Warschauerstraße • Folge 2

Ritter vom Feudel wird verhört


Freispruch


Dem Ritter vom Feudel war es viel zu hell im Schein der Verhörlampe, die der Fallschirmspringer direkt auf sein Gesicht gerichtet hatte.

» Folge 1 schon gelesen? Nein? Na dann aber los!

Er kam sich vor, als hätte ihn der strenge Offizier schon für den Mord am Sparschwein verurteilt und dieses Verhör sei bereits die Strafe.

Fallschirmspringer verhört Ritter vom Feudel

„Fangen wir noch mal von vorne an“, sagte der Fallschirmspringer. „Wo waren Sie gestern den ganzen Nachmittag?“

„Wie gesagt“, setzte der Ritter vom Feudel zu einer Antwort an. Da verzog der Fallschirmspringer schon das Gesicht und machte einen angriffslustigen Satz auf ihn zu. Der Ritter vom Feudel blinzelte und fuhr dann leise fort: „Ich war spazieren.“

„Spazieren?“, fragte der Fallschirmspringer laut und war dem Ritter vom Feudel dabei so nah, dass er ihn ein bisschen anspuckte. „Mit dieser flezenden Engelin, nehme ich an?“

„Ja“, sagte der Ritter vom Feudel.

„Und das soll ich Ihnen glauben?“

Der Ritter vom Feudel wollte sagen, dass  der Fallschirmspringer die flezende Engelin ja selber fragen konnte. Aber er hatte zu viel Angst davor, dass der Fallschirmspringer wieder schreien würde. Der Ritter vom Feudel war nämlich ein sensibler Typ und konnte mit so viel ungerechter Aggression gegen seine Person nicht gut umgehen. Darüber hinaus hatte er ja dem Fallschirmspringer schon mehrmals gesagt, er solle die flezende Engelin verhören und der Fallschirmspringer hatte gesagt, das sei schon längst geschehen.

„Mein Lieber!“, sagte der Fallschirmspringer zum Ritter vom Feudel. „Ich wünsche mir von Ihnen einen großen Batzen mehr Kooperation. Noch einmal von vorn: Wo waren Sie gestern den ganzen Nachmittag?“

* * *

Der kleine Weihnachtsmann, der zur Zeit der höchste Beamte der Exekutive am Ort war (alle seine Vorgesetzten waren geschäftlich unterwegs) befand sich mit Data in der Ermittlungs-Kommandozentrale. Auf dem großen Hauptbildschirm hatten sie noch einmal die Tatortfotos aufgerufen um zu sehen, ob ihnen auch keine noch so unwichtige Einzelheit entgangen war.

Ermittlungs-Kommandozentrale

„Genau wie in den anderen Fällen“, sagte Data, der von einer viel höheren Instanz beauftragt worden war, in diesem Mordfall zu ermitteln. Der kleine Weihnachtsmann hatte sich verkniffen, Streit mit dem Abgesandten über Zuständigkeiten anzufangen. Es war ihm nämlich sehr recht, dass er in dieser Sache nicht auf sich allein gestellt war.

„Ein kurzer, brutaler Angriff tötet das Opfer“, sagte Data, „wahrscheinlich hat ein einziger Schlag genügt. Die Tatwaffe bleibt liegen, es gibt keine Anzeichen für einen Kampf und ausgeraubt wurde das Opfer augenscheinlich auch nicht. Das passt zum Bild.“

„Gibt es denn mit den anderen Fällen weltweit noch weitere Übereinstimmungen?“, fragte der kleine Weihnachtsmann.

„Zwischen den Opfern?“, fragte Data. „Keine offensichtlichen. Vielleicht sind sie alle in demselben schmierigen Geheimclub, wie in schwedischen Krimis meistens. Aber wenn dem so ist, wissen wir es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.“ Er drehte sich um, während er weiter nachdachte.

