Ich war in der Mensa

Die ihr hier eintretet,
lasset allen Hunger fahren.
Durch mich gelangt man
zu der Stadt des Komas
das da unmöglich macht
des Hirns Durchblutung
bis Feierabend,
mindestens jedoch bis acht.

.

12 07 19 Mensa

Ich war heute in der Mensa.

Ich war drei Tage in Folge in der Mensa. Das ist vielleicht mehr, als eine Seele vertragen kann.

Ich habe einen Mann an seinem Mensatisch schlafen sehen.

Ich habe einen anderen Mann dreimal Nachschlag holen sehen. Einmal Spirelli mit Tomatensoße, einmal nur Nudeln ohne Tomatensoße, einmal Tomatensoße für die übrigen Nudeln und noch ein paar Nudeln zur zusätzlichen Soße.

Ich habe einen Mann gesehen, der einen sehr durchgesessenen Hosenboden hat. Im Sinne von: Große breite Risse unter seinen Pobacken, die mit jedem Schritt klafften und die Unterseiten seiner weißen hageren Schenkel preisgaben. Ich möchte dazu sagen, dass dieser Mann nicht geistesabwesend oder ungepflegt wirkte. Ich beobachte schon seit Jahren, wie er in der Mensa isst. Er war noch nie ungekämmt oder unrasiert. Er trug noch nie keinen Gürtel. Er hatte noch nie Flecken auf seinen hellen Sachen. Er hatte noch nie nicht sein Hemd in seine Hose gesteckt. Ich habe drei Tage in Folge durch die Löcher in seinem Hosenboden gesehen.

Ich habe einen Typ zu einer Gruppe Mädels sagen hören: „Mein Magen ist eigentlich Italiener“, und dass, seit er Vegetarier sei (der Typ; aber wenn man es bedenkt, eigentlich auch der Magen), die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und seinem Magen zunähmen.

Ich habe Menschen hilflos gesehen, weil die Tablettrückführförderbänder stagnierten. In den Augen einiger Tablettträger spiegelte sich Angst. Große, existentielle Angst, dass sie keine Zeit für ihren Kaffee nach dem Essen haben würden. Dass sie sich zu ihrem Termin nach dem Essen verspäten würden. Dass sie nicht mehr nach draußen könnten, sondern auf immer mit dem Tablett in der Hand in der Mensa stehen bleiben müssten. Dass ihr Leben hier enden würde. Nicht mit dem Tod, sondern mit Geschirr auf dem Arm, dessen sie sich nicht entledigen konnten, obwohl es ihre Pflicht war.*

Arbeitgeber, die lebensfähige Akademiker einstellen wollen, sollten wirklich zuerst in die Mensa sehen.

☛ Den Speiseplan der Freiburger Mensen gibt es unter studentenwerk.uni-freiburg.de

Der Kartoffel-Gemüse-Auflauf war nicht zu verachten. Mit so viel Käse überbacken, dass man den Käse schmeckte. Und hier und da al dente Champignons versteckt. Die Kräutersoße war für den milden Auflauf zu aromatisch.

Die Crème Caramel war zu glitschig, aber der Schokoladenpudding war lecker. Sehr mächtig, nicht besonders süß. Mehr so wie Bitterschokoladeneis.


*(Nachtrag: Die Tablettrückführförderbänder liefen nach einer Weile von alleine wieder an. Alles wurde wieder gut.)


Update 19. Juli 2012, 22:40 Uhr: Ich habe einen Tippfehler korrigiert. Wenn du den Fehler, dessentwegen ich mit dem Ende einer Freundschaft bedroht wurde, in der alten Version des Artikels findest und bis zum 31. Juli 2012 im Kommentarbereich postest, gewinnst du einen Kaffee in Freiburg, Offenburg, Lahr oder Kehl. (Weitere Teilnahmebedingungen analog.)


Auch noch:

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Blog-Exklusiv, Durchfuttern, Kuriosa, Martin schnabuliert, Was geht in Freiburg?

4 Antworten zu “Ich war in der Mensa

  1. Janosch

    Mann Nummer 3 habe ich heute auch gesehen. Nach der Beschreibung hätte ich mir zwar denken könne, dass es ER war, aber ich war dann doch verwundert. Und es würde mich nicht wundern, wenn er der gleiche wie Mann Nummer 2 ist, da ich mich regelmäßig wundere, wie viel der verspeist! Sympathisch ist, dass er auch oft bei Philadelphia-Konzerten am Bert war.

  2. Pingback: Wir werden heiraten | martinJost.eu

  3. Pingback: Eine warme Mahlzeit | martinJost.eu

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