Le Gipfel: Bonusmaterial

Freiburg • martinJost.eu • Zum 10. Dezember 2010

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Am Freitag trafen sich der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit je einem Tross ihrer Minister in Freiburg. Wegen der Einschränkungen zugunsten der Abschottung der Staatschefs war es klug, einfach mal nichts in der Stadt zu erledigen. Für Fudder bin ich aber herum gebummelt.

Meine Hoffnung war insgeheim, dass ich kontrolliert würde. Aber: nüscht. An keiner einzigen Polizeiabsperrung muss ich meinen Rucksack aufmachen. Dabei sind Jacke und Taschen vollgestopft mit unwahrscheinlichen Gegenständen (in erster Linie für das Gesicht des Durchsuchers): Zwei Paar Socken, Schlüsselbund mit mehr Anhängern als Schlüsseln, Pop-Roman, Pocket PC, iPod, Kondome, Bahnfahrkarte, vier eingeschaltete Mobiltelefone, Keks, Kaugummis, Notizbücher (Liste bis hierher nach: Reichert, Martin: Wenn ich mal groß bin. Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche), DVDs aus der Bibliothek, ein Weihnachtsgeschenk (verpackt), eine alte Polaroid-Kamera, Wochenration Zellstofftaschentücher, Erste-Hilfe-Set, Regenschirm, zahlreiche Ladekabel und Speicherkartenadapter, vier Filmdosen mit Latexhandschuhen (das war übrigens ein super Tipp von jemandem: Filmdosen sind ideal um ein paar Latexhandschuhe geschützt aufzubewahren).

Umsonst so sorgfältig gepackt. Niemand fragt mich auch nur, was ich hier will. Ich will mich aufregen!

Mein Stadtbummel führt mich zuerst in die Herrenstraße. Von hier will gerade ein Fleischereilaster auf den abgesperrten Münsterplatz einbiegen. Die Polizisten halten das Fahrzeug an und rufen dem Fahrer zu, er könne hier nicht rein. Dann entdecken sie ihren uniformierten Kollegen auf dem Beifahrersitz. Der fragt ganz eingeschüchtert: Dürften sie wirklich nicht durch? Er sei extra mitgefahren, damit das Essen durchkommt.

Ich will auch durch eine der kleinen Gassen auf den Münsterplatz. Ich frage den Polizisten, der neben dem Eingang steht, lieber gleich: „Kann man hier durch?“ – „Im Moment nicht!“ Also im großen Bogen zur anderen Seite des Platzes.

In der Bertoldstraße treffe ich die Stadträte der Grünen Armee Fraktion (GAF), Monika Stein und Coinneach McCabe. Sie suchen die Demo. Ich kann ihnen sagen, dass ich die gerade durch das Martinstor aus der Fußgängerzone verschwinden sah. Also eine Demo, was weiß ich denn, wie viele es gibt?

Der arme Coinneach wurde am Vormittag in der Rathausgasse kontrolliert und 20 Minuten aufgehalten, womit er es nicht mehr zum Staatschef-Empfang auf dem Münsterplatz (mit Militär!) schaffte, wo er so gern dabei gewesen wäre. Dabei hatte er seinen original Stadtrats-VIP-Ausweis dabei.

StaatsmachtAuf dem Münsterplatz soll inzwischen wieder was gehen: die Politiker seien zum Mittagessen im Historischen Kaufhaus. Wenn sie wieder heraus kommen und in ihre Autos steigen, kann man sie vielleicht kurz sehen? Ich stelle mich zu einer großen Menschentraube auf der Nordseite des Platzes, vorn abgesperrt durch eine Reihe junger Polizisten. Man kann von hier aus auf eine schmale Lücke zwischen Kaufhaus-Portico und Reisebussen sehen. Vielleicht wenn sie da lang kommen?

Links vor mir agitiert ein offenbar gründlicher Zeitungsleser. Für eine Frau analysiert er eine soziale Schieflage, die mit Hartz IV und Unternehmenssteuern zu tun hat. Er weiß schon, dass sie Beamtin ist. „Dürfen Sie jetzt eigentlich auch wieder streiken?“

Gerade vor mir steht der lauteste Schweizer, den ich bislang kennen gelernt habe. Während sein Hund den Umstehenden gern Pfötchen gibt, lästert der Mann ununterbrochen und pampt die Polizisten an: „Die Busse haben ja den Motor laufen! Soll das grün sein?“ Nebenbei erzählt er jedem, der es hören kann, dass um die Politiker vom Schweizer Bundesrat nicht so ein Aufhebens gemacht würde. „Das merkt man gar nicht, wenn die irgendwo essen gehen.“

Ein Mann mit elegantem Mantel und Hut unterhält sich interessiert mit dem Schweizer. „Wie lange ist bei Ihnen eigentlich der Wehrdienst zur Zeit?“ Der Schweizer erzählt vom Militär daheim und dann ruft er wieder den Polizisten etwas zu. Diesmal fragt er sie, ob er Zielscheiben aufstellen kann, für sie zum Schießen üben. „Eure Knarren sind doch bestimmt schon kalt geworden!“

Hier wird mir langweilig. Ich laufe wieder die KaJo lang und freue mich über die vielen Wimpel. Und dass die Stadtreinigung schon wieder aufräumt.

