Inventur

Zum Mitnehmen

Freiburg • martinJost.eu


Kennt ihr diese Kartons, die mit „Zu verschenken“ oder „Bitte mitnehmen!“ beschriftet sind und die vor Häusern stehen, wo jemand ausmistet oder umzieht oder gestorben ist? Ein Naturgesetz sagt, dass ich an solchen immer nur vorbei komme, wenn sie schon aller guten Dinge entledigt sind. Oder nur an solchen, in denen nie etwas Gutes drin lag.

Bis gestern.

Zum Mitnehmen

Auf einem einzigen Spaziergang kam ich in einer einzigen langen Straße an zwei Kisten vorbei, die Sachen verschenkten, die ich wert fand, meine Tasche mit ihnen zu beschweren. Eine Inventur:

CDs

  • Nena: Nena die Band.
    Ich hatte bisher noch nicht die Songs: »99 Luftballons« und »Irgendwie, irgendwo, irgendwann«. Außerdem kannte ich von ihnen bloß die 2000-er-Tanz-Remixe. Und ich wusste auch nicht, dass Nena mal eine Band war, ich kannte immer nur die Frau. Und ich kannte früher nicht ihren Nachnamen. („Nena sind: Nena Kerner, Gesang/ Uwe Fahrenkrog-Petersen, Keyboards/ Jürgen Dehmel, Baß/ Rolf Brendel, Schlagzeug/ Carlo Karges, Gitarre“).
    Und auch das schon wieder eine Offenbarung an verknüpfbarem Wissen: Über Uwe Fahrenkrog-Petersen wusste ich bislang nur, dass er mal bei irgendeiner deutschen Castingshow in der Jury saß und kannte ihn als Komponist der Musik zu meinem Lieblingsfilm «Igby». Jetzt weiß ich, dass er mal in der Band von Nena war. So klein ist die Welt.
  • Justin Timberlake: Just Me
    Justin Timberlake mag ich eigentlich gar nicht und ich beschäftige mich auch nicht mit solcher Mädchenmusik. Ich weiß noch nicht mal, aus welcher von diesen Boygroups er seinerzeit geplumst kam. Und ich verbuche ihn immer als den Ben Affleck der Popmusik.
    Da wären allerdings ein, zwei Treffer, die er gelandet hat. »What goes around comes around« war, glaube ich, ganz gut und in meiner iTunes-Bibliothek findet sich »Bounce«, wo ihn Timbaland featuret. Schließlich scheint dieses Video (mit Lady Gaga) darauf hinzudeuten, dass er einiges an Selbstironie aufbringt, was ihn so gut wie rehabilitiert:

    Ich dachte, ich gebe dieser CD mal eine Chance. Vielleicht komme ich auch nie dazu, sie anzuhören und sie wird ein Teil meines Schrottwichteln-Präsenteaufgebots.
  • The Cranberries: No Need To Argue
    Ein uneingeschränkt gutes Album, also natürlich musste ich es haben.
    Eigentlich habe ich es auch schon in MP3-Format. Und auf Kassette. Sogar zusammen mit Everybody Else is doing it, so why can’t we?, dem anderen Sofa-Album der Cranberries. Spätestens seit wir in Englisch in der Schule »Zombie« seziert haben, bin ich Anhänger. Und Anfang der Zweitausender brachten Dario G ihre fiese Version von »Dreaming my Dreams« ins Radio.

    Ich war ungefähr der einzige, der wusste, dass es ein Cranberries-Cover ist.
  • OST: Eiskalte Engel
    Der Soundtrack zu einem Film, den ich mit 16 und 17 ziemlich bedeutend fand. Verknüpft mit gewissen Urlaubserinnerungen entwickelte sogar das Soundtrack-Album seine eigene Bedeutungsträchtigkeit. Inzwischen höre ich es nicht mehr auf Kassette (von Freunden überspielt), sondern auf dem iPod.
    Und jetzt habe ich es auch noch auf CD! Soll einer sagen, ich wäre total unsentimental in Bezug auf haptische Kulturprodukte.
    Das Exemplar aus der Verschenken-Kiste kostete übrigens seinerzeit 29,99 DM, sagt sein Preisschild aus dem Müller.

