Warschauerstraße • Folge 4


Small Talk


Spät dran?
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Der narkoleptische Schutzengel war schon wieder eingeschlafen. „So einer!“, murmelte Herr Elchlepp leise vor sich hin.

Dann tat er einen Schritt aufs Fenster zu und genoss die Aussicht.

Elchlepp gross

Er hatte etwas auf dem Herzen, das er sich von der Seele reden musste. Er hatte es in seinem Kopf schon in Worte gefasst, aber es passte noch nicht richtig. Herr Elchlepp probte: „Liebe flezende Engelin! Lassen Sie uns Du sagen. Ich bin Heribert. Und Sie sind ein Engel. Ich … ich … mein Herz gehört Ihnen!“

„Was?“, fragte die flezende Engelin, die gerade mit einem Tablett voller dampfender Kaffeetassen herein kam.

Flezende Engelin Wohnung Warschauerstrasse

„Ähm, nichts“, sagte Herr Elchlepp.

„Aber Herr Elchlepp, Sie haben doch gerade etwas gesagt!“ Die flezende Engelin stellte die Kaffeetassen auf Unterteller und legte jeweils zwei Zuckerwürfel und mit einem kleinen hellen Klimpern einen Kaffeelöffel dazu. Dann gab sie Herrn Elchlepp eine Tasse und stellte dem narkoleptischen Schutzengel eine hin.

„Ich bemerkte nur gerade, dass man sehen kann, wie Ihre Nachbarn Liebe machen“, rettete sich Herr Elchlepp aus der verfahrenen Lage.

„Stimmt, oft“, bestätigte die flezende Engelin und stellte noch eine Tüte fettarme H-Milch auf den Tisch.

Herr Elchlepp Warschauerstrasse

„Frau Engelin“, setzte Herr Elchlepp an, aber die flezende Engelin unterbrach ihn:

„Sagen Sie ruhig Fräulein!“

„Fräulein!“, sagte Herr Elchlepp. „Wie lange kennen wir uns jetzt?“

„Nicht so richtig“, antwortete die flezende Engelin, „wir sind ja bloß Nachbarn.“

„Gute Nachbarn, will ich hoffen“, sagte Herr Elchlepp.

Die flezende Engelin zuckte mit den Schultern. Dann wurde ihr bewusst, wie unsensibel das war und sie nickte freundlich.

„Ich zähle Sie und Ihren kleinen Bruder zu meinen allerengsten Freunden.“

„Das tut mir leid“, sagte die flezende Engelin.

„Ach was!“, sagte Herr Elchlepp, „das muss Ihnen nicht leidtun. Ich liebe Sie!“

„Tatsächlich?“

„Ich meine“ – Herr Elchlepp wurde rot – „ich meine, Ihre Freundschaft Nachbarschaft bedeutet mir sehr viel. Und ich finde es vollkommen unangemessen, dass wir uns immer noch siezen!“

„Nun trinken Sie erst einmal Ihren Kaffee, bevor er kalt wird!“, sagte die flezende Engelin.

„Wie recht Sie haben!“, sagte Herr Elchlepp und nippte. „Ich bin übrigens Heribert. Ihr kleiner Bruder und ich duzen uns auch schon.“

Der narkoleptische Schutzengel schnarchte einmal ganz lange.

Elchlepp mit Engeln Warschauerstrasse

„Ach tatsächlich?“, sagte die flezende Engelin und lächelte amüsiert.

„Was ich Ihnen bloß sagen möchte, Kind, ist, dass, was immer und wann immer für Sie ein Problem … – jetzt habe ich den Faden verloren. Also ich bin für Sie da!“

„Sie können mir vielleicht einen Ratschlag geben“, sagte die flezende Engelin.

„Mit Vergnügen!“, sagte Herr Elchlepp.

„Denken Sie, es ziemt sich, dass ich für die Beerdigung etwas Schwarzes anziehe?“

Herr Elchlepp war verdutzt.

Herr Elchlepp Warschauerstrasse

„Sie gehen auf eine Beerdigung?“

„Naja, die vom Sparschwein.“

„Kannten Sie es denn?“, fragte Herr Elchlepp.

„Das nun nicht gerade“, sagte die flezende Engelin. „Also vom Sehen. Und ich habe es tot gefunden, mit als die erste. Das verbindet mich ihm irgendwie auf eine intime Weise.“

„Tatsächlich?“, fragte Herr Elchlepp.

„Ja. Die Frage, die mich beschäftigt, ist bloß: Gehört es sich für eine Engelin, in Schwarz herumzulaufen, oder sendet das vielleicht eine verquere Botschaft? Oder wäre es respektlos, in meinem üblichen golddurchwirkten weißen Flatterkram aufzukreuzen?“

„Sie sind ein Engel!“, sagte Herr Elchlepp. „Sie könnten in Pollunder und Röhrenjeans kommen und würden immer noch diese Abschiedsfeier mit einer sagenhaft überirdischen Aura beehren!“

* * *

Dr Lampe Ritter vom Feudel Warschauerstrasse

„Ich habe es tot gefunden, mit als erster“, sagte der Ritter vom Feudel zu seinem Psychotherapeuten Dr. Lampe. Er lag auf einer Denim-Chaiselongue und Dr. Lampe hörte ihm zu. „Das verbindet mich ihm irgendwie auf eine intime Weise.“

„Tatsächlich?“, fragte Dr. Lampe. Er war dem Ritter vom Feudel durch die Ordnungshüter empfohlen worden, denn der Ritter kämpfte ein wenig mit den Folgen seiner Entdeckung des brutal ermordeten Sparschweins. Wenn er ehrlich war, kam ihm aber das anschließende Verhör durch den Fallschirmspringer viel schlimmer vor als die Entdeckung selbst.

„Das ist sicher schwer zu verstehen“, sagte der Ritter vom Feudel.

„Ja“, sagte Dr. Lampe. „Könnten Sie sich jemanden vorstellen, der vielleicht besser nachfühlen kann, wovon Sie reden?“

„Die flezende Engelin“, sagte der Ritter vom Feudel. „Die war ja auch dabei.“

„Und wie geht es ihr?“, fragte Dr. Lampe.

„Ich habe mit ihr nicht mehr gesprochen seit diesem Tag. Ich wollte sie eigentlich die ganze Zeit anrufen“, sagte der Ritter vom Feudel.

„Na dann aber hurtig!“, sagte Dr. Lampe und blies etwas Pfeifenqualm aus.

Dr Lampe gross Warschauerstrasse


Nächste Folge:

Wie geht es eigentlich dem Ritter vom Feudel, dem alten Sympathieträger? Am kommenden Sonntag wieder hier, diesmal schon am Mittag!


Gleich weiterlesen:

→ Folge 5 • erscheint am 12. Februar 2012 ist in Vorbereitung


Bonus-Material:

2 Kommentare

Eingeordnet unter 04 Groschenromane (DO), Warschauerstraße

2 Antworten zu “Warschauerstraße • Folge 4

  1. jagoda

    wer hat denn nun das sparschwein auf dem gewissen?

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