Wir sind Nobelpreis

Martins Dankesrede

Das norwegische Nobelpreiskomitee hat heute bekannt gegeben, dass der Friedensnobelpreis 2012 an die Europäische Union verliehen wird. Ich bin Bürger und überzeugter Souverän dieser Union und zähle mich daher zur überschaubaren Gruppe der Preisträger.

Ich bin durch die Zuerkennung dieses Preises geehrt und bewegt. Anstelle einer Dankesrede möchte ich hier meinen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer dokumentieren – im Wortlaut. Er ist als Bestandsaufnahme der Friedensbemühungen meines jungen Selbst zu sehen, das gezwungen ist, eine einseitige Gewichtung und Selbstdarstellung vorzunehmen um keinen Zweifel an seinem Gutmenschentum aufkommen zu lassen.

Ich glaube, Frieden ist eine Möglichkeit, die durch eine Haltung entsteht. Teil dieser Haltung ist Kommunikation, Gelassenheit und der Verzicht auf Unterstellungen.

Ah, ich höre die Musik. Ich komme zum Schluss. Ich danke meiner Familie.

Weimar, 12. Juni 2003

Martin Jost
██████████
██████████
Personenkennziffer: ██████████

Kreiswehrersatzamt Erfurt
Postfach 101751
99017 Erfurt

Antrag auf Wehrdienstverweigerung

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich beantrage hiermit die Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer.

Ich beziehe mich auf Artikel 4 Abs. 3 des Grundgesetzes, wenn ich erkläre, dass mein Gewissen es mir verbietet, den Kriegsdienst mit der Waffe auszuüben.

Durch meine Eltern wurde mir eine Erziehung zuteil, deren Bestandteil eine gewaltfreie Behebung von Auseinandersetzungen war. Sämtliche Meinungsverschiedenheiten zwischen meinen Geschwistern und mir oder sonst innerhalb der Familie wurden ausführlich besprochen. Ich war von klein auf gewohnt, jedes Problem zu diskutieren, bevor eine Entscheidung getroffen wird und ich habe in meiner gesamten Erinnerung weder im Kindergarten noch in der Schule je dazu geneigt, mich in Raufereien verwickeln zu lassen. Im Gegenteil habe ich Freunde, die manchmal in heftige Auseinandersetzungen mit Schulkameraden verwickelt wurden, davon abgehalten, sich provozieren zu lassen. Ich wollte nicht Zeuge einer Prügelei werden und schon gar nicht eingreifen müssen, um die Streitenden zu trennen. Deshalb redete ich meinen Freunden zu, die anderen zu ignorieren und sich nicht aufstacheln zu lassen.

Krieg wurde zu Hause in erster Linie mit dem Wort „schlimm“ assoziiert. Über die Geschichte besonders der beiden Weltkriege lernte ich, dass viele unschuldige Zivilisten darin gestorben waren und dass ganz normale Menschen, deren Leben ich mir wie mein eigenes vorzustellen hatte, bedroht gewesen waren und getötet wurden.

Solange ich noch ein Kind war, mussten mir die Zusammenhänge einfach und anschaulich erklärt werden. Als Beispiel zeigten mir meine Eltern bei vielen Spaziergängen im Park an der Ilm den Eingang zur Parkhöhle, die als Luftschutzraum bei Bombenangriffen diente. Die Vorstellung, mich vor Flugzeugen in so einem engen, dunklen Keller verstecken zu müssen und vielleicht verschüttet zu werden, machte mir damals Angst.

Als ich auf die Welt kam, hatte ich keine Großeltern mehr außer einer Oma mütterlicherseits, die von Not und Entbehrung nach dem Zweiten Weltkrieg zu berichten wusste. Der Vater meiner Mutter hatte in den Krieg ziehen müssen und das Glück gehabt, zu überleben. Mein Großvater väterlicherseits dagegen war im Zweiten Weltkrieg gefallen.

Ich schließe, dass ich aus meiner stark prägenden frühen Kindheit nichts anderes an Assoziationen zum Krieg beziehe als Abneigung und Angst. Für mich blieb die Situation der Opfer immer im Blickfeld und folglich konnte ich mich trotz meines allgemeinen Faibles für Literatur und Filme nie für Geschichten begeistern, die Kriegsheldentum zeigten und unkritisch das Wort Kämpfen mit dem Idiom Ehrenhaftigkeit in Zusammenhang brachten. Aber auch die früh erlernte Fähigkeit, Konflikte verbal zu lösen, entwickelte sich von der anerzogenen Gewohnheit zur vielfach reflektierten Überzeugung und ist dank der frühen Aneignung ein festes Muster meines Charakters.

