Warschauerstraße • Folge 1


Ein Mord

Martin Jost


Spaziergang

Es war einmal ein schöner Herbsttag, da gingen die flezende Engelin und der Ritter vom Feudel gemeinsam spazieren. Die beiden waren beste Freunde – jedenfalls war das ihr kleinster gemeinsamer Nenner – und mochten beide grüne Wiesen. Die flezende Engelin erzählte dem Ritter vom Feudel von einem Buch, das sie gerade las und der Ritter, der Wert darauf legte, dass ihm überkommene Rollenbilder von Männern und Frauen nichts bedeuteten, wischte ein bisschen den Boden.

Da kamen die beiden zurück in die Stadt und liefen die Warschauerstraße entlang, in der man wohnte. Plötzlich stockten ihre Schritte und ihnen beiden der Atem – sie hatten etwas Grässliches entdeckt:

Der grausige Funde

Vor der Roten Kommode (die eigentlich safrangelb und blau war, aber früher so lange schon rot gewesen war, dass sie bei den Alteingesessenen immer noch „die Rote Kommode“ hieß) stand ein Weihnachtsbaum aus Plaste. Daneben lag die zersprungene Leiche eines Sparschweins. Sein breites Mondgesicht war ihm zerschlagen worden und lag, noch immer mit einem gutmütigen schweinischen Ausdruck, auf der Straße. Das Schwein war tot. Es war in Stücke gerissen. Der flezenden Engelin und dem Ritter vom Feudel wurde schlecht.

Das Schwein ist tot

„Kannst du erste Hilfe?“, fragte der Ritter vom Feudel.

„Das Schwein ist tot!“, sagte die flezende Engelin und machte eine obszöne Geste mit dem Mund.

„Das ist der erste Tote, den ich sehe“, sagte der Ritter vom Feudel und weiter konnte er nicht reden, denn ihm kam ein bisschen Kotze hoch.

Da machte es „Flappflappflappflappflapp“ und ein komischer Kauz ging vor ihnen zu Boden.

Pressevogel

Der Vogel zückte einen Notizblock und einen Bleistift und fragte den Ritter vom Feudel und die flezende Engelin, die beide erschrockene Gesichter machten: „Sie haben hier heute einen grausigen Fund gemacht. Wie fühlen Sie sich jetzt?“

„Wir sind noch sehr betroffen und ganz überwältigt von dem, was wir heute hier gesehen haben“, sagte die flezende Engelin. Der Pressevogel meißelte fleißig mit.

Da kam ein kleiner Häkelweichnachtsmann an den Ort des grausamen Fundes.

Häkelweihnachtsmann

Der kleine Häkelweihnachtsmann stellte sich zwischen die Drei und den Kadaver und sagte: „Als einzige Amtsperson weit und breit erkläre ich diesen Tatort zu – einem Tatort! Unbefugten erteile ich keinen Zutritt!“

„Haben Sie denn in dieser stressigen Zeit des Jahres Gelegenheit, in einem Mord zu ermitteln?“, fragte der Pressevogel den kleinen Häkelweihnachtsmann.

„Nun, es ist ja gerade mal Herbst“, antwortete der Amtsmann, „und als untergeordneter Bezirksweihnachtsmann bin ich noch nicht so sehr im Stress. – Was soll ich auch machen? So ein Raubmord ist eine ernste Angelegenheit, Hoheitssache, wem sollte ich denn die Ermittlung sonst übertragen?“

„Ich glaube“, sagte die flezende Engelin so charmant und höflich, wie sie konnte, und schürzte dabei ihre Lippen kreisrund, „ich glaube, es war gar kein Raubmord.“

„Was denn dann?“, fragte der kleine Häkelweihnachtsmann.

„Naja“, überlegte die flezende Engelin, „vielleicht war es nur ein ganz normaler Mord.“ Und dabei nickte sie mit der Stirn in Richtung Schweineleiche, woraufhin sich der kleine Weihnachtsmann umdrehte und den toten Körper von Nahem besah.

Spurensicherung

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4 Kommentare

Eingeordnet unter 04 Groschenromane (DO), Warschauerstraße

4 Antworten zu “Warschauerstraße • Folge 1

  1. nina

    bin hochgespannt wie’s weitergeht, hoffentlich kommt die fortsetzung schnell!

  2. Pingback: Warschauerstraße • Folge 4 | martinJost.eu

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