Gedrucktes (47)

Der letzte
Zapfenstreich?

Titelseite blasmusik Februar 2012

Gedruckt in «blasmusik» • Februar 2012

Infolge der im Oktober 2011 vorgestellten Stationierungsentscheidungen der Bundeswehr sollen fünf von 18 Klangkörpern der Bundeswehr verschwinden. Darunter das Luftwaffenmusikkorps 2 in Karlsruhe. Für die Blasmusik in Baden-Württemberg wäre das ein mehr als herber Verlust.

„Vergesst mir die Musike nicht“, soll Konrad Adenauer im Zuge der Aufstellung der Bundeswehr gesagt haben. Ihm lagen die Musikkorps besonders am Herzen.

Mit der aktuellen Strukturreform der Bundeswehr fallen also fünf der 18 Korps unter den Tisch und reißen große Löcher. Wenn das in Baden stationierte Luftwaffenmusikkorps 2 aus Karlsruhe abgezogen werden soll, dann verbliebe Ulm als einziger Militärmusik-Standort in Baden-Württemberg – dem Bundesland, das Heimat für ein Drittel aller deutschen Blasmusikvereine ist. Zum Vergleich: In Nordrhein-Westfalen bleiben alle vier Musikstandorte erhalten.

„Drei davon darf man aber beim Blick auf die Landkarte eigentlich nicht in Betracht ziehen“, sagt Johannes M. Langendorf, Presseoffizier beim Zentrum Militärmusik der Bundeswehr. „Dabei handelt es sich um die Klangkörper mit besonderem Aufgabenschwerpunkt, nämlich das Ausbildungsmusikkorps, das keine Einsätze hat, die Big Band und das Musikkorps der Bundeswehr.“

Es trifft nicht nur die Musikvereine,
sondern die ganze Gesellschaft

In Badens Vereinen und Verbänden ist der Unmut über die scheinbar ungerechte Behandlung des Ländles trotzdem groß. Im Luftwaffenmusikkorps 2 mit seinen etwa 60 hauptberuflichen Musikern hatte die Region einen unschätzbaren Pool an Profi-Musikern. „Die Soldaten waren in den Vereinen aktiv als Multiplikatoren, Lehrer und Dirigenten“, sagt Michael Weber, Präsident des Blasmusikverbands Karlsruhe. In einem Brief, mit dem er viele Bundestagsabgeordnete davon überzeugen konnte, ihre Stimme gegen den Abzug zu erheben, führt er weiter aus: „Eine Schließung würde nicht nur die Musikvereine treffen, sondern viele karitative und gemeinnützige Einrichtungen und damit unsere ganze Gesellschaft. Baden-Württemberg war schon bei der letzten Sparwelle mit der Schließung von Stuttgart betroffen.“

„Die Bundeswehr als solche wird kleiner“, sagt Langendorf, „das ist politisch so gewollt. Da wird natürlich auch der Militärmusikdienst kleiner. Die Fachleute, die den Verteidigungsminister beraten, haben nach der besten funktionierenden Lösung im Rahmen der Vorgaben gesucht.“

Michael Webers Briefkampagne war nicht die erste dieser Art. Dachverbände, wie zum Beispiel die Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände mit Ernst Burgbacher MdB und Fritz Hörter, der Bund Deutscher Blasmusikverbände mit Helmut Rau MdL, Landespolitiker sowie die Abgeordnetenkollegen des Verteidigungsministers aus der Region haben sich bei Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière für die Erhaltung des Karlsruher Luftwaffenmusikkorps 2 eingesetzt. Sie erhielten nur  ein knappes Antwortschreiben ohne Signale für Kompromissbereitschaft.

„Nicht kurzfristig“ ist relativ

Martin Jost

Gedrucktes

Gleichzeitig regt sich auch anderswo Widerstand gegen den Abzug von Musikkorps. Im wegzurationalisierenden Standort Erfurt wird die Maßgabe der Reform, „Funktionalität, Kosten, Attraktivität und Präsenz in der Fläche“ zu vereinen, offen als leere Worthülse bezeichnet. Sieht man sich die Deutschlandkarte nach der Musikkorps-Bereinigung an, wird der gesamte Osten über hunderte Kilometer praktisch musikfrei. Im hohen Norden und dann wieder in Garmisch-Partenkirchen kann mit Militärmusik gedient werden. Tony Baumann, Angehöriger des Erfurter Wehrbereichsmusikkorps III, spielt in einer Petition beim Deutschen Bundestag den Standort Kassel, der erhalten bleiben soll, gegen Erfurt aus. Kassel habe aus politischen statt pragmatischen Gründen gewonnen. Baumanns Petition hatte zwar Mitte Januar erst gut 400 Unterzeichner (50.000 sind vonnöten, damit es für ein Anliegen im Petitionsausschuss zu einer Anhörung kommt), aber hat zusammen mit dem Engagement der Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht ein Entgegenkommen des Verteidigungsministers gezeitigt: „Der Bundesminister hat an die Ministerpräsidentin geschrieben, dass es nicht zu einer kurzfristigen Auflösung kommen wird“, sagt Hauptmann Langendorf. Welcher Zeitraum ungefähr unter „nicht kurzfristig“ zu verstehen ist, kann er aber nicht sagen –alle weiteren Entscheidungen liegen beim Minister.

Michael Weber glaubt, dass selbst das Karlsruher Korps nicht vor Ende 2013 verschwinden wird. Aber für die Zeit danach hat er die allergrößten Befürchtungen: „Die vielen, immer sehr gut besuchten Benefizkonzerte können unmöglich von anderen Musikkorps übernommen werden.“

„Obwohl wir in der Fläche kleiner werden“, sagt Langendorf, der für den Leiter des Militärmusikdienstes Oberst Dr. Michael Schramm spricht, „wollen wir die Zusammenarbeit mit der zivilen Blasmusik in jeden Fall aufrecht erhalten. Wir suchen weiter den Kontakt zur Szene. Bw-Musix, das Deutsche Musikfest in Chemnitz 2013 – diese Termine bleiben natürlich alle gesetzt. Die neue Aufstellung bedeutet ja keinen Rückzug der Militärmusik – wir sehen es als Herausforderung.“

Ob es sich hierbei um ein Lippenbekenntnis handelt und die Bundeswehr nun doch noch „die Musike vergisst“, muss die Zukunft zeigen.

Martin Jost


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Ein Kommentar

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