Fertig werden (1)

Selbstversuch: Wie man sein Studium beendet

Freiburg • martinJost.eu

Dienstag

Problem 1: Ich studiere zu lange. Mein Studium hat seit geraumer Zeit keine messbaren Fortschritte mehr gemacht. Mir läuft die Zeit davon – nicht nur, weil ich Geld verdienen sollte.

Studentenausweis Martin Jost

Meine Matrikelnummer beginnt mit einer 19. Ich bin praktisch Gründungsmitglied.

Problem 2: Mir liegt wissenschaftliches Arbeiten nicht. Hausarbeiten zu schreiben verursacht mir körperliche Schmerzen. Ich bin nicht gern an der Uni. Ich sehe mich nicht als Student, sondern als jemand, der auch studiert. Lieber wäre ich jemand, der mal studiert hat.

Ungefähr nichts hilft. Ich weiß, was ich zu tun habe, aber ich kriege mich nicht dazu, damit anzufangen. – Das betrifft die Uni. Ich bin nicht faul-faul, ich bin nur als Student nicht zu gebrauchen.

Mein Kopf weiß, was ich noch schaffen muss, damit ich mich zur Abschlussprüfung anmelden kann. Mein Kopf weiß, was der erste Schritt ist. Er kennt auch Taktiken und Methoden, die Schritte vom ersten bis zum letzten anzugehen. Allein, ich tu nichts. Ich fange nicht an. Ich will nicht. Ich mache wirklich alles lieber als Uni. Ich mache sogar lieber nichts als Uni zu machen.

Das kann so nicht weitergehen. Das kann so nicht nicht weitergehen. – Neue Taktik: Ich mache einfach, was ich gerne mache und kanalisiere es für mein Studium. Grob gesagt heißt das: online sein, online schreiben. Warum muss man denn mit Literaturverwaltung exzerpieren, wenn man seinen Frust auf theoretische Texte auch auf Twitter ablassen kann?

Nebenbei erhoffe ich mir durch die Bloßstellung meiner Lernerfolge auf martinJost.eu eigenen Ansporn und soziale Kontrolle. Wenn ihr mich persönlich kennt oder auch nicht, haltet euch nicht mit Kommentaren zurück. Ihr sagt doch immer alle: „Martin, mach dein Studium zu Ende!“ Okay! Feuert mich an! Gebt mir das Gefühl, dass ich die Hucke voll kriege, wenn ich durchhänge.

Ich denke noch über die Form nach. Vielleicht fasse ich jedes Wochenende meine Woche als Student zusammen. Vielleicht sammle ich ein paar Weisheiten von Erwachsenen ein, die ihr Studium schon beendet haben. Vielleicht wird das Ganze auch vor allem eine große Rezension und Ratschlagserprobung von «Dinge geregelt kriegen (ohne einen Funken Selbstdisziplin)» von Passig & Lobo.

Morgen geht’s los! Morgen ist der Anfang vom Ende meines Studiums! Morgen habe ich viel Arbeit, aber mein Schreibworkshop wird vertagt, also habe ich abends Zeit. Morgen arbeite ich zwei Stunden am Stück für die Uni! – Das wird vor allem Planungsarbeit und das Erstellen einer To-Do-Liste umfassen.


Zeit für Uni: 0,0 min

Koffein: Zwei große, extra starke italienische Cappuccinos; zwei Automaten-Latte-Macchiatos.

Nützliche Prokrastination: In der Realschule gearbeitet. Dort Abrechnungszettel für den ganzen Mai eingeworfen.

Prokrastination, deren langfristigen Wert ich heute noch gar nicht erfassen kann: Mit MAK-B Cafés mit Ambiente in der Wiehre getestet. 30 Minuten Arbeit im Institut eingelegt. Mit Tom in einem Café gespeist und dann Bücher-Window-Shopping absolviert. (Kein Geld ausgegeben!) Mittagsschlaf von 18:30 Uhr bis als es dunkel war. Per E-Mail Textaufträge für fudder abgesprochen. Facebook.

Erledigt: Erfolgreich gewartet, bis sich meine Referatspartnerin mit mir in Verbindung setzt statt anders herum.

Das habe ich heute für mein Studium gelernt: Explizit gewissermaßen sinngemäß sozusagen habe ich die Möglichkeiten des akademischen Wissenserwerbs heute nicht voll ausgeschöpft.

Das habe ich heute für’s Leben gelernt: Wetterwechseltage nach Pubquizzes und späten Spaziergängen bei Antiallergika-Medikation sind müde Tage.

Ich werde nicht Lehrer.

Das mache ich als nächstes: Einen Fahrplan für die Fertigstellung des Essays, den ich vor einer Woche abgeben sollte; für mein Referat in einer Woche; und für zwei von fünf zu schreibenden Hausarbeiten.

Tagsüber Arbeit. Einladung zu Geburtstagsparty für Abend. Dazwischen Disziplin!

Mittwoch


Zeit für Uni: 5′ + 5′ + 20′.

Koffein: Ein Liter Earl Grey+ drei Ein-Espresso-Cappuccinos.

