Ich habe mir Arbeit mitgebracht

Ein Konzert in einer Kirche ist eine Prüfung. Es ist gotteslästerlich kalt. Es gibt keine Toiletten. Es gibt keine Concessions-Theke. Der Sitzkomfort grenzt an Kasteiung. Und die Musik geht drei Stunden. Letztere ist es wert, deswegen ist es trotz allem knallevoll. Manchen Zuhörern scheinen die gottgegebenen Strapazen noch nicht genug zu sein – sie haben sich was zu tun mitgebracht.

Drei Reihen schräg rechts vor mir sitzt ein Bildungsbürgerehepaar. Graue Haare, Pelzkragen. Sie lesen die Partitur mit. Ich sehe das, weil sie das Heft mit den Noten unnatürlich hoch halten. Fast müssen sie nach oben schauen, um es zu studieren. So können wenigstens alle mitlesen, die auch noch wollen.

Ehepaar liest nicht das ganze Kontert über mit. Eigentlich nur am Anfang kurz, bis es einmal jeder gesehen hat. Ab da hat der Mann eine neue Aufgabe, die ihn zur Gänze erfüllt. Mit seiner winzigen Kompakt-Kamera fotografiert er den Chor. So gut er eben kann im Sitzen.

Wäre es nicht unhöflich, während eines Oratoriums über drei Bankreihen Fototipps zu zischen, würde ich ihm gern Folgendes raten: Mach einen Weißabgleich. Stört es dich überhaupt nicht, dass dein ganzes Motiv in reifes Bananengelb getaucht ist? Schalte den Blitz ab. Er reicht sowieso nicht über die ganze Länge des Kirchenschiffs. Und verzichte auf den Autofokus. Du merkst ja selbst, dass er die Gesichter nicht scharf gestellt kriegt.

Ein paar unscharfe, gelbstichige Zoom-Aufnahmen von der Stuckdecke, sehr geschmackvoll. Oh, und jetzt ein Video. Donnerwetter, werden sich eure Freunde freuen, wenn ihr ihnen das zu Hause vorspielt.

Ich wäre ja vollauf davon eingenommen, warm zu bleiben. Handschuhe aus, um noch ein Stück Schokolade in den Ofen zu werfen, Handschuhe wieder an. Tee nachschenken, nicht rationieren, die billige Thermoskanne hält ihn sowieso nicht lange warm.

Pause. Chor und Orchester bewegen sich nicht von der Stelle. Sie setzen sich einfach auf ihre vier Buchstaben und starren das Publikum an. Ist ja nur gerecht, macht das Publikum ja andersrum auch die ganze Zeit. Es hat am Anfang schon ewig gedauert, bis alle Sänger zur Bühne im Altarraum defiliert waren. Ich nehme an, das ist der Grund, warum sie die Pause über lieber gleich vorn bleiben.

Übrigens Elias-Oratorium von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Hammer. Wellen von Wumms branden über die Köpfe der Zuhörer. Hörner, Trompeten und alles. Und der Chor. So ein Chor, das ist was. Wumms. Dieser Chor ist die Evangelische Studentenkantorei. Jemand neben uns fragt sich laut, warum die Evangelische Studentenkantorei in einer katholischen Kirche singe. Woher will der überhaupt wissen, was für eine Kirche das ist? Katholisch oder das andere, kann man das an irgendwelchen geheimen Zeichen erkennen? Hängt vielleicht bei den Evangelen das Kreuz spiegelverkehrt?

Was die Leute alles beschäftigt während so einem Konzert. Wumms! – Das muss doch reichen!

Ich erinnere mich an quälende Stunden in Bach-Oratorien, in die ich mitgeschleift wurde, weil Familie im Chor sang. Ich bin kein Experte, aber ich habe jetzt Oratorien von zwei Männern gehört und ich darf mit einiger Sicherheit sagen: Bach ist langweiliger. Freut euch doch über die Musik, statt so viel zu fotografieren! Melodien, bombastisches Zusammensprühen von Wind und Brandung, eine harmonische Gischt aus Bläsern und Chor, wumms!

Wo ich ja kürzen würde, wäre bei den Solisten. Ganz vorn ist ein Podest, auf dem wechseln sich erwachsene Männer und Frauen ab und singen einzeln ganz laute Stücke. Das soll wohl die Handlung voran bringen. Der Unterschied zwischen einer Oper und einem Oratorium ist, so weit ich das sehen kann, dass die Opernsänger im Oratorium sich weigern, zu schauspielern. Deswegen ist auch völlig chancenlos, wer die Handlung verstehen möchte. Die Mobilseite von Wikipedia sagt mir, es handelt sich hier um eine Geschichte aus der Bibel. Langweilig. Irgendwie haben alle ein Programmheft außer mir. Wo gab es das denn? Hat das Geld gekostet? Da steht der ganze Text drin. Okay, das ist jetzt praktisch, da würde ich auch mitlesen. Aber die Noten? Wozu liest man denn eine Partitur? Außer um sich schadenfreuen zu können, wenn jemand sich versingt?


Damals, während dieser drei Stunden Matthäus-Passion, saß ich neben einem Schulfreund namens Götz. Götz hatte rote Locken, war zwei Klassen über mir und las die ganze Zeit in seinen mitgebrachten Noten mit. Ich konnte ihm beim Blättern nicht folgen. Ich verstand auch nicht, worin der Reiz der vielen langatmigen Stücke […] bestehen sollte […] Aufregend fand ich höchstens die Stellen, in denen es laut wurde […] Vor Götz konnte ich das aber unmöglich zugeben. Er schien sich überhaupt nicht zu langweilen.“

— Christiane Tewinkel:
«Bin ich normal, wenn ich mich im Konzert langweile?»

Ohne Programmheft ist der Text unverständlich. Die Sänger helfen nicht gerade. Sie haben vor allem eigene Melodien und singen ganz zickzack neben dem Chor her. Wie gesagt, an den Solisten würde ich den Rotstift ansetzen. Braucht kein Mensch, ich will Chor hören. Wumms.

Der Bildungsbürger hat seine Kamera weg gesteckt. Partitur ist auch keine mehr zu sehen. Er sitzt auf seine Knie gestützt und wippt. Wer länger aushält. Ich habe das nicht erhoben, aber ich wette, nach drei Stunden in der Kälte könnte man mit den versammelten Blasen aus dieser Kirche einen Swimmingpool füllen. Wenn man seine Energie fürs Partiturlesen und Fotografieren verausgabt hat, ist man jetzt natürlich am Wippen. Kann kaum erwarten, raus zu kommen. Du wirst dich freuen, zu hören, dass niemand eine Zugabe vorbereitet hat.

Oh prima, Finale! Finale wummst immer. Wumms!

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2 Kommentare

Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, 08 Drahtbildberichterstattung, Martin hört, Martin liest, Was geht in Freiburg?

2 Antworten zu “Ich habe mir Arbeit mitgebracht

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