Nachtschicht – oder: Das kleine Aufschieben

Selbstversuch: Wie man sein Studium beendet (2)

Freiburg • martinJost.eu

Pfingstmontag

Das geht ja gut los: Freitag, spätestens Samstagmorgen wollte ich Folge Zwei meines Selbstversuchs über das Entkommen aus der Prokrastination fertig haben. Es wird Montagnacht werden, also zweieinhalb Tage später als geplant. Mit dem kleinen Essay, den ich meinem Endlich-was-fürs-Studium-machen-Blog eigentlich voranstellen wollte, bin ich auch nicht fertig geworden.

Das war so: Am Donnerstagabend fiel meine Stresskurve rapide ab. Freitag und Samstag habe ich durch absurd exzessives Langschlafen Schlaf nachgeholt. Aber ich war auch auf Geburtstagsfeiern. Dann Sonntag. Sonntag mache ich aus Prinzip nichts.

Das hätte auch funktionieren können: „Ich lese noch, bis die Kerze alle ist, und dann mache ich mich an die Arbeit.“

Heute ist Feiertag und damit so eine Art Sonntag, also mache ich heute eigentlich auch nichts. Außer Kultur konsumieren: Ich habe an diesem langen Wochenende endlich mal wieder am Stück Filme auf DVD geschaut (in Videoabenden und daheim), was auf lange Sicht unabdingbar ist für mein Seelenheil. Ich habe philosophische Videopodcasts geschaut. Und meine Festplatte von ihrer dysfunktionalen Überfüllung befreit.

Ich habe auch gelesen. Wobei ich zutreffender sagen sollte: durch Bücher gezappt. Ich habe im Moment große Lust auf Lesen, aber nicht die Geduld für ein einzelnes Buch. Ich bemühe mich, wenigstens bis zum Ende des jeweiligen Kapitels bei einem zu bleiben, aber dann schlage ich schon ein anderes auf. Die meiste Strecke (seitenmäßig) habe ich in diesen dreien absolviert: Bill Brysons «Life and Times of the Thunderbolt Kid», Ryan Gilbeys «It don’t worry me» und Sylvia Beachs «Shakespeare and Company» (zwei davon Memoiren, eins eine Sammlung von Essays über Regisseure).

Mit Arbeit ist es genau so. Ich habe grundsätzlich einen Antrieb zur Arbeit in mir, aber keine Geduld für nur eine Aufgabe.

Seit dem späten Abend ist es besser. Ich checke Twitter und Facebook oder blättere in Büchern oder stehe auf und hole mir Tee – aber ich sitze auch endlich an meinem Schreibtisch, tippe dies hier, beantworte E-Mails und fülle Formulare für das Rote Kreuz aus. Abends bin ich besser. Fokussierter. Tagsüber ist für mich keine gute Zeit zum Arbeiten. Am wenigsten vormittags.

Hilft mir am Abend das punktförmige Licht auf meinem Schreibtisch und die Dunkelheit ringsrum beim Konzentrieren? Oder die kühlere Luft von draußen?

Tagsüber nicht funktioniert haben: Schreibtisch leer räumen. Musik anmachen. Mir Tee und Plätzchen hinstellen, um mich an den Schreibtisch zu locken. Auf dem Bett arbeiten. Den Computer in Linux hochfahren, um weniger Ablenkung zu haben und gleichzeitig durch die selten gesehene Benutzeroberfläche das Gefühl von neuem, unbenutzten Arbeitsgerät.

So ist es oft und so war es auch in der letzten Woche: im Kleinen schiebe ich mir die Arbeit bis ans Ende des Tages auf. Zwischen 22:00 Uhr und Mitternacht komme ich mir sehr produktiv vor. Bis 1:00 Uhr zehre ich von einem Stress-High, weil ich einsehe, dass ich mich beeilen muss, um noch ein bisschen Schlaf zu kriegen. Bis 3:00 Uhr wünsche ich mir dann, ich hätte tagsüber nicht so ausgiebig entspannt, sondern schon etwas von den dringenden Aufgaben erledigt.

