Abschied/Dinge

Handy #1

Erstes Handy

Freiburg • martinJost.eu


Wir nehmen heute Abschied von Martins Alcatel OneTouch 302 †. Das Alcatel war Martins erstes Handy. Er konnte sich lange aus sentimentalen Gründen nicht von ihm trennen, wenngleich es schon viele Jahre nicht mehr funktionierte.

Wenn wir über Handys von vor elf Jahren sprechen, glauben wir uns schon in der Steinzeit der mobilen Telefonie zu befinden. Doch in einem Punkt waren sie im Prinzip schon auf ihrem heutigen Stand angekommen: in puncto Größe. Nachdem zunächst Manager und andere Wichtigtuer ihre Straßentelefonate mit tragbaren Telefonzellen aufgeführt hatten, mit denen sie auch den Private hätten spielen können, der in «Platoon» Luftunterstützung mit Napalm-Bombardement anfordert, waren die Telefone zur Jahrtausendwende schon nur noch schokoriegelgroß. Was sie seither an Leistungsspektrum hinzugewonnen haben, ist der kleineren Verarbeitung des Innenlebens geschuldet.

Emanzipation

In diesen kleinen Wundern steckte so viel Emanzipation: Nur reiche Kinder hatten zu Hause ISDN-Anschluss und ihre eigene Telefonnummer. Wollte man im Zeitalter vor der Allgegenwart von Internetdiensten wie VoIP, Chat, E-Mail oder Skype mit Freunden fernsprechen, musste man den Weg über das Haustelefon gehen. – „Hallo, Frau Pushnikowski, ist Ihre Tochter da? – Nein, dann die andere bitte. Ich wusste gar nicht, dass Sie zwei Töchter haben. – Drei sogar! Das ist bstimmt manchmal nicht einfach!“

Es entwickelte sich ein für die Eltern unsichtbares Kommuninaktions- und Verabredungsnetzwerk. Statt sie im Wohnzimmer beim Fernsehschauen zu stören oder am maximal entrollten Telefonkabel auf dem Korridorboden zu sitzen, konnte man jetzt in seinem eigenen Zimmer mit Freunden telefonieren.

Von wegen! Die Preise waren verboten hoch. Niemand hatte einen Vertrag. Alle hielten brav ihr Taschengeld zusammen um sich wieder eine 25-Mark-Guthabenkarte zum Rubbeln und Aufladen zu kaufen. Eine Telefonminute kostete irrsinnig viel Geld. Das Wort „Flatrate“ war noch gar nicht erfunden. Stattdessen gab es Tarife namens „Friends“ oder „Weekend“. In dem einen war die Lieblings-Telefonnummer ein bisschen billiger, alle anderen dafür umso teurer. In dem anderen telefonierte man am Wochenende relativ billig, blechte dafür aber werktags mittags umso mehr. Die dritte Dimension nach Tarif und Wochentag war Tageszeit: Ein durchschnittlicher Werktag hatte mindestens eine Hauptsaison sowie einen Abend- und einen Nachttarif. Freitag war alles anders, weil nach 18:00 Uhr das Wochenende begann. An Wochenend-Tagen und Wochenend-Abenden war anders zu kalkulieren als an Sonn- und Feiertagen (oder deren respektiven Vorabenden). Die erste oder die ersten beiden Minuten kosteten je nach Tarif voll, also lohnte sich auch Kurztelefonieren nicht. Thus began der Siegeszug der SMS.

