Warschauerstraße • Folge 3

Flezende Engelin Warschauerstrasse


Der Zeuge


Spät dran?
» Folge 1» Folge 2

Der flezenden Engelin kam es so vor, als würde sie noch lange nicht damit fertig werden, sich von dem schrecklichen Erlebnis zu erholen. Wenn das überhaupt möglich war, flezte sie in letzter Zeit noch mehr zu Hause herum als früher.

Flezende Engelin, narkoleptischer Engel

„Ich meine, man denkt, ich bin jetzt zu Hause, hier bin ich sicher – aber es verfolgt einen doch bis überall hin. Auch zu Hause, auch im Schlaf“, sagte sie gerade zu ihrem kleinen Bruder. Er ließ sich nicht anmerken, ob er verstand, was sie sagte. Ihr kleiner Bruder hieß nicht umsonst Narkoleptischer Engel. Er war noch dekubitus-gefährdeter als die flezende Engelin. Das war ihr aber in der ganzen Zeit, die sie jetzt schon an der Entdeckung herumkaute, die sie mit dem Ritter vom Feudel gemacht hatte, egal gewesen. Sie brauchte niemanden, der ihr antwortete; jemand, der so aussah, als könnte er genauso gut zuhören, reichte vollkommen, dachte die flezende Engelin.

Da klopfte es an die Tür ihrer Wohnung im vorletzten Stock eines wunderschönen alten Hochhauses. Die flezende Engelin schwebte galant zur Tür, öffnete sie kokett und sagte mit einem lasziven, verspielten Lächeln: „Hallo!“

Herr Elchlepp Warschauerstrasse

Draußen im engen Flur stand Herr Elchlepp, ein liebenswerter Nachbar der flezenden Engelin und ihres kleinen Bruders. „Kommen Sie rein!“, sagte die flezende Engelin und Herr Elchlepp bedankte sich.

Der Nachbar trug wie immer seine religiöse Kopfbedeckung, die ihn als Anhänger der Staatsreligion Weihnachten outete. Er war aber keineswegs auf die übergriffige Art fromm, sondern strahlte nur eine große Selbstsicherheit gegenüber dem Leben aus. Außer auf Partys, auf denen Herr Elchlepp sich bombastisch die Kante gegeben hatte, hatte niemand im Haus ihn als Missionar erlebt oder so etwas in der Art.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte er die flezende Engelin beim Eintreten. „Den Umständen entsprechend?“

Die flezende Engelin nickte und dankte ihm für die Nachfrage.

„Es ist immer schön, wie viele Bücher Sie haben“, sagte Herr Elchlepp. „Warum ich eigentlich hier bin: Ich wollte gerade Kaffee machen. Wollen Sie vielleicht auch einen?“

„Gerne“, sagte die flezende Engelin.

Herr Elchlepp Warschauerstrasse

„Oh, da fällt mir ein“, sagte Herr Elchlepp, „dass mein Kaffeepulver nicht mehr für zwei reicht, wie ich befürchte.“

„Ich kann Ihnen welches abgeben“, sagte die flezende Engelin.

„Das ist sehr liebenswürdig“, sagte Herr Elchlepp. „Ich fürchte nur, es kann ein kleines Bisschen dauern, bis ich den Kaffee gemacht habe. Meine Kaffeemaschine ist leider nicht gespült und selbst, wenn ich das erledige, finde ich womöglich nicht auf Anhieb die Dichtung. In meiner Wohnung steht nämlich ein ziemlich unübersichtlicher Geschirrstapel.“

Flezende Engelin Wohnung Warschauerstrasse

„Vielleicht mache ich uns geschwind einen Kaffee“, schlug die Engelin vor.

„Das ist aber lieb von Ihnen“, sagte Herr Elchlepp. „Haben Sie Milch?“

„Leider nur fettarme“, rief die flezende Engelin entschuldigend aus der Küche, „mein Bruder hat eingekauft. Vielleicht holen Sie welche von sich rüber?“

„Ich befürchte ein bisschen, meine Milch ist vielleicht nicht mehr gut“, sagte Herr Elchlepp. „Naja, für diesmal wird es mit fettarmer gehen.“

Der narkoleptische Engel rührte sich auf seinem Lager und schmatzte.

Narkoleptischer Engel Wohnung Warschauerstrasse

„Na junger Mann“, fragte Herr Elchlepp, „alles in Ordnung?“

„Hallo Herr Elchlepp“, sagte der narkoleptische Engel und blinzelte verschlafen.

„Sag ruhig Du zu mir“, sagte Herr Elchlepp. „Ich bin Heribert. Deine Schwester ist so lieb und macht uns Kaffee. Ich nehme an, den kannst du gebrauchen!“

Der narkoleptische Engel bemühte sich sichtlich, die Augen offen zu halten.

„Die macht ja einiges mit, deine Schwester – so ein totes Schwein auf der Straße sehen zu müssen. Soll ja grauenhaft ausgesehen haben, wie in der Zeitung stand.“

„Ja“, sagte der narkoleptische Engel, „es war ekelhaft.“

„Hat sie dir alles erzählt?“, fragte Herr Elchlepp.

„Ich weiß nicht“, sagte der narkoleptische Engel. Er hielt es für möglich, dass seine Schwester ihm etwas erzählt hatte, während er schlief. „Ich habe es auch gesehen.“

„Du meinst in der Zeitung?“

„Vom Fenster.“

„Aus dem Fenster?“, fragte Herr Elchlepp erstaunt. „Das wusste ich ja gar nicht! Du hast das tote Schwein gesehen?“

„Den Hammer.“

„Welchen Hammer?“

„Der vom Dach fiel.“

„Der Hammer?“

Der narkoleptische Engel nickte.

„Der Hammer, mit dem das Sparschwein erschlagen wurde? Der fiel vom Dach?“

Der narkoleptische Engel nickte.

„Auf das Sparschwein?“

„Mitten drauf.“

„Vom Dach unseres Hauses?“

„Ja.“

Herr Elchlepp war komplett baff.

Herr Elchlepp Warschauerstrasse

„Mein Lieber!“, sagte Herr Elchlepp, „Das sind ja groteske neue Erkenntnisse! Das muss die Polizei unbedingt wissen!“


Nächste Folge:

Was hat der narkoleptische Engel gesehen? Am kommenden Sonntag wieder hier, kurz vor dem Tatort!


Gleich weiterlesen:

→ Folge 4 • Small Talk


Bonus-Material:


Credits:

  • Special Appearance: Herr Elchlepp war heute zum ersten Mal dabei und wurde gestiftet von Ann4Bold.
  • Versicherung: Keine Plüschtiere wurden geschädigt während der Produktion dieser Episode.
  • Berufsgenossenschafts-Disclosure: Während der Produktion dieser Staffel von «Warschauerstraße» wurden bisher ernsthaft geschädigt:
    • 1 Sparschwein (ex.)
    • 1 Androide (andauernde Schädigung des Beckens)
    • Stand: 29. Januar 2012

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 04 Groschenromane (DO), Warschauerstraße

Eine Antwort zu “Warschauerstraße • Folge 3

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