über die Brücke, jedenfalls in die richtige Richtung. Ein zweiter Streifenwagen wartet auf mich.

Mein Gesicht fühlt sich links dick an und brennt. Die haben ihre Schläge wohl doch nicht so gleichmäßig verteilt. Die Polizisten sagen, ich hätte an der Schläfe eine Platzwunde. Sie schreiben in ihr Notizbuch. Nochmal die gleiche Personenbeschreibung wie eben am Telefon. Ob ich denn keinen Ausweis dabei hätte.

Überhaupt ist man gar nichts ohne seine Karten. Später im Krankenhaus: Ob ich meine Versichertenkarte dabei hätte. Nein. Ob ich denn die zehn Euro Praxisgebühr bezahlen könne. Wieder nein.

Während ich am Polizeifunk höre, wie die Streifen Geldautomaten auf die Gesuchten kontrollieren wollen, hänge ich in der Warteschleife der EC-Karten-Sperr-Hotline. Die Hälfte meiner Karten kann ich sperren, weil ich Kontonummern und Bankleitzahlen auswendig kenne. Die anderen Karten kann ich nicht sperren, weil man dafür seine Kontonummer und Bankleitzahl vorlesen müsste. Ich finde das so mittel durchdacht bis jetzt. Aber ich beruhige mich: Ohne PIN können die mit meinen Karten erstmal nichts anrichten.

„Die sind eh’ nur auf das Bargeld aus“, sagt der eine Polizist. Wie viel Bargeld war denn das? Ich erinnere mich, dass ich am frühen Abend beim Bäcker 2,98 € aus dem Münzfach zusammen gekratzt habe. Was immer da noch übrig war, haben jetzt die Weingärtner.

„Das geschieht ihnen recht“, sagt später die eine Polizisten.

„Sie müssen das mal aus der Sicht der Täter betrachten“, sagt ein anderer. „Raub mit Körperverletzung, ein Jahr Gefängnis. Und das für nicht mal zwei Euro!“ Whatever. Hätten sie mal den iPod geklaut. Der ist zwar älter als ich, aber sicher wertvoller als mein Portemonnaie. Und täte noch mehr weh.

Wäre ich mal Bahn gefahren, überlege ich laut irgendwann.

„Da kann Ihnen das genauso passieren“, sagt der Polizist.

Ein anderer hat noch eine These zum Motiv der Räuber: „Die machen das manchmal einfach so als Hobby.“ Dreckswichser. Heute werde ich im Idealfall Rachefantasien träumen.

In der Notaufnahme wächst mir ein riesiger dicker blauer Berg unter meinem Auge. Die Platzwunde wird versorgt. Ich rufe die Polizei an und sie holen mich zur Vernehmung ab. Eine Vernehmung ist: Ich erzähle alles noch mal, die Kriminalkommissarin spricht es Satz für Satz in der 1. Person in ein Diktiergerät. Ich muss einen Alkoholtest machen. Vorschrift. Meine Jacke geht in die Kriminaltechnik. Ich muss mich an alles erinnern, was in dem Portemonnaie war. Lange Zeit halte ich die gesammelten Kaffeecoupons für das wertvollste Unersätzliche, das da drin war. (Ich habe heute erst einen beim Bäcker vollgestempelt gekriegt. Verfickt.) Dann fällt mir noch das Semesterticket ein. Das kriegt man nicht wieder, oder?

Also ich hatte Glück. Materiell wie körperlich könnte der Schaden weitaus größer sein. Aber ich hasse das, wenn diese Kerle etwas an mir verändert haben. Dass ich mir nicht vorstellen kann, nochmal durch HaWei zu latschen zum Beispiel. Wegen denen finde ich jetzt zwei Stadtteile scheiße. Und dieser Moment: Als ich dachte, die wollen gar nicht das Portemonnaie; die wollen einfach nur weiter auf mich einschlagen, bis es ihnen genug ist und mir schon lange. Das war ein Punkt, in dem ich lieber überlegen gewesen wäre.

