Warschauerstraße • Folge 1

Spurensicherung

Die flezende Engelin hatte dem kleinen Häkelweihnachtsmann einen entscheidenden Hinweis gegeben. Als er sich den gewaltigen Überresten des Sparschweins zuwandte, sah er, dass in seinem Bauch noch jede Menge Münzen lagen. Das Schwein war also überhaupt nicht ausgeraubt worden!

„Wir müssen“, entschied der kleine Weihnachtsmann im Lichte dieser neuen Tatsachen, „erst mal Dings machen“, und er schnipste mit den Fingern. „Na, Dings! Hier, Spurensicherung!“

Irgendwo ganz in der Nähe machte es: „Plapp!“ Dann hörten die Vier Schritte und ein Rascheln – ein Fallschirmspringer war gelandet und kam auf sie zu.

Fallschirmspringer Warschauerstrasse

„Höre ich Spurensicherung?“, fragte der Fallschirmspringer. „Meine Spezialität! Erlauben Sie mir, Ihnen zur Hand zu gehen.“

Der Weihnachtsmann, der sehr leicht von einem militärischen Habitus einzunehmen war und sich außerdem darüber freute, nicht mehr die ganze Verantwortung allein tragen zu müssen, sagte: „Sehr gerne! Am besten, Sie fangen gleich an!“

„Mein Herren!“, unterbrach sie der Pressevogel, „hätten Sie mir vielleicht einige Hintergrundinformationen zu dem, was vorgefallen ist?“

„Zum jetzigen Zeitpunkt der Ermittlungen kein Kommentar!“, sagte der Fallschirmspringer selbstbewusst.

„Darf ich Sie zitieren?“, fragte der Pressevogel, „Vorname? Nachname? Dienstnummer? Rang? Beruf? Heimatort?“

„Ich geb’ dir gleich Heimatort, du hässlicher Vogel!“, sagte der Fallschirmspringer.

Der Pressevogel, der sich ungerecht behandelt fühlte, fragte schnippisch: „Können Sie mir mal erklären, wozu Sie zwei Schulter-Handytaschen brauchen?“

„Haben wir schon Verdächtige?“, fragte der Fallschirmspringer den kleinen Häkelweihnachtsmann. „Wir brauchen Verdächtige zum Befragen!“

Der kleine Häkelweihnachtsmann sah ihn fragend an und zuckte mit den Schultern.

„Dann sind Sie jetzt der Hauptverdächtige!“, sagte der Fallschirmspringer und zeigte wütend auf den Pressevogel. Der Pressevogel verzog den Schnabel und flatterte auf und davon. Der Fallschirmspringer, der nur zu landen, aber nicht hinterherzufliegen vermochte, sagte: „Zur Festsetzung ausschreiben!“ Dann wandte er sich an den Ritter vom Feudel und an die flezende Engelin: „Bitte gehen Sie weiter! Es gibt hier nichts mehr zu sehen!“

Bei Engels zu Hause Warschauerstrasse

Als sie am Abend wieder zu Hause in ihrem Bücherregal war, erzählte die flezende Engelin mit großen Augen ihrem kleinen Bruder, dem narkoleptischen Schutzengel, was sie erlebt hatte. Der narkoleptische Schutzengel ließ sich nicht anmerken, dass er die Geschichte spannend fand.

„Das Traurige ist“, sagte die flezende Engelin gerade, „dass niemand das Sparschwein richtig kannte. Sicher, man sah ihn manchmal in der Straße, aber er war ja auch sehr vorsichtig. Wäre ich auch gewesen mit so viel Geld in meinem Bauch. Und er hatte immer diesen freundlichen Ausdruck im Gesicht, aber wir dachten doch alle, er will nur unser Geld. ‚Wucherer‘ sagten die Leute hinter seinem Rücken zu ihm! Bestimmt war er sehr einsam. Und nun hat er niemanden. Das ist doch traurig!“ Die flezende Engelin wusste nicht, ob ihr kleiner Bruder das alles gehört hatte, denn der narkoleptische Schutzengel schien schon zu schlafen. In Wirklichkeit hatte sie es aber auch vor allem für sich selbst laut gesagt.