Data und Weihnachtsmann Warschauerstraße

„Warum sind Sie auf meine andere Seite gelaufen?“, fragte Data den kleinen Weihnachtsmann. Er hatte zuerst an ein Kontinuitätsproblem bei den Aufnahmen geglaubt, aber dann sah er sich das vergrößerte Tatortfoto im Hintergrund noch einmal an.

„Auf dem linken Ohr höre ich schlecht“, sagte der kleine Weihnachtsmann. „Ich ziehe es vor, wenn Leute rechts von mir stehen.“ Und dann stopfte er sich wieder ein Stück von seinem Schnurrbart in das linke Ohr, denn er hatte Ohrenschmerzen.

„Sagen Sie mir bitte alles, was Sie über das Sparschwein wussten“, sagte Data. „Egal, wie unwichtig es ist. Je mehr wir über die Opfer in Erfahrung bringen, desto wahrscheinlicher wird es, dass wir eine Gemeinsamkeit finden.“

„Ich kannte ihn nicht persönlich“, sagte der Weihnachtsmann. „Aber lassen Sie mich nach seiner Akte suchen. Unsere Abschnittsbevollmächtigten dokumentieren in der Regel sehr gründlich.“

* * *

Ritter vom Feudel Verhörraum

Im Verhörraum sagte der Fallschirmspringer zum Ritter vom Feudel gerade: „Jetzt sagen Sie mir die Wahrheit darüber, was Sie gestern Nachmittag getrieben haben! Und sagen Sie nicht wieder: Ich war mit der flezenden Engelin spazieren! Das weiß ich inzwischen. Aber den ganzen Nachmittag? Erwarten Sie nicht von mir, dass ich das glaube!“

Da hörten die beiden einen entsetzlichen Schrei. Er war laut und hoch und gellend. Der Fallschirmspringer rannte sofort aus dem Verhörraum in die angrenzende Ermittlungs-Kommandozentrale. Der Ritter vom Feudel folgte ihm vorsichtig.

Anschlag auf Data

Der kleine Weihnachtsmann war entsetzlich erschrocken. Er hatte beide Hände vor dem Mund zusammengeschlagen. Scheinbar hatte er auch gerade erst das schreckliche Ereignis entdeckt und daraufhin den lauten Schrei getan: Mr. Data lag in Stücken am Boden. Sein Oberkörper war von seinem Unterleib abgetrennt; er hatte das Gesicht am Boden und war unter einem riesigen Hammer begraben – ganz ähnlich dem, der das Sparschwein getötet hatte.

Wie zum Vergleich zeigte der Hauptbildschirm der Kommandozentrale gerade einen vergrößerten Ausschnitt aus den Tatortfotos vom Vortag – mit dem riesigen Hammer im Fokus. Es handelte sich hier fast um eine postmoderne Überladung mit visuellen Motiven, fand der Ritter vom Feudel. Er hätte ein bisschen gekichert, aber er war zu verängstigt im Moment.

„Schnell, helfen Sie mir!“, rief der Fallschirmspringer dem kleinen Weihnachtsmann zu. „Wir müssen ihn befreien!“ Und er machte einen Satz auf den verunglückten Data zu. Aber irgendwie verfitzte sein Fallschirm sich unter der Tür und er schlug der Länge nach hin. Das passierte ihm öfter, als ihm lieb war und in dieser Situation, in der er von Funktionären umgeben war, in deren Augen er sich beweisen wollte, besonders. Zum Glück war aber der kleine Weihnachtsmann inzwischen als debiler Idiot geoutet und Data, der seriöse Ermittler, bewusstlos. Der Fallschirmspringer berappelte sich, befreite die Leinen seines Fallschirms aus der Türfalle, drapierte das störende Accesoire über dem Hauptbildschirm, und hievte den Hammer von Datas Oberkörper. Der kleine Weihnachtsmann verharrte während all dem in Schockstarre.