Das Anti-Konflikt-Team der Polizei bummelt vor mir auf der Länge der Einkaufsstraße. Plötzlich entdeckt einer der vier Polizisten zwei junge Frauen. Er rennt auf die eine zu, schnappt sie mit beiden Armen und – hebt sie hoch. Die etwa Achtjährige ist wohl seine Tochter oder so.

Ist in der Stadt überhaupt jemand behelligt worden? Ach so, am Vormittag. ich war wohl einfach zu spät. Mittags hat mich Séverine besucht. Sie war völlig unvorbereitet morgens in die Stadt gefahren und von der Polizeipräsenz überrascht worden. Mit dem Fahrrad über den Weihnachtsmarkt? Wurde ihr nicht erlaubt. Ihr erster Erklärungsversuch: Das müsse wohl ein Betriebsausflug der Polizei auf den Freiburger Weihnachtsmarkt sein. „Wenn ich meinen grünen Pulli anziehe, darf ich dann dazu?“, fragt sie frech. – Antwort: „Nein.“ – „Macht nichts. Habe ich sowieso verliehen.“ – Und das war nur die Abreibung für einen der höflicheren Polizisten. Manche sind direkt genervt von den Einheimischen. Fremde Stadt und dann wollen die Leute alle wissen, wo sie stattdessen lang fahren sollen. Ausgerechnet.

An einer anderen Absperrung wurde Séverine gefragt: „Wo wollen Sie denn überhaupt hin?“ – „Ich kenn’ nur Milchstraße.“ – Danke für die Information. O’Kelley’s oder Warsteiner-Galerie?

Polizeiabsperrung EisenbahnstraßeUnd schließlich, am Fahnenbergplatz. zwei Polizeibusse Schnauze an Schnauze geparkt. Ein blauer Kleinwagen holpert einfach auf den Gehweg um sie zu umfahren. Polizisten stürzen sich auf das Le Car: „Halt, Mann! Sie könne hier net durch!“ – Andere Polizisten rennen hinterher: „Lasst die! Das sind Kollegen in Zivil!“

Séverine fragt jetzt gar nicht mehr, sie rast einfach durch. Trial and Error. Mit Vollgas zwischen die eng geparkten Polizeiautos. (Ich glaube ihr, dass sie das kann: Superschnell und doch noch präzise fahren.) Aber die Absperrungen werden nur dicker, sie muss wieder zurück. Wieder mit Vollgas zwischen die Polizeiautos. Präzis. „Skriieeetsch!“ Fieses Geräusch, das. Pedal an Nummernschild. Kurz umgedreht. Hat keiner gesehen. Polizisten hatten wohl gerade was anderes auf dem Radar. Gut gelaufen. Trotzdem möchte Séverine unerkannt bleiben, darum ist das auch nur ein Deckname.

Dazu: Fudder-Berichterstattung vom Gipfel-Tag
maxi: Le Gipfel: Protest-Frühstück in der KTS
caro: Le Gipfel: Was ist in der Innenstadt los?
fudder-redaktion: Le Gipfel: Warum findet Ihr Frankreich liebenswert?
jonas oswald: Le Gipfel: Großes Hallo für Merkel und Sarkozy auf dem Münsterplatz
fudder-redaktion: Musik: Wir mögen’s französisch
lobo: Le Gipfel: Münstermarkteinkaufversuch
fabienne hurst: Le Gipfel: Winke Winke für Angie und Sarko
janos ruf: Le Gipfel: 150 Menschen demonstrieren beim Car­na­val de résis­tan­ce
maxi: Le Gipfel: Fahrraddemo ausgebremst
friederikeg: Le Gipfel: „Carmen Go Home?“-Lesung des Stadttheaters
david: Le Gipfel: Polizei und Demonstranten treffen im Bermudadreieck aufeinander
fudder-redaktion & thomas kunz: Wasserspritzer-Angriff auf Merkel und Sarkozy
janos ruf: Le Gipfel: ‚Wir zahlen nicht für Eure Krise‘-Demo
julia sommer: Le Gipfel: Im Sedanquartier
friederikeg: Le Gipfel: Warten statt Weihnachtsmarkt
martin jost: Le Gipfel: Als VIP beim Staatsbesuch

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