Was meine sonstige Verwandtschaft angeht, so hatte ich im Falle des Bruders meiner Großtante Gelegenheit, mir aus erster Hand Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg berichten zu lassen. Anlass war eine Befragung, die wir für die Schule im Rahmen der Besprechung von Dieter Nolls Roman «Die Abenteuer des Werner Holt» durchführten. Mein Eindruck von der literarischen widerlichen Beschreibung von Kriegsalltag wurde verstärkt durch die Schilderung meines Zeitzeugen, wie er quer durch Europa immer wieder an eine neue Front geschickt wurde und sich nie sicher sein konnte, in was für eine große Lebensgefahr er sich damit begab oder ob der Krieg rechtzeitig enden würde, solange er verschont blieb. Das Leben eines Soldaten im Krieg wird in meinen Augen ungerechtfertigt von Befehlshabern aufs Spiel gesetzt. Seine Teilnahme am Kampf obliegt nicht seiner freien Entscheidung und diese Verletzung seines Persönlichkeitsrechtes lässt ihn mich solange zu den Opfern des Krieges zählen, bis er selbst den ersten Schuss abfeuert.

Die Schulbildung, die man heute in Deutschland erhält, ist eine humanistische. Geistige Strömungen der Vergangenheit, die friedliches Zusammenleben und Selbstbestimmung des Menschen postulierten, wie Renaissance, Aufklärung und Klassik, standen während meiner Zeit auf dem Gymnasium im Mittelpunkt der Betrachtung von Kunst und Historie. Der Geschichtsunterricht war für mich eine Verurteilung des Krieges und der Epochen, in denen Menschen unterdrückt wurden. Zur Zeit bereite ich mich auf die Abiturprüfung in Geschichte vor und der Nationalsozialismus ist nicht nur die Phase der deutschen Geschichte, aus der es für die heutige Generation am meisten zu lernen gibt, sondern war auch wegen Weimars Nähe zu Buchenwald und besonderer Verantwortung für die Bewahrung der Erinnerung zentrales Thema im Unterricht an meiner Schule. Mit der Gedenkstätte Buchenwald habe ich mich auch als Mitglied einer Gruppe Jugendlicher in Eigeninitiative beschäftigt. Und wie meinem Lebenslauf zu entnehmen ist, war ich auch Teilnehmer an einem Jugendprojekt im ehemaligen Ghetto Theresienstadt. Diese Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus sind in meinen Augen die Orte, wo so vielfaches menschliches Leid besonders erfahrbar wird und wo sich mir immer die Frage stellt, was irgendeinen Menschen dazu bewegen kann, einen anderen zu töten oder auch noch zu quälen. Selbst, wenn es nicht in solchen Folterkammern geschieht, wie kein anderes Regime als die Nazis sie je eingesetzt hat, sondern im „kleinen“ Maßstab, Mann gegen Mann, auf dem Feld.

Ebenfalls nicht oberflächlich habe ich mich mit den Schulthemen aus dem Fach Ethik beschäftigt. Die Philosophie befasst sich schon seit ewigen Zeiten mit der Möglichkeit des friedlichen Zusammenlebens. Bereits im antiken Griechenland predigte die Stoa unter anderem die Enthaltung von jeder Gewalt. Weil die Idee des Pazifismus so alt ist, überrascht es mich persönlich, dass die Welt noch immer von so vielen Zwisten zerteilt wird, die deshalb so unüberwindbar geraten, weil die Gegner bereit sind über Leichen zu gehen und alle Gewalt zu vergelten. Ich bewerte jedes andere Menschenleben höher als religiöse Überzeugung oder politische Standpunkte oder territoriale Integrität einer Nation. Mir ist klar, dass sich einer, der sich nicht verteidigt, in Gefahr begibt. Ich denke aber, dass das Zeichen, das ein Mensch setzt, der die Waffen streckt, lange nachwirkt und letztendlich viele Tode verhindert. Obwohl ich keine Neigung zu religiösem Glauben besitze, beeindruckte mich auch sehr die Philosophie des Buddhismus, als wir sie in Ethik behandelten. Die von ihm gepredigte unbedingte Ehrfurcht vor jedem Leben hat bewirkt, dass im Namen des Buddhismus im Gegensatz zu vielen anderen Religionen keine Kriege geführt wurden und dass seine Angehörigen untereinander wesentlich weiser und respektvoller handeln als Menschen in sehr vielen anderen Gesellschaften.