Sollte abgespült werdenNützliche Prokrastination: Abwasch, bis Frühstückstassen freigelegt waren. Textangebot an eine Zeitung verschickt. Ein Hiwi-Arbeitstag. Für PR-Job telefonisch Fotos akquiriert, Texte abgesprochen, Text überarbeitet, und trotzdem zu spät dran, womit ich den Layouter in die Bredouille bringe. Unikram erfolgreich bis zum Abend aufgeschoben. Also keine Party heute.

Ab halb neun NND koordiniert weil Busunfall. Gleichzeitig mit Kollegin telefoniert weil Fahrradunfall. Also keine Uni heute.

Prokrastination, deren langfristigen Wert ich heute noch gar nicht erfassen kann: Facebook.

Ich habe fahrlässig gestern Abend den Chat auf Grün gelassen. Deshalb beim Frühstück mit einer Schulfreundin getratscht.

Erledigt: Per E-Mail mit Referatspartnern verabredet. Texte für Essayschreiben und Referat ausgedruckt.

Das habe ich heute für mein Studium gelernt: Naja, dann eigentlich doch keine Zeit gehabt für was Inhaltliches. Immerhin Organisatorisches geschafft (Termin Referatstreffen). Dabei vor dem Schlafengehen noch kurz zwei Seiten gelesen. „Kollegialer Literaturwissenschaftler mit großem Herzen und konstruktiver Intelligenz, weiter passionierter Bergsteiger …“ (aus Željko Uvanović’ Laudatio auf Vlado Obad).

Das habe ich heute für’s Leben gelernt: Cappuccinoschaum ist auch dafür da, des Kaffees Bewegung solcherart zu dämpfen, dass er nicht aus der Tasse schwappt – wenn man die Tasse aus Versehen mit einer Tastatur wie beim Poolbillard über den Tisch schießt.

Während „bis morgen Mittag“ in Baden eigentlich immer „irgendwann zwischen 13 und 18 Uhr“ heißt, bedeutet es im Zusammenhang mit Textaufträgen scheinbar „spätestens 11 Uhr“.

Zeit ist nicht gleich Zeit. Zeit nach einem Arbeitstag ist Koma. Ich gebe bei aller Vernunft eher dem Impuls nach, mich erst mal mit einer DVD zu entspannen (fünf Minuten «Boston Legal» angehabt, als das Telefon klingelte und ich bis nach Mitternacht mit dem Roten Kreuz beschäftigt war), bevor ich mich der Wissenschaft widme, die ich bis in den Abend verschoben habe.

Das mache ich als nächstes: Morgen ist Feiertag. Freitag geht’s weiter.

Dann Rest vom Vorbereitungstext fürs Referat lesen. Themen und Struktur fürs Referat absprechen. Endlich Fahrplan aufschreiben für was noch zu tun ist. Diesmal vier Stunden am Stück!


Auch noch:

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12 Kommentare

Eingeordnet unter 03 Martins Meinung (MI), 05 Wochenende (FR), Fertig werden, Selbstversuchung

12 Antworten zu “Fertig werden (1)

  1. Mal ganz kurz mein Senf dazu aus psychologischer Sicht:
    – Gerade kurz vor dem Erreichen eines großen Zieles kann es auch schon einmal zu Motivationsproblemen kommen. Aus unterschiedlichen Gründen.
    – Der Aufwand für große Ziele und mehrere gleichzeitig zu verfolgende Ziele wird im allgemeinen unterschätzt. Man lenkt sich dann auch ab und zu mal ab und stellt dann auf einmal fest, wie viel eigentlich noch vor einem liegt.
    – Wichtig ist, sich anhand von erreichten Zielen zu motivieren. Nicht nur das Unerreichte, sondern das schon Erreichte betrachten.
    – Ablenkung und Bedürfnisbefriedigung sollte erfolgen und mit eingeplant werden, aber in einem gewissen Rahmen.
    – Problematisch: Man erreicht gerade nichts, lenkt sich dann ab, verschwendet Zeit, hat aber auch ein schlechtes Gewissen, sich wirklich etwas zu gönnen.
    – Besser: klare Zeiten für Arbeit und Entspannung. Entspannung auch dann, wenn die Ziele nicht 100%ig erreicht sind.
    – Ansprüche herunterschrauben: Wichtig ist letztlich der Abschluss. Nicht jeder hat am Ende 1.0 auf dem Zeugnis stehen… auch eine 3.0 kann u.U. noch ein hilfreiches Ergebnis und für die weitere Karriere sinnvoll sein… 1.0 bis 2.0 wird üblicherweise für eine wissenschaftliche Karriere erwartet. Für eher praktische Aufgaben nicht unbedingt notwendig.
    – Online arbeiten ist nicht unbedingt sinnvoll. Besser: Gewisse Ablenkungen wir Internet, TV, Handy usw. ausschalten ;-)

    Das Ganze fällt auch in den Bereich Selbstmanagement:

    http://www.falkrichter.de/psychologie/selbstmanagement.htm

    LG,
    Falk

    • Danke für die Tipps! Cyrus, den ich kürzlich interviewt habe, hat in seiner E-Mail-Signatur stehen: „Einen guten Autor macht zu 3 Prozent Talent, zu 97 Prozent sich nicht vom Internet ablenken zu lassen.“

      Einen Offline-Tag einzulegen habe ich auch schon lange vor. Als Übung in Entzug. Habe es aber noch nie durchgehalten. Vielleicht ja ein Experiment, das ich in Zukunft mal hier dokumentieren kann …

  2. Viel Glück! Mich hat übrigens im Diplomstudiengang Psychologie Bologna abgehängt… Blöd das!

    • Blöd! Wie ist es ausgegangen?