Die flezende Engelin nahm sich ein Buch aus der Bibliothek, denn schlafen konnte sie nach so einem Tag so früh noch nicht. Der narkoleptische Schutzengel schnarchte ganz leise. Von irgendwo her kam Cellomusik.

Am Tatort bei der Roten Kommode hatten der kleine Häkelweihnachtsmann und der Fallschirmspringer inzwischen alle nötigen Arbeiten erledigt: Der Leichnam war weg geschafft, die Scherben waren fotografiert und größtenteils zusammen gekehrt und das Geld aus dem Bauch des Schweines war asserviert.

„Tja“, sagte der kleine Häkelweihnachtsmann, „wir werden vielleicht nie erfahren, wer der Mörder war!“

Der Fallschirmspringer kuckte trotzig: „Sagen Sie das nicht! Ich hoffe sehr, dass die Spuren uns bald zu ihm führen werden!“

Da trat ein Mann heran. Er war groß und schlank und völlig weiß im Gesicht. Er hatte sein schwarzes Haar glatt nach hinten gekämmt und trug eine schnörkellose Uniform. Der kleine Häkelweihnachtsmann und der Fallschirmspringer sahen zu ihm auf.

Data Tatort Warschauerstrasse

„Kann es sein, dass hier ein Mord geschehen ist?“, fragte der Fremde.

„Was?“, fragte der Fallschirmspringer, „wer bist du denn?“

„Verzeihung“, sagte der Mann, „ich bin Lieutenant Commander Data vom Föderationsraumschiff Enterprise. Ich ermittle im Namen der Sternenflotte in einer Reihe von Gewalttaten.“

„Sie ermitteln hier gar nichts“, sagte der Fallschirmspringer, „dieser Vorfall liegt im Zuständigkeitsbereich des Bezirksweihnachtsmanns.“

„Haben Sie denn keinen Polizeiposten?“, fragte Commander Data.

„Sheriff“, sagte der Fallschirmspringer, „ist im Urlaub.“

„Verstehe“, sagte Data. „Wie dem auch sei: Meine ist die umfassendere Jurisdiktion.“

„Ihre ist hier gar nichts, Sie bleicher Vogel!“, sagte der Fallschirmspringer.

„Androide“, berichtigte ihn Data. „Und ich bestehe darauf, dass die Ermittlungen in meiner Verantwortung liegen.“

Der kleine Häkelweihnachtsmann seufzte erleichtert.

„Nichts da!“, sagte der Fallschirmspringer. „Dieser Mord geschah schließlich mitten auf der Warschauerstraße!“

„Sie scheinen die wahren Ausmaße dieses Vorfalls nicht im Sinn zu haben“, sagte Data. „Dies ist nur ein Vorfall in einer Serie von Gewalttaten, denen ich seit Langem auf der Spur bin.“

„Sie meinen“, fragte der Fallschirmspringer, „es ist vielleicht ein Serienmord hier bei uns in der Warschauerstraße passiert?“

„Ganz richtig“, sagte der Androide. „Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit.“


In der nächsten Folge:

Wer wird noch ein Opfer des brutalen Bösewichts?


Gleich weiterlesen:

→ Folge 2 • Freispruch

Advertisements

4 Kommentare

Eingeordnet unter 04 Groschenromane (DO), Warschauerstraße

4 Antworten zu “Warschauerstraße • Folge 1

  1. nina

    bin hochgespannt wie’s weitergeht, hoffentlich kommt die fortsetzung schnell!

  2. Pingback: Warschauerstraße • Folge 4 | martinJost.eu

Sag, was du denkst!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.