Freiburg ist auch schlimm

Martin Nuschs Reiseführer-Parodie macht 88 deutsche Städte nieder. Auch Freiburg hat seinen eigenen Eintrag. – Gute Idee, wäre aber lustiger gegangen.

Buchcover vor Dauerbaustelle Münster

Martin Nusch • «Der Abreiseführer» • erscheint am 25. April • Carlsen-Verlag 2011 • 192 Seiten, 12,90 €

Freiburg • von fudder.de


Es gibt so Bücher, die hat man noch nie aus dem Regal gezogen seit man sie zu irgend einer Geburtstags-/Abschieds-/Einweihungs-Party geschenkt bekam, bei der ein Gutteil der Abendunterhaltung aus stoßweisem Vortrag von Highlights aus diesem total witzigen Buch bestand. Ohne heitere Meute, Wein und Rosinenpickerei ist das Buch nämlich doch nicht lustig, hat sich herausgestellt.

Der Stuttgart-Kölner Martin Nusch hat sich ehrenwerterweise daran gemacht, mit dem Aberglauben aufzuräumen, dass jede Stadt irgendwo ihre schönen Ecken und gastlichen Herzen hat. Sein «Abreiseführer» parodiert die Form des Städteführers für Heimatland-Urlauber und lässt dabei kein gutes Haar an 88 deutschen Städten. Und auch Freiburg kriegt sein Fett weg – allerdings nicht besonders dicke.

Jeder Eintrag ist mit Fotos von hässlichen Ecken aufgemacht. (Im Falle Freiburgs war wohl gerade keins zur Hand, dafür ist es eins aus Basel geworden. Als gäbe es hier keinen Augenkrebs. Man müsste nicht mal schon wieder auf Hawei rumhacken, Waltershofen ist auch hässlich.)

Dazu kurze Rubriken wie Lage („Freiburg … ist im Jahresmittel die wärmste Stadt Deutschlands. Keine Empfehlung in Zeiten des Klimawandels!“), Berühmte Bürger („Wolfgang Schäuble … erwarb sich später große Verdienste um die Finanzierung der CDU“), Geschichte („Der Stadtheilige ist St. Georg, sodass Freiburg mit seiner Flagge … Fahnenflucht begeht: Sie ist seit 1384 identisch mit der englischen“), Fußball („Der SC Freiburg ist das Solarmobil unter den deutschen Fußballclubs … die Spieler haben nur bei Sonnenschein Power“), Schnell zu besichtigen („Das Café Fünfeck“), und – dem Motto des Buchs gemäß ganz wichtig – Abreise („Nach Frankreich. Oder nach der Schweiz.“)

Freiburg hat auch öde Ecken.

Wäre das nicht lustiger gegangen? Die Rubriken und kurzen Notizen lesen sich wie eine Mitschrift in Stichpunkten. Also nicht gut. Kein Schmöker, sondern mehr ein Best-Of-Vorlesen-und-dann-kichern-Buch. Der Humor ist so Rhetorik-AG-Niveau: statt Insiderwitzen finden wir zu jedem Fakt den nächstgelegenen Kalauer. Und den Spruch mit „Seit wann sind Herzen grün?“ (bezogen auf Thüringens Landesmotto; Eintrag: Weimar) hat Rainald Grebe zuerst gebracht.

Die besseren Gags liegen in der Form: zu den vorgestellten deutschen Städten werden auch Palma de Mallorca und die Neumayer-III-Antarktis-Station gezählt. Der Running Gag sind griechische Restaurants in zehn Städten, die alle unter dem Namen „Mykonos“ firmieren. Es gibt ganz hinten im Buch einen Hidden(see) Track (siehe oben bezüglich Kalauer) und eine Liste mit Fotos, die nicht aus der Stadt stammen, die sie illustrieren.

Es ist nur eine Mutmaßung, aber Freiburg gehört sicher zu den Städten, die der Autor gemäß Geständnis im Vorwort gar nicht in echt besucht hat oder intimer kennt. Wie gesagt, kein Foto von hier und Fakten zu Kinobesuch und Altersdurchschnitt, die auch auf Wikipedia stehen (welcher Enzyklopädie Diskussionsseiten der Autor ausdrücklich dankt).

Dabei wäre an Freiburg einiges auszusetzen gewesen. (Nur geschwind als Stichworte: schwüles Wetter, die grantigsten Meckerrentner Deutschlands, die lächelresistentesten Ökofrauen der Republik, Ökodiktatur, Fahrradverbrecher, Mietpreise, kein richtiger Fluss, Mülleimer sehen langweilig aus …)

Richtig witzig kommt der „Abreiseführer“ vielleicht wirklich nur, wenn man zusammen drin blättert und albern ist. Vielleicht ein Geschenk für Leute, die wegziehen und entweder ziemlich verbittert sind oder denen man den Abschied erleichtern muss.


Auch noch:

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