Jahr 2000: SMS-Fun-Facts

  • Flatrates gab es nicht. Wie gesagt. Eine SMS kostete Geld. 39 Pfennig, wenn ich mich richtig entsinne.
  • SMS wurden en bloc abgerechnet. Man konnte zehn, zwanzig Nachrichten schreiben, ohne dass sich das (per kostenloser Service-Nummer von einer Computerstimme aufgesagte) Guthaben veränderte. Und dann, peng! wurden mal wieder die Nachrichten der letzten Tage verrechnet und man war im Minus. – Ja, ganz richtig: Man konnte auf seinem Guthaben-Konto Minusbeträge einfahren!
  • Für „SMS schreiben“ gab es noch kein Verb. Das Wort „simsen“ war noch nicht im Umlauf und ganz gewiss noch nicht im Wörterbuch. (Ich finde es bis heute zu künstlich. Woher soll denn bitte das „I“ kommen? Ich simse damals wie heute „SMSen“.)
  • Die Länge der Ur-SMS von 160 Zeichen im 7-bit-Standard ergibt sich aus der Beschränkung auf 1120 bit je Nachricht – der Datenmenge, die im GSM-Netz in einer Sekunde übermittelt werden kann. Viele von euch werden das heute gar nicht mehr wissen: Wenn ihr mehr als 160 Zeichen tippt, verschickt ihr in Wirklichkeit eine Kette aus mehreren SMS. Mein Alcatel OneTouch 302 konnte das noch nicht. Eine Nachricht durfte 160 Zeichen lang sein, dann war Ende. Ökonomisch schreiben gelernt hat man so auf jeden Fall.
  • Mein Alcatel OneTouch 302 konnte zehn SMS speichern. Waren zehn SMS im Handy aufgelaufen (Post-Ein- wie -Ausgang), kam keine Nachricht mehr durch. Dann hieß es löschen. Wollte man einzelne Nachrichten aus sentimentalen Gründen aufbewahren, brachte einen das schnell in die Bredouille.
  • Die wahrscheinlich meistvermittelte Botschaft in SMS hieß: „Kannst du mich zurückrufen? Guthaben alle!“ Vorausschauend sparsam war auch die Konstruktion: „[Vorschlag Verabredung]; wenn du nicht antwortest, denke ich einfach, dass es klappt.“
  • Ich würde schätzen, dass meine Freunde und ich 90 Prozent unseres Handyguthabens für SMS aufbrauchten. Die restlichen zehn Prozent gingen für butt calls und versehentliche Einwahlen ins Internet drauf.

Wie jetzt, Internet?

Richtig gehört. Das OneTouch 302 war WAP-fähig – konnte also auf sein Schwarz-Weiß-Display (mit schleimgelber Hintergrundbeleuchtung) die Buchstaben spezieller Internetseiten laden. Viel zu teuer, um es zu benutzen. Trotzdem brachte mir mein High-Tech-Handy Staunen ein. Immerhin könnte es, wenn man wollte.

Sich etwas leisten zu können und es sich doch nicht leisten zu können, war zweischneidig. Ein Mobiltelefon war 2000 wahrscheinlich das am wenigsten benutzte immer einsatzbereite Werkzeug unter Jugendlichen.

Hatte ich es zu Hause vergessen, war es wichtig genug, noch einmal umzukehren und es zu holen. Die Menschen begannen lamgsam unpünktlicher zu werden oder kurzfristig doch woanders auf einen zu warten, also gab es immer eine Chance, dass man unterwegs erreichbar sein musste.

Andererseits war mein Handy auch oft aus. Ja, richtig, damals schalteten wir unsere Handys noch regelmäßig aus. In der Schule zum Beispiel oder nachts. Konnte man ja Batterie sparen, brauchte man es ja sowieso nicht. Heute lade ich den Akku meines Telefons jeden Abend. Mein Alcatel brachte es mit einer Batterieladung auf knappe zwei Wochen Standby-Zeit. Wofür sollte der Strom auch drauf gehen? Telefonieren war sowieso zu teuer.

Trotzdem waren wir die richtige Zielgruppe. Die Werbung für diese Prepaid-Handys wiederholte ständig Slogans à la „Keine Vertragsbindung, keine Grundgebühr!“ In den Fenrsehspots für die Prepaid-Marke „X-tra Pac“ sah man einen Laffo, der seinem Geek-Freund im Auto ein Ohr abkaute. „Und wenn das Guthaben mal alle ist, bist du immer noch ein Jahr lang erreichbar. Das wär auch was für dich übrigens – kein Geld mehr, aber immer noch schön einen auf dicke Hose machen.“ Wir waren die Anfix-Generation. „Kommunikation ist alles.“ [debitel-Slogan?] Heute haben die wenigsten von uns überhaupt noch Festnetz. Bei unseren Eltern ist es umgekehrt, denn ihr Handy dabei zu haben ist für sie immer noch fakultativ.