Ich schiebe also im Kleinen auf wie im Großen. Ich gehe die Dinge erst an, wenn sie endgültig erledigt werden müssen. Im Rahmen eines Tages ist das der späte Abend. Im Rahmen eines Studiums ist das … also mindestens jetzt.

Vorvergangener Freitag


Zeit für Uni: Also das war so: Der Donnerstag ist noch in meinen Freitag rein gesifft, weil ich bis in die frühen Morgenstunden an PR-Texten saß. Ein Brotjob, den ich nicht wieder machen würde – aber das ziehe ich natürlich nicht durch, denn es gibt ja Geld. Ergo wenig geschlafen ergo ganzen Tag müde ergo Vormittag nicht den Text für unser Referat durchgelesen, sondern getrödelt (a.k.a. an martinJost.eu gebastelt).

20 min versucht zu lesen. 10 min E-Mails geschrieben. 2 h Referatsgruppentreffen. 10 min Buch bestellt.

Erledigt: Am Feiertag kam eine E-Mail rein: Die Professorin ließ meine Referatspartner und mich wissen, dass wir sie während ihrer Sprechstunde versetzt haben. Sie verdient eine Antwort, in der steht, dass es uns leid tut, dass wir uns nicht verbindlich mit ihr verabredet fühlten; dass wir aber auch für Freitag ein Arbeitstreffen angesetzt haben und somit kein Grund zur Sorge besteht.

Ich überlege: Wenn aus meiner Sicht drei Leute einen Termin mit mir verpennt haben – würde sich dann derjenige als das größere Doubel in mein Gedächtnis einbrennen, der als erster eine entschuldigende Antwort gibt? Weil er sich sozusagen zum Sprecher der Verpeilten macht? Oder eher die beiden, die es dann noch nicht mal schaffen, gleich zu antworten?

Ich überlege mir die Sache und schreibe am Freitag eine E-Mail.

Wie sich später beim Arbeitstreffen heraus stellt, sind Schuldgefühle nicht Konsens. Ja, wir hatten alle lose vor, in der Woche vor unserem Referat in die Sprechstunde zu gehen. Wir hatten allerdings noch nicht nachgesehen, wann die regelmäßige Sprechstunde dieser Prof.in ist und konnten daher nicht wissen, dass der Termin in der Mitte der Woche ohne uns verstrich.

Fürsorglicherweise hat die Prof.in uns ein Buch bereit und ans Herz gelegt. Zu dritt kopieren wir die interessantesten Artikel. – Ich habe schon lange nicht mehr im Kollegiengebäude 3 auf dem Gang kopiert.

Stapelweise Papier betonern und es dann tackern fühlt sich gut an. Wie erledigte Arbeit und dabei hatte der Kopf Urlaub!

Koffein: Morgens Viertelliter Espresso mit ebenso viel Milch. (Meine Mokkamaschine sagt, das seien sechs Espresso, aber das wäre ja wohl ein bisschen viel! Ich nenne es: „Eine Tasse Kaffee“.) – Großen Cappuccino. – Caffè Fredo.

Kaffeefix

Kaffeefix

Nützliche Prokrastination: Hintergrundgespräch für fudder-Artikel geführt (Spesenkaffee!).

Prokrastination, deren langfristigen Wert ich heute noch gar nicht erfassen kann: Facebook.

Das habe ich heute für mein Studium gelernt: Es hilft oft, einen Text erst einmal ganz durchzublättern, bevor man ihn liest. Dann wird man zum Beispiel den Irrglauben los, die ganzen 70 Seiten wären eine öde Laudatio, während es sich um drei Seiten Vorwort handelt und der ganze Rest ein Artikel zum Thema ist, das man eigentlich interessant findet.