      Mir blüht, dass mein Anspruch auf eine Magisterprüfung 2013 erlischt, ebenfalls wegen der Abschaffung im Zuge von Bologna. Das Gute ist: Wenn es eine echte, unverhandelbare Frist gibt, bringe ich Dinge in der Regel gerade rechtzeitig noch zu Ende. Blöd: „Magister“ ist ein eher komplexes Projekt, das sich nicht in einer Nachtschicht erledigen lässt.

    • Heißt das, Du hast keinen Anspruch mehr auf den Abschluss oder wie?

      Ich habe von 2007 bis 2011 an der MLU Halle-Wittenberg gelehrt, wo bereits vor knapp 5 Jahren auf den Bachelor-Studiengang umgestellt worden ist. Es gab/gibt allerdings immer noch Diplomer, die noch nicht ganz fertig sind. Die bekommen allerdings trotzdem noch individuell ihre Prüfungstermine angeboten und können auch noch ihre Diplomarbeit fertigstellen.

      LG,
      Falk

      • Ich las mal: Der Prüfungsanspruch erlischt 2013. Wie eng das dann genommen wird, wenn vielleicht noch drei Magister in Umlauf sind, die eine Prüfung machen wollen, weiß ich allerdings nicht. Nur: Tun wir mal so, als hieße es bis 2013 oder gar nicht. Extrinsische Motivation ist ja auch was wert …

  3. Jo, nix gegen 19er-Matrikelnummern – ich hab auch noch eine, und sogar noch die Unicard mit alten Unilogo.
    Mich hat auch vor allem der Unifrust dazu motiviert, schnell meine Scheine zusammenzukratzen und mich zur MA anzumelden. Das hilft wirklich extrem gut, wenn man sich nur genug da reinsteigert. :)
    (und ab der Anmeldung läuft die Zeit eh)

  4. Ja Mann! So eine hatte ich auch immer noch. Ich habe sie sehr pfleglich in einer kleinen Durchsichthülle aufbewahrt, so dass das Aufdruckfeld noch nicht abgebröselt war. Nur das Datum lesen konnte man meistens nicht mehr. Wie auch immer: Im Gegensatz zu Leuten, die ihre Karte auf dem Mensatablett liegen ließen und durch die Spülmaschine zerknüllt wiederbekamen, hatte ich fest vor, meine für immer zu behalten.

    Dann traf ich eine alte Bekannte in der Mensa und wir unterhielten uns darüber, wie cool es sei, dass wir beide noch die ganz alte UniCard hätten. Und am selben Tag wurde sie mir geraubt!

    Ich habe wenigstens das alte Passfoto wieder eingereicht, das ich für die Immatrikulation im ersten Semester gemacht hatte. So viel Nostalgie muss sein.

  5. Kreuzritterin

    YEEEEHA! Ich unterstütze Dich, wo ich kann. GO MARTIN! Du schaffst das. Halte dich an die Tipps von Falk und niemand kann Dich aufhalten. Du bist außerdem viel zu intelligent für Uni.

  6. AnnaBold

    Vorschlag
    Ein Prinzip deines Prokrastinationsbloggens könnte z.B. sein: dein jeweiliger Eintrag, darf dich nicht mehr Zeit kosten als die effektiv für dein Studium aufgewendete Zeit aus der erzählten Zeit!
    Wie groß ist der Quotient (bzw. Leistungszahl=t_studieren/(t_bloggen)) denn bisher?

    • Guter Punkt. Ich finde, schon aus Labergründen muss ich kürzer und knapper werden und mich in meiner Nabelschau auch ein bisschen bremsen. Tatsächlich ist das über nichts-für-die-Uni-schaffen Bloggen aber so meta, dass ich es in die verbrauchte Zeit gar nicht einkalkuliere. Wie die Frage des Bibliothekars, ob er den Katalog der Bibliothek als Band in den Katalog aufnehmen soll.

      Oder ist Bloggen etwa Zeit für die Uni, weil ich mir meine Arbeitsweise und meine Probleme damit hierdurch bewusst mache?

      Um ehrlich zu sein, ist es oft ein Mittel zur Prokrastination: Statt schon wirklich für die Uni zu lesen, schreibe ich erst noch, was ich den Rest des Tages gemacht habe. Aber ich finde, es hält sich auch die Waage, weil ich Dinge tu, damit ich sie unter „Erledigt“ schreiben kann – zum Beispiel nachts in die Bibliothek gehen (siehe Folge 2).

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