Kleines Haus, leeres Haus

„Ich arbeite.“ –
„Was arbeitest du?“ –
„Ich denke.“ –
(Gelächter vom Band)

Ich habe «Verbrechen und Strafe» ★★★✩✩ gekuckt. Ich und ein paar andere Leute.

Ständig sind Zuschauer gegangen. Besonders in der Pause (die Vorstellung dauert samt Pause zweidreiviertel Stunden). Das verstehe, wer will. Die Leute haben doch Geld bezahlt? Ich ja nicht, ich habe die Karten gewonnen. Aber selbst mir war es das Schauspiel wert, sitzen zu bleiben. Wohlgemerkt das Schauspiel. Das Stück fand ich so mittelgeil.

„Wollen wir in der Pause gehen?“ —
Ich will noch wissen, wer der Mörder war.

Was Theater treibt, Epik auf die Bühne zu bringen ohne einen starken Autor zwischenzuschalten, weiß ich nicht. Vielleicht ist es irgendwie günstig.

Zwei Strategien versucht die Inszenierung und kommt sich dabei manchmal in die Quere: Reduzierte, schlaglichtartige Schlüsselszenen, wie Bleistiftskizzen – Gleichzeitigkeit von Ereignissen, Hintergründe zum Geschehen, symbolisches Spiel im Nebenfeld während eines Dialogs in der Mitte der Bühne.

Wenn ich junge Schauspieler sehe, stimmt mich das immer trübsinnig. Sie müssen mehr von sich nach außen kehren, als einer mittelmäßigen Inszenierung angemessen ist, dazu fremdbestimmt, und für fast kein Geld.

Handlung (Krimi), Raskolnikows Philosophie (es gebe Menschen, die sich durch ihre Überlegenheit über das Leben anderer Menschen aufschwingen dürften) und Treue zum Duktus von Swetlana Geiers Übersetzung stehlen einander auch den Atem.

Einen Vorhang gibt es nicht. Dafür viel Haut. Die Schauspieler sind immer präsent, und wenn sie in der Stuhlreihe vor der ersten Zuschauerreihe sitzen und sich umziehen. Und wie präsent. Spielen immer mit, bleiben in ihrer Rolle authentisch, auch im Off, ohne sich gegenseitig die Show zu stehlen.

Sieht man im ersten Aufzug eine Disco-Ampel, muss spätestens im dritten Aufzug auch die Disco-Ampel blinken. (Tschechow)

Boden und Wände sind mit schwarzer Folie ausgelegt. Auch noch im Spiel: Wassereimer, Lautsprecher, Disco-Ampel, ein Spot und eine Nebelkanone. Etwaige Kulissen und Räume malen die Schauspieler mit weißen Markern selbst, ganz bisschen wie in «Dogville».

Eine Bühne, die so kahl bleibt, wie sie kann (dabei sind wir doch nicht im Schultheater); Schauspieler, die sich vor Publikum umziehen müssen und auch Licht und Nebel selber machen; und das Spiel mit Zeiten, Reflexionen, Orten verbunden ausgerechnet mit dem Verzicht auf Mittel der Grenzziehung (Vorhänge? Abgänge? Eine Rolle je Schauspieler?) – finde nur ich das anstrengend? In diesem Sinne fand ich «Verbrechen und Strafe» unentschieden und bemüht. Nicht aufregend, aber auch nicht abtörnend. Die Schauspieler zu sehen, das ist es wert.


Verbrechen und Strafe

Schauspiel nach dem Roman von Fjodor Dostojewski

Regie Thomas Krupa • Mitarbeit Raum Nina Hofmann • Kostüme Sabina Moncys • Licht & Raum Markus Bönzli • Dramaturgie Viola Hasselberg • Raskolnikow Andreas Helgi Schmid • Mutter Raskolnikows/Katerina Marmeladowa Stephanie Schönfeld • Dunja/Nastassja/Deutsche Vermieterin Jennifer Lorenz • Rasumichin Gabriel von Berlepsch • Marmeladow/Swidrigajlow André Benndorff • Sonja Charlotte Müller • Porfirij Matthias Breitenbach • Luschin Daniel Wahl • Samjotow/Lebesjatnikow/Mikolka Hendrik Heutmann • Sängerin Anna Shiryaeva


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5 Kommentare

Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, 08 Drahtbildberichterstattung, Martin kuckt, Was geht in Freiburg?

5 Antworten zu “Kleines Haus, leeres Haus

  1. MKB

    Daniel Wahl ist mein Nachtbar, wie spielt er so? Unsere Toechter spielen ab und zu zusammen. Da spielt Daniel oft ganz gut mit.

  2. Pingback: Es sind doch bloß Sterne | martinJost.eu

  3. Pingback: Es ist voller Sterne « Martinstor

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