Der Fallschirmspringer rüttelte an Commander Data: „Commander! Lieutenant Commander! Hören Sie mich? Sind Sie wach?“

Data tat die Augen auf. Kurz runzelte er die Stirn und orientierte sich. Dann richtete er sich auf.

Data verletzt

„Ich war wohl kurze Zeit bewusstlos – durch einen gewaltsamen Akt!“, stellte er fest.

„Sie können von Glück sagen, dass Sie nicht mausetot sind!“, sagte der Fallschirmspringer.

„Ich bin ein Android“, erwiderte Data, „meine physische Stärke und Resilienz sind der durchschnittlichen humanoiden weit überlegen. Ich laboriere zur Zeit noch an einer internen Selbstdiagnose, aber ich bin zuversichtlich, dass ich keine ernsthaften Beschädigungen davon getragen habe. Wenn die Herren mir dabei behilflich sein könnten, mich wieder zusammen zu fügen – ?“

Der Fallschirmspringer und der Ritter vom Feudel hoben Data an, so gut sie konnten, und er schlüpfte mit ihrer Hilfe zurück in seine Beine.

„Ich danke Ihnen“, sagte Data. „Herr Ritter vom Feudel – Sie dürfen gehen.“

„Was?“, fragte der Fallschirmspringer Commander Data empört, „nur weil er Ihnen aufgeholfen hat?“

„Keineswegs“, sagte Data. „Sie haben selbst protokolliert, dass er ein Alibi hat. Zudem spricht für ihn, dass scheinbar der Mörder von gestern Abend noch immer auf freiem Fuß ist, während Sie ihn da drin verhörten. Ich wurde in der selben Weise mit der selben Tatwaffe niedergestreckt!“

Der Fallschirmspringer fragte den kleinen Weihnachtsmann: „Haben Sie eben wie eine Frau geschrien – Sir?“ Die förmliche Anrede zwang er sich mit einigem Widerstreben ab. Er hatte nahezu allen Respekt vor dem Amtsmann verloren.

„Ja“, sagte der Weihnachtsmann. „Ich habe eine Entdeckung gemacht – die muss ich Ihnen zeigen.“

„Commander Data wurde überfallen“, sagte der Fallschirmspringer pissig, „das wissen wir inzwischen, danke!“

„Nein, das ist es nicht“, sagte der kleine Weihnachtsmann. „Davor … ich habe … das muss ich Ihnen zeigen!“ Und er lief in den Flur.

„Wohin gehen wir?“, fragte der Fallschirmspringer. Er folgte dem Weihnachtsmann mit Commander Data im Gänsemarsch und auch der Ritter vom Feudel schloss sich neugierig an.

„In die Asservatenkammer“, sagte der kleine Weihnachtsmann und führte sie in einen Raum ganz am Ende des Ganges. „Hier!“

Sie betraten das Beweismittel-Archiv der Polizeiwache.

Tresor Asservatenkammer Warschauerstraße

„Der Tresor!“, sagte der Fallschirmspringer, „er ist komplett leer geräumt!“

„Und er steht komplett offen“, bemerkte der kleine Weihnachtsmann.

Data wandte sich an den Ritter vom Feudel und reichte ihm demonstrativ die Hand: „Bitte bleiben Sie für uns fernmündlich erreichbar. Wir danken Ihnen für Ihre Mitarbeit bis hierher. Sie sind ein wichtiger Zeuge und es ist angenehm, mit Ihnen Zeit zu verbringen, aber auf absehbare Zeit haben wir gehörig zu tun!“


In der nächsten Folge:

Während der Ritter vom Feudel weiter durch die Ermittlungen gegen ihn belastet wird, lernt die flezende Engelin einen geheimnisvollen Fremden kennen …


Gleich weiterlesen:

→ Folge 3 • Ein Zeuge

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter 04 Groschenromane (DO), Warschauerstraße

Eine Antwort zu “Warschauerstraße • Folge 2

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