Ich habe auch schon die Erfahrung gemacht, Angst um nahe Angehörige zu haben; meine Schwester lebt mit ihrer Familie in Washington, D. C. und meine Mutter befand sich am Tag der Terror-Anschläge auf das Pentagon und das World Trade Center dort zu Besuch. Es dauerte einige Zeit, bis ich mir ihrer Sicherheit wieder gewiss war. Ich ließ mir oft durch den Kopf gehen, wie ich mich fühlen würde, wenn ihnen etwas geschehen wäre und kam zu dem Schluss, dass ich mir auf keinen Fall gewaltsame Genugtuung wünschen würde. Noch größere Angst hatte ich sowieso vor den Ankündigungen des amerikanischen Präsidenten, gnadenlos Jagd auf Terroristen zu machen. Der US-Krieg in Afghanistan war letztendlich ein kleineres Übel, als ich befürchtet hatte. Aber indem ich die Entwicklungen intensiv verfolgte und viel über das Leid von unschuldigen Opfern erfuhr, kam ich hier zu dem Schluss, dass die Anschläge in Washington, D. C. und New York City ein derart hartes militärisches Vorgehen nicht gerechtfertigt hätten. Ich möchte kein Kämpfer sein, der Menschen in Sorge um ihr Leben oder das ihrer Angehörigen versetzt, wie ich sie am 11. September 2001 empfand. Ich möchte kein Soldat sein. Und wenn ich ein Opfer wäre, würde ich nicht wollen, dass im Namen der Vergeltung für mich noch mehr Gräber gegraben werden.

Die politische Bewegung, die den noch in seinen Nachwehen liegenden Irak-Krieg voran trieb, erfüllte mich erneut mit Abneigung. Die undemokratische Weise, auf die die Regierung der größten Weltmacht jenen Angriff durchsetzte, ohne sich Gedanken zu machen um die Schicksale der einzelnen Soldaten, die sie willkürlich in Lebensgefahr brachte, ließ mich hoffen, nie in einen solchen Krieg ziehen zu müssen.

Die Vorstellung, auf einen Menschen eine Waffe abzufeuern, ist mir unmöglich. Sogar Selbstverteidigung geht für mich nicht so weit, dass ich mich der potentiellen Gefahr aussetzen würde, einen anderen Menschen zu töten. Die Gewissensbisse, die ich danach hätte, wären mir wahrscheinlich unerträglich. Ich möchte kein Leben nehmen, weil ich nicht das Recht habe, über irgendein Leben außer meinem zu verfügen.

Ich möchte den Kriegsdienst verweigern und stattdessen Zivildienst leisten. Ich bemühe mich derzeit mit guten Erfolgsaussichten um eine Stelle als Rettungssanitäter, die ich schon am 1. September antreten könnte. Mich reizt die Vorstellung, etwas fürs Leben zu lernen, Verantwortung zu übernehmen und einen Beitrag zu leisten um das Leben von Menschen zu retten, die in ernster Gefahr sind. Den Zivildienst als Rettungssanitäter halte ich für eine Möglichkeit, mit praktischer Tat dem Weg meines Gewissens zu folgen und meine eigene Persönlichkeit besser kennen zu lernen und zu entfalten. Sicher würden mir die zehn Monate auch wichtige Impulse für meine noch nicht ganz sichere berufliche Zukunft vermitteln.

Die Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer ist für die Komplettierung meiner Bewerbung für die Zivildienststelle wichtig.

Auf Ihre baldige Bearbeitung meines Antrages und meine Anerkennung als Wehrdienstverweigerer hoffend verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,

Martin Jost

Anlagen
Tabellarischer Lebenslauf (2 Seiten)
Führungszeugnis

Auch noch:

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Wir sind Nobelpreis

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