Nationalgetränk

Apfelshorle naturtrueb

Nachdenken über naturtrübe Apfelschorle

Früher habe ich Menschen verachtet, die ihren Saft mit Wasser verdünnten. Aber wenn man älter wird, wird man überempfindlich für alles Dickflüssige und Süße. Heute weiß ich selbst nicht mehr, wann ich mir das letzte Mal Apfelsaft pur gegeben habe, aber es muss wohl mit Anfang 20 gewesen sein. Also gut und gerne fünf Jahre her.

Gute Apfelschorle sprudelt genauso stark wie Sprudelwasser an sich, und das ist eine Kunst, denn in guter Apfelschorle ist das Sprudelwasser ganz klar in der Minderheit. Gute Apfelschorle besteht zu 60 Prozent aus Saft und dieser Saft sollte seinerseits 100 Prozent sein und nicht etwa Konzentrat oder Nektar.

Gegenfrage

Bis dahin sind wir uns, denke ich, einig und nicken und glauben, wir sprächen vom selben Getränk. Gehst du in Freiburg aber in bestimmte Cafés (oder sind es vielleicht alle?), kommt als Gegenfrage auf deine Apfelschorle-Order: „Klar oder naturtrüb?“

An diesem Punkt gestehe ich meine Überforderung ein. Da wird eine Entscheidung von mir verlangt, die zu treffen ich mich nicht in der Lage fühle. Und nicht, weil es eine Entscheidung ist, für die mein Verantwortungsgefühl nicht ausreichte. Oder weil es eine Entscheidung wäre, für die ich mehr Informationen bräuchte. Eine Entscheidung für klare oder naturtrübe Apfelschorle ist keine über Leben und Tod. Im Gegenteil. Apfelschorle ist Apfelschorle. Schmeckt immer gleich.

Egal

Die Entscheidung ist mir unmöglich, weil sie so egal ist. Was macht es denn für einen Unterschied im Geschmack, ob man durch die Apfelschorle durchkucken kann? Es handelt sich ja nicht um Fruchtflocken wie bei Apfelsinensaft.

Ich behaupte, es macht gar keinen Unterschied. Trübe und Durchkuck-Apfelschorle kosten das gleiche. Sie sind mutmaßlich von gleicher Qualität. In Freiburg ist garantiert alles bio, was man serviert bekommt.

Der Unterschied zwischen den beiden zur Wahl stehenden Produkten ist also null. Und ich bin nicht gut darin, Entscheidungen zu treffen, wenn das Ergebnis egal ist. Frag mich mal, ob wir links oder rechts abbiegen auf einem Spaziergang im Park. Wir werden wahrscheinlich für immer an der Kreuzung stehen bleiben.

Die Kellnerin hatte mich gefragt, ob ich klare Apfelschorle will oder naturtrüb. Ich hatte keine Antwort. Vielleicht musste sie kurz warten, während meine gerunzelte Stirn und ich ins Leere starrten.

Abschweifung

Im Garten meiner Eltern fielen jedes Jahr so viele Äpfel an, dass sich nie alle einfach essen ließen. Ich war auch keine große Hilfe. Obst ist für mich kein richtiges Essen. Apfelkuchen schon eher. Aber Quarktorte ist noch besser.

Manchmal machte ich Apfelsaft. Mit einer Saftpresse. Das Ergebnis war sehr trüber Saft. Fast flüssiges Apfelmus. Als verhätscheltes Kind des Industriezeitalters war ich von seiner Opazität kein bisschen begeistert. Ich wollte dem guten, goldklaren Apfelsaft aus dem Tetrapak® nacheifern. Und ich fand einen Weg: Lässt man selbstgepressten Apfelsaft langsam durch Kaffeefiltertüten tropfen, hat man „richtigen“ Apfelsaft.

Wenn man in meiner Biografie nach einer Präferenz in der einen oder anderen Richtung sucht, liegt also der Verdacht der Klarheitsliebe nahe.

Die Kellnerin sieht noch immer mein basses Gesicht an. Es stottert. „Ähm, na, ähm, hier, ähm, lieber …“

Und dann: „… lieber naturtrüb.“

„Okay.“ Sie verschwindet.

„Da gibt’s keine zwei Meinungen“

Bereue ich meine Entscheidung? Möchte ich ihr hinterher rufen? Möchte ich das korrigieren?

Nein. Ich habe mich von meinem Nationalstolz leiten lassen. Naturtrübe Apfelschorle – das ist das patriotische Symbol für Baden-Württemberg. Der Konsens-Drink steht sowohl für Naturnähe, traditionelle Produktionsweisen und das Markenkleid der Biobewegung, als auch irgendwie für konservativ, ländlich und unaufgeregt.

Die Farbe ist mit etwas Fantasie grünlich, aber nicht grüner als die „grüne Fee“ Absinth und keineswegs grüner als die Realpolitik erlaubt. Das Opake steht für die direkte Demokratie: eine Suppe aus Einzelmeinungen und demokratischen Schwebstoffen, die es unmöglich macht, vorherzusehen, wie die Bevölkerung bei einer Volksabstimmung wählen wird.

Spätestens seit einem Auftritt des grünen Ministerpräsidenten und seines Stellvertreters mit naturtrüber Apfelschorle steht das Nationalgetränk für unser Land wie kein zweites: schön, bodenständig und undurchschaubar.

„Da gibt’s keine zwei Meinungen.“


Auch noch:

Advertisements

3 Kommentare

Eingeordnet unter 03 Martins Meinung (MI), 06 Martin Josts Kulturkonsum, 08 Drahtbildberichterstattung, Badewürrdeberg, Durchfuttern, Martin schnabuliert, Was geht in Freiburg?, Wie Freiburg bist du?

3 Antworten zu “Nationalgetränk

  1. Reblogged this on Orangenfalter and commented:

    Der andere Martin hat ein starkes Symbol für Baden-Württemberg identifiziert: naturtrübe Apfelschorle. Was kann uns das Getränk über unser Land verraten?

  2. Pingback: Zu viel Auswahl « Martinstor

  3. Pingback: Wir werden heiraten | martinJost.eu

Sag, was du denkst!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s