So will ich leben. Minus die Schuhe und die Taschen.

Freiburg • martinJost.eu

Ich kann nicht lügen. Deshalb, wenn eine Kollegin neben mir sagt: „«Sex and the City» würde ich mir gern mal anschauen“, dann sage ich: „Kann ich dir auf DVD leihen. Komplett.“

Carrie Bradshaw sitzt vor ihrem Mac.

Fällt mir schwer, zu erklären, warum ich «Sex and the City» besitze und auch schon mal angesehen habe. Es ist eine Frauenserie. Für Frauen, über Frauen. Voller Frauenkonsumfetisch und Frauenhumor. Ich bin keine Frau und ich bin auch nicht homosexuell. (Disclaimer: Es ist nicht Antipathie, die mich das betonen lässt, sondern Pragmatismus. Ich habe selbstverständlich nichts gegen Homosexuelle. Ich finde das eine super Idee, nur nicht für mich.) Insofern dürfte mich die Serie überhaupt nicht interessieren. Als Mann «Sex and the City» zu sehen, stigmatisiert. Und die Leute lächeln verdächtig wie meine Cousine, als ich mit ihren Barbies spielen wollte.

Ich hatte bislang immer die Antwort parat: „Ich schaue das nur aus kulturwissenschaftlichem Interesse.“ Das ist ja löblich, wenn sich jemand so feuilletonistisch interessiert. Und wer es mir abkauft, bitteschön. Aber das ist nicht alles.

Es ist, wenn sie schreibt. Am wohlsten fühle ich mich vor meinem DVD-Player, wenn Carrie Bradshaw in ihren Computer hackt. Die Heldin der Serie ist nämlich Kolumnistin für den «New York Star», eine in der Welt der Serie erscheinende New Yorker Wochenzeitung. Ihr Leben besteht aus Weggehen mit Freundinnen und Konzerten und Partys. Drama, Einkaufen, Schuhe und Klamotten. Alles uninteressant. Aber das Traumhafte ist, dass sie scheinbar davon leben kann, einmal in der Woche und immer auf den letzten Drücker eine Kolumne über „Sex und die Stadt“ abzufassen.

Ich finde die Heldin furchtbar unerträglich. Ganz oft will ich durch mein Display greifen und sie würgen. So kann man doch nicht mit Menschen umgehen. Schlampe. (Disclaimer: Ich habe jetzt einen Haufen Jahre Literaturwissenschaft gehabt. Ich weiß zwischen Rolle und Interpretin zu trennen. Ich bin sicher, dass die blonde Schauspielerin im richtigen Leben ganz klug und reizend ist.) Das ist auf den ersten Blick schlecht für die Aufmerksamkeit für eine Serie.

Das ist für mich das Beste an jeder Folge: Carrie setzt sich an ihren Laptop und beginnt, die neue Folge ihrer Kolumne zu schreiben. Die Kamera folgt den Buchstaben, die über das groß aufgenommene Display huschen. Zeile für Zeile spitzt sie die Frage an moderne Beziehungen weiter zu und diese Pointe bildet dann den roten Faden für diese eine Folge. Dabei sitzt sie mit einer Tasse Tee am offenen Fenster oder hockt auf ihrem Bett und hat den Computer auf den Knien. Der Punkt ist: Sie ist zu Hause, möchte etwas schreiben und schreibt. Und lebt davon.

Kein Wunder, dass für mich die wohligste Szene in «Wonder Boys» ist, als Grady Tripp (Michael Douglas) sich an einem Sonnabendmorgen in seinem pinken Bademantel an die Schreibmaschine setzt und an seinem Roman weiter baut. Traumhaft.

2003 habe ich eine Woche in einem Pariser Buchladen geschlafen. Genauer gesagt: in einem amerikanischen Buchladen in Paris. Shakespeare and Companys Vorgänger war in den Zwanzigerjahren Verlag unter anderem für James Joyce’ «Ulysses» und ist noch heute ein Zentrum der anglophonen Pariser Kulturszene. Ein Haufen Amerikaner hängen abends in dem Laden rum und ziehen sich Bücher aus den Regalen des Ladens oder der Leihbücherei im Obergeschoss und schmökern drauf los. Da kam auch ein mittelalter, ganz cooler Amerikaner vorbei. Als Typ eher auf der maskulinen Seite. Und zog sich Candace Bushnells «Sex and the City» aus dem Regal, die Buchvorlage für die HBO-Serie über die New Yorker Kolumnistin. Ich kam nicht ganz darüber hinweg, dass dieser Mann dieses Buch las, aber so kam ich dahinter, dass eine echte Frau in New York diese Kolumne geschrieben hat. Witzigerweise ist auch die Serie so selbstreferentiell, dass sie den Moment aufgreift, in dem ein Verlag auf Carrie zukommt und mit ihr die gesammelten Werke in Buchform veröffentlicht.

Das ist doch mal ein Ende für einen Schriftsteller. So gesehen ist «Sex and the City» ein Denkmal für das sich auszahlende Bohème-Dasein. Ein alter Traum. Ich arbeite dran.

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Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, Martin kuckt

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