Ich habe aber nicht nur Musik, der ich skeptisch gegenüber bin oder die ich eigentlich schon gehabt hätte, mitgehen lassen. Es gab auch Bücher zu verschenken, und nicht die schundigsten:

Bücher

  • Georges Simenon: Die Tür
    Ein Maigret-Roman, oder? Weiß ich nicht, Rückseite des Einbands fehlt schon. Sechzigerjahre-Taschenbuch aus holzigem Papier von Kiepenheuer & Witsch. Sollte schön zu lesen sein.
  • Martin Walser: Der Lebenslauf der Liebe
    Martin Walser kenne ich von «Ein fliehendes Pferd», das wir in der Schule gelesen haben. Jetzt habe ich also auch einen berühmten Roman von ihm. Und als Hardcover! (Wasserfleckiger Umschlag, aber naja.)
    Ich fürchte, dass ich mich damit langweilen werde. Ist ja scheinbar ein Sequel, dessen Vorgänger ich nicht kenne. Und zeitgenössische deutsche Literatur hat mich bisher noch nicht mitreißen können.
  • Harry Mulisch: Die Entdeckung des Himmels
    Irgendwie wichtig. Schon oft gehört. Weiß grad nicht, wer es mir zuletzt empfohlen hat. Ganz wichtiger Roman! Hab ich jedenfalls jetzt auch.
    Ich weiß weder, was für ein Landsmann Harry Mulisch ist, noch, worum es in dem Buch geht.
  • Isabel Allende: Der unendliche Plan (ebenfalls Hardcover!)
    An Isabel Allende habe ich hohe Erwartungen. «Von Liebe und Schatten» hat mich sehr mitgerissen, als ich es als Jugendlicher mal gelesen habe. Seitdem habe ich mich nicht wieder getraut, etwas von ihr zu lesen, weil ich Angst habe, dass die Mitgerissenheit von ihrem lateinamerikanischen Pathos ein einmaliger Zufall war. In meinem Regal steht jedenfalls auch ein Taschenbuch-Schuber mit den ungelesenen drei Teilen der Geisterhaus-Trilogie.
  • Nick Hornby: A long Way down
    Ich kenne die Nick-Hornby-Verfilmungen «High Fidelity» und «About a Boy». Jetzt werde ich ja bald feststellen, ob ich auch seine Schreibe mag.
    Der Vorbesitzer oder die Vorbesitzerin ist jedenfalls nicht so weit gekommen. Sie hat die Schutzumschlag-Klappe zwischen Seite 90 und Seite 91 (von 257) eingeklemmt.
    Ebenfalls als Beigabe im Buch belassen: Eine herausgerissene Anzeige aus einem Magazin (möglicherweise «DB mobil»?): „Schreiben Sie auch? Wir suchen neue Autorinnen und Autoren. Romane, Erzählungen, Biografien, Gedichte, Sach-, Tier und Kinderbücher …“
    Vielleicht ist Nick Hornby in echt ja so inspirierend gewesen, dass der Vor-Leser sich Hals über Kopf an sein eigenes Manuskript machen musste.

Auch noch:

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7 Kommentare

Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, Martin hört, Martin liest

7 Antworten zu “Inventur

  1. Julia

    Hm ja, bisher hatte ich ja auch nie Glück bei diesen Kisten. Demnächst steht bei mir aber auch mal Ausmisten an, dann mach ich selbst eine. :)

    • Ich hatte auch echt Glück!

      Hättest du was von den Sachen oben mitgenommen?

      • Julia

        Am ehesten wohl noch den Eiskalte Eingel-Soundtrack und „A long way down“. Isabel Allende finde ich persönlich ja eher so meh.

    • Hm. Ich bin gespannt, ob ich Allende auch meh finde. Ich habe den Schmalz «Von Liebe und Schatten» mit 16 gelesen und frage mich, ob ihr Stil zu meinem derzeitigen Geschmack passt. Ich glaube, der gegenwärtige Hormonhaushalt des Lesers hat viel mehr mit Gefallen an einem Buch zu tun als seine möglichen objektiven Qualitäten.

      Naja, es steht mal in meinem „Muss ich noch lesen“-Regal. Bei meinem derzeitigen Lektüretempo könnte es gut und gerne in 25 Jahren fällig sein …

  2. Pingback: Bitte mitnehmen! | martinJost.eu

  3. Wenn du das „Geisterhaus“ immer noch nicht gelesen hast, dann hast du was verpasst!

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