SoFi ’99! Ich war dabei!

Stuttgart • martinJost.eu

Sonne blendet
Gestern konnte Süddeutschland in den frühen Morgenstunden eine partielle Sonnenfinsternis beobachten. Die letzte komplette Sonnenfinsternis hier in der Gegend war 1999 zu sehen. Ich bin seinerzeit nach Stuttgart gereist um im Kernschatten zu stehen, wenn es passiert. Letztlich war es bewölkt.
Folgende Schilderung entstand als Deutsch-Hausaufgabe in der Schule:

Die meisten Menschen, die um mich herum auf einem Stuttgarter Weinberg Platz genommen haben, um auf ein Loch in den Wolken zu warten, spielen Karten oder testen ihre Schutzbrillen und stolpern dabei über die anderen Leute. Einige langweilen sich schlicht.

Da ruft plötzlich jemand: „Kuckt mal, die Sonne!“

Manche fühlen sich gestört bei ihrer Beschäftigung, lassen sich aber doch dazu hinreißen, einen Blick an den Himmel zu verschwenden. Was sie dort sehen, lässt sie dann doch Ehrfurcht empfinden: der sympathischen Sonne, einer der wenigen zuverlässigen Konstanten unserer modernen Welt, auf die man sich seit so langer Zeit verlassen konnte, fehlt ein Stück. In einer gleichmäßigen Rundung ist sie schwarz. Wie ein Apfel, den ein achtloser böser Geist im Vorbeigehen angebissen hat, sieht sie aus. Doch Sekunden nach dem ersten Blick, den wir auf die Sonnenfinsternis werfen konnten, ist sie schon wieder komplett verdunkelt – von Wolken.

Die Gesellschaft spielt weiter Karten oder unterhält sich darüber, ob das Naturereignis wohl bis zur Abfahrt ihres Zuges beendet sein wird und ob es stimmt, dass man „Sofi“-süchtig ist, sobald man eine einzige gesehen hat.

Roter Wolkenstreifen bei Sonnenaufganb

Noch ein paar Mal zeigt sich der Lebensstern mit seinen sich mehrenden Wunden. Hinter den Woken scheint Sol einen Kampf auszutragen und permanent stärker verletzt zu werden. Sie bietet einen schaurigen Anblick.

Als sie ganz verblutet, ist sie gerade nicht zu sehen. Aber in den letzten 90 Sekunden vor ihrem Tod auf Zeit wird es merklich dunkel, als gingen in einem Wald-und-Wiesen-Kino die Lichter aus. Der Tag wird im Zeitraffer zur Nacht. Nach der Turbo-Dämmerung, die mich schlicht verwirrt indem sie allem widerspricht, was ich an Erfahrung besitze, ist es stockfinster. Ich kann meine eigenen Hände nicht mehr erkennen. Leider sehe ich auch nicht, wo die Jacke liegt; es wird scheußlich kühl. Und in der Stadt im Tal gehen für zwei Minuten viele Lichter an.

Die Zuschauer sprechen über Nostradamus’ Weisheit: „Im siebten Monat des Jahres Eintausendneunhundertneunundneunzig wird ein schwarzer Reiter auf die Erde kommen“, oder so ähnlich sagte er es voraus, wenn auch ein bisschen früh.

Man unterhält sich auch über die faszinierende Theorie irgendeiner geistlichen Sekte, derzufolge ein Stück Land mit den Umrissen eines Kalbes aus süddeutschem Boden ausbrechen, nach Jerusalem fliegen und dort landen soll. Ob die Erdscholle wohl hier vorbei kommt? Doch auch die Raumstation Mir fällt, entgegen der Voraussage eines Pariser Modeschöpfers, nicht auf unsere Köpfe. Der gleiche Flop wie damals mit Hale-Bopp.

Und dann, kurz nachdem die Totalität vorbei ist, verziehen sich die Wolken teilweise wieder und uns erstaunt, dass ein nur Millimeter dicker Randstreifen der Sonnenscheibe allein es vermag, die Oberfläche der Erde zu erhellen wie an jedem anderen bewölkten Tag. Nur erwärmen kann sie sie nicht im gleichen Maße.

Alle schnappen sich ihre Sachen und springen auf. Sie sparen sich den Rückwärtsverlauf des Schauspiels, bei dem sich diese grelle, gebogene Neonleuchte da am Himmel in einen runden hellen Kronleuchter verwandelt. Sie laufen los, denn sie dürfen ihren Zug nicht verpassen.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter 08 Drahtbildberichterstattung, 99 Archiv, Badewürrdeberg

2 Antworten zu “SoFi ’99! Ich war dabei!

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