Das habe ich heute für’s Leben gelernt: Ich bin vielleicht ein bisschen zwangsgestört. Für eine Übernachtung außer Haus packe ich ziemlich viel ein. Aber ich traue den meisten Menschen einfach nicht zu, dass sie genug Zahncreme haben. Oder guten Brotaufstrich. Oder ausreichend Brot …

Das mache ich als nächstes: Lesen, lesen, lesen. Wir haben uns für unser Referat überlegt: Ich mache mir Raoul Schrotts gewagte Thesen zu eigen und meine Referatspartner die seiner Kritiker. Wir werden die Debatte, die Schrott ausgelöst hat, in einer für die anderen Seminarteilnehmer offenen Diskussion nachvollziehen. Also muss ich mindestens Raoul Schrotts FAZ-Beitrag lesen und ein gutes Stück seines Buchs.

Vvg. Sonnabend


Zeit für Uni: Gute 20 Minuten gelesen. Dann noch mindestens zehn Minuten lang Buch gekauft. Wissenschaftsgeschichtlich kontextualisiert. Leider kam dazwischen, dass ich spontan auswärts übernachtete und bis zum Nachmittag verreist war. Dann musste ich noch für’s Wochenende einkaufen und, naja, wie das so ist, dann war es schon ganz schön spät. Und dann wurde ich zu einem spontanen Pizzaessen eingeladen. Eine Maxime von mir ist, dass ich für soziale Treffen möglichst immer Zeit schaffe, damit ich nicht vereinsame. Und es war ja auch schon dunkel, also konnte ich raus gehen trotz der Hitze.

Erledigt: Zur Referatsvorbereitung in einem Aufsatz gelesen. Später das bestellte Buch gekauft (s. oben).

Koffein: Cappuccino am Morgen. Sechs-Espresso-Caffè-Latte am Nachmittag. (Ich hätte ihn koffeinfrei gemacht, aber die entsprechenden Bohnen sind mir ausgegangen.)

Nützliche Prokrastination: Krankenbesuch abgestattet.

Prokrastination, deren langfristigen Wert ich heute noch gar nicht erfassen kann: Facebook.

Das habe ich heute für mein Studium gelernt: Wenn die homerische Frage durch die Medienvirtuosität eines Fachfremden plötzlich in Fernsehen und Feuilleton diskutiert wird, sind Althistoriker zunächst mal leicht verdattert.

Das habe ich heute für’s Leben gelernt: Wenn in einem Garten, den ein Hund bewohnt, ein empirisch belegter Hundehaufen liegt, dann liegen da sehr wahrscheinlich noch weitere Tretminen.

Das mache ich als nächstes:

Vvg. Sonntag


Zeit für Uni: 10 Minuten im Bus gelesen. 65 Minuten Universitätsbibliothek. (Davon 50 Minuten Weg, s. u., „Nützliche Prokrastination“.)

Erledigt: Mit Raoul Schrotts Buch vertraut gemacht. Seine originalen Äußerungen in der Frankfurter Allgemeinen recherchiert. (1), (2)

Ich habe zum ersten Mal seit dem Umzug der Unibibliothek in das Stadthallen-Provisorium dort ein Buch ausgeliehen. Ich habe damit bis halb elf abends gewartet, weil ich es cool finde, so einen 24-Stunden-Büchertempel mal mitten in der Nacht zu benutzen.

Ich habe mich gefühlt, als ginge ich noch eben an die Tankstelle. Aber statt um geistige Getränke zu holen, um mir ein Buch auszuleihen. Buchausleihe geht bis ein Uhr nachts. Die Verbuchung übernimmt dann kein Bibliothekar, sondern ein schrankformatiger Sicherheitsmann, der auch vor einer Disco arbeiten könnte.

Im Lesesaal ist es anders still als in der alten UB. In dem Gebäude in der Stadt, das jetzt abgerissen wird, war alles gedämpft. Jeder Boden hatte diesen grauen Teppich. Die Stadthalle ist dagegen für ökonomische Akustik gebaut. Man hört jedes Kugelschreiberklicken auf den Rängen als käme es von ganz nah. Die Arbeitsstille hier ist eine ganz gezwungene, gepresste Ruhe.