Und nächstes Mal? Nächstes Mal gehe ich nicht nachts durch Haslach. Problem gebannt?

Und wenn ich wieder in eine Situation komme, wo mein Instinkt mich warnt? Dann gebe ich mich vielleicht weniger eitel der Paranoia hin. Einfach mal nicht weiter geradeaus gehen, sondern umdrehen und an der Straßenbahn bleiben. In’s Handy sprechen, wenn auch keiner dran ist. Oder gleich: nicht allein sein.

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7 Kommentare

Eingeordnet unter 08 Drahtbildberichterstattung, In eigener Sache, Was geht in Freiburg?

7 Antworten zu “Mein Raubüberfall

  1. Lieber Martin,
    sie haben meine volle Anteilnahme und ich hoffe, Sie haben sich wieder beruhigt.
    Diese Dreckswichser werde schön blöd gekuckt haben, als in dem Geldbeutel nix drin war…hahaha…das gönne ich denen,
    hoffentlich waren die so sauer, dass sie das Teil gleich weggeworfen haben, dann besteht nämlich eine große Chance, dass Sie es weider bekommen.

    Was mich erschüttert ist, dass so eine Tat in meinem geliebten Freiburg passiert ist, es ist kaum zu fassen !

    Liebe Grüße und gute Besserung
    Sweetkoffie

  2. Alex

    Hallo Martin, bin durch Zufall auf diesen Artikel gestossen und kann nachvollziehen wie Du Dich fühlst. Dumm gelaufen. Man braucht sicher eine Weile bis man so etwas verdaut hat und die Sache abhaken kann. Aber denk dran, trotz allem war es nochmal Glück im Unglück dass nichts Schlimmeres passiert ist.
    Liebe Grüsse

    P.S. Hier noch ein paar Tipps für alle, die es interessiert:

    How to Recognize Imminent Danger: 7 Essential Safety Rules

    Most people are good, but there are some who are not. They are dangerous and hunt for victims. The good news is that you can keep yourself safe by following seven simple safety rules.

    1. Be alert
    Pay attention to what is around you. Keeping yourself safe is a matter of paying attention to possible danger and avoiding it.

    2. Use your senses
    Centuries ago, human senses were essential survival tools. Smell could signal the approach of a dangerous animal, or lead to a food source. Hearing could alert you to a predator creeping up, ready to attack. Taste could discern poisonous food. Never listen to music while walking — stay alert to your surroundings.

    3. Notice anomalies
    Predators often behave in odd ways. Look for odd behavior such as a couple or small group coming towards you whose attention is on you, and not on each other, or people lurking or loitering without visible reason. The best way to stay safe is to spot oncoming danger and avoid or evade it.

    4. Avoid angry scenes and ugly crowds
    If you are at a club or a party and aggravation builds, leave the place immediately. If you are in a large crowd and the mood turns ugly, quickly move to the edge of the crowd and leave the area.

    5. Keep together
    Lions hunting in the wild never attack the leaders of a herd. They attack the stragglers. Human predators follow the same strategy; they target people who are on their own.

    6. Look big and show confidence
    If you are feeling threatened, walk fast and confidently. If you are lost in a foreign city, never stop and study a map under a street lamp — it marks you as a possible victim. Always appear in charge of your actions.

    7. Treat people well
    If you are aggressive or nasty to others, they may respond with aggression or even violence towards you. Your best defense against danger is to be a friendly and helpful person.

    http://articles.mercola.com/sites/articles/archive/2009/10/06/How-to-Recognize-Imminent-Danger-7-Essential-Safety-Rules.aspx

  3. Pingback: Ich war eine Polizeimeldung « martinJost.eu

  4. Pingback: 2010 in review | martinJost.eu

  5. Zoran Timic

    Auge um Auge Zahn um Zahn

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