Abschiedsworte

Mein erstes Handy! Ich habe dich schon viele Jahre nicht mehr benutzt. Trotzdem konnte ich mich nie richtig von dir trennen. Du lagst bis zuletzt in meiner Elektronikschublade. Irgendwann, so ungefähr 2004, hattest du den Dienst verweigert und auch eine Akkutransplantation hat dir langfristig keine Besserung gebracht. Da hattest du eine komplette Antennenfraktur, die mit Sekundenkleber und Tesafilm geschient wurde, schon längst überlebt.

Ich habe viel Energie in dich gesetzt und mich sehr auf dich gefreut. Und trotzdem war da nach oben noch Luft gewesen für Wertschätzung.

Zunächst musste ich meine Eltern überzeugen, dass du ein gutes Weihnachtsgeschenk wärst. Dabei half, dass ich bereit war, einen Teil deiner Anschaffungskosten selbst zuzuschießen. Dann musste ich meine Eltern davon überzeugen, dass man dich nicht früh genug in die Familie aufnehmen konnte und dich ein paar Wochen vor Weihnachten schon zu kaufen. Dabei half die Logik: Wenn ich ein Telefon dabei habe, müsst ihr euch keine Sorgen machen, wenn ich spät nach Hause komme – ihr könnt ja einfach anrufen. (Praktisch sah das so aus, dass ich spät nach Hause kam und meine Eltern vorwurfsvoll sagten, sie wären extra noch aufgeblieben um auf mich zu warten; worauf ich sagte, sie hätten ja anrufen können; worauf sie sagten: „Aber du warst doch mit Freunden weg, wir dachten, wenn wir anrufen, wäre dir das vielleicht peinlich.“)

Am Anfang war ich etwas kritisch: Ein silbergraues pummeliges Telefon mit Noppelantenne, das sollte irgendwie für mich stehen? Deine Frontverschalung konnte man ganz einfach abnehmen, aber ich habe mir nicht die Mühe gemacht, dir eine in einer neuen Farbe zu besorgen. Stattdessen habe ich dich mit einer Kratzschutz-Pimpung personalisiert: Für 15 Mark bekamst du eine einen Millimeter dicke Plastescheibe auf dein Display geklebt, in die ein regenbogenbuntes Hologramm eingearbeitet war. Bei bestimmtem Lichteinfall erkannte man dreidimensional das Gesicht eines Adlers. (Es war das unkitischigste verfügbare Motiv.)

Zu deinen luxuriösen Ausstattungsdetails gehörten Vibrationsalarm und ein Freisprech-Lautsprecher (dessen scheppernder Klang eine Verständigung ausschloss).

Es dauerte nicht lange, da konnte ich dich ohne hinzukucken bedienen und mein Daumen erreichte olympische Geschwindigkeiten beim Tippen von Kurznachrichten. Es tut mir leid, dass du nie deine Ausdauer unter Beweis stellen konntest, aber das Zeitalter der langen Flatrate-Telefonate und der erschwinglichen Zweijahresverträge hast du nicht mehr miterlebt.

Martins Alcatel OneTouch 302 wurde im engsten Benutzerkreis in einem Elektro-Recycling-Umschlag der Firma T-Mobile in einem Freiburger Briefkasten beigesetzt.


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3 Kommentare

Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, Blog-Exklusiv, Dinge, Martin benutzt

3 Antworten zu “Abschied/Dinge

  1. Nora

    Ach…Danke für die Erinnerungen, einiges hatte ich schon ganz vergessen!
    Mein Beileid.

  2. Pingback: Jostalgie | martinJost.eu

  3. Pingback: Bitte mitnehmen! | martinJost.eu

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