Freihandmagazin UB 1 FreiburgIm Freihandmagazin ist es einsam. Es ist ein niedriger Keller und ich bin definitiv der einzige hier unten. Die Stille aus dem darüber liegenden Lesesaal wirkt auf mich nochmals gesteigert.

Koffein: Sechs-Espresso-Caffè-Latte zum Frühstück. Cappuccino auf Heimweg. Drei-Espresso-Caffè-Latte zum Kaffee.

Nützliche Prokrastination: Ein wenig abgewaschen.

Einen Rotkreuz-Einsatz disponiert. Das frisst jeweils so zwischen einer halben und einer Stunde Telefonierung und dann noch etwas Zeit für Papierkram.

Für die Allgemeinbildung mit Séverine* eine Baumführung im Seepark mitgemacht.

Alle Wege zu Fuß zurück gelegt (weil das ja gesünder ist …) – zusammen mehr als zwei Stunden.

Überweisungen. Weil Bank Computerprobleme hat, fünf Überweisungsträger von Hand ausgefüllt. Vorher in verschiedenen Papierstapeln nach den Rechnungen gekramt. – Locker ne halbe Stunde.

Mit Familie telefoniert.

Als ich endlich am Schreibtisch sitze um den fudder-Artikel zu schreiben, der schon das ganze Wochenende hinten runter fiel (und der auf „so bald wie möglich“ bestellt ist), ist es nach Eins. Meine Augen brennen von Müdigkeit. Andererseits will ich ihn auch nicht morgen früh schreiben, denn den Vormittag brauche ich eigentlich um das Referatstreffen um 12 vorzubereiten. In meinem Kopf sind noch keine Argumente von Raoul Schrott. Ich habe mir noch nicht mal überlegt, wo Kilikien liegt und ob das heute noch so heißt.

Kompromiss: Ich schreibe noch eine E-Mail an die Prof.in bezüglich unserer Pläne für das Referat. Und ich schreibe einen Einstieg in den Artikel. Dann kann ich morgen früh Raoul Schrotts Zeitungsbeiträge lesen und vielleicht sogar den Text vor meinem 12-Uhr-Treffen fertig bekommen.

Au Backe, werde ich wenig Schlaf kriegen.

Prokrastination, deren langfristigen Wert ich heute noch gar nicht erfassen kann: Facebook.

Sonntagszeitung gelesen. Nachrichten-Podcasts geschaut. Und Cory Doctorow.

Baumführung im Seepark.

Das habe ich heute für mein Studium gelernt: Die provisorische Bibliothek beißt nicht. Auch, wenn das Türsystem meine UniCard nicht erkennen will.

Das habe ich heute für’s Leben gelernt: Es gibt viel zu wissen über Bäume. Manche taugen für viele medizinische und praktische Zwecke. Jeder sollte eine Auswahl an Bäumen zu Hause haben.

Ich habe in einem 90-minütigen anschaulichen Vortrag über den Nutzwert heimischer Bäume keine Chance etwas zu lernen, weil ich kein vorhandenes Wissen damit verknüpfen kann. (Ich könnte eine Linde nicht von einer Tanne unterscheiden.)

Warum ich den Sommer nicht leiden kann (Auswahl): Draußen bekomme ich Sonnenbrand. Drinnen ist es mir zu warm zum Arbeiten (draußen auch).

Das mache ich als nächstes: Wie mir aufgeht, ist nicht mehr viel Zeit für die Vorbereitung unseres Referats. Ich dachte: Immerhin der Dienstag ist noch ganz frei – da lege ich einen ganzen Tag zu Hause am Schreibtisch ein! (Da hatte ich nicht an die zweieinhalb Stunden gedacht, die ich Ganztagsschüler auf Englisch bespaßen bin.)

*Leute mit Sternchen heißen in Wirklichkeit anders.


Auch noch:

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 05 Wochenende (FR), Fertig werden, Selbstversuchung

Eine Antwort zu “Nachtschicht – oder: Das kleine Aufschieben

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