Kurze Interviews mit ätzenden Leuten


(1) – Die Frau, die in
Bibliotheksbücher schmiert

Buchseite mit Unterstreichungen
.
Erinnern Sie sich an das letzte Buch, das Sie ausgeliehen hatten?

Das war, glaube ich, eine Sammlung mit Aufsätzen, die ich dann nicht für meine Arbeit gebrauchen konnte.

Haben Sie etwas darin markiert?

Da muss ich überlegen. Ich glaube, es gab einen Artikel, in dem habe ich ein Stückweit gelesen, aber er hielt nicht, was der Titel versprach. Am Anfang habe ich wohl ein paar Sätze unterstrichen, wie ich es immer mache beim Lesen.

Hilft Ihnen das?

Ja, ich strukturiere den Text für mich beim Lesen, indem ich wichtige Stellen markiere. Oder mir Fragen an den Rand schreibe. Ich unterstreiche zum Beispiel Kernaussagen, die auch Zwischenüberschriften sein könnten. So orientiere ich mich im Text und sehe leicht, welche Passagen wichtig sind und wie lange der Autor braucht, um eine Aussage auf den Punkt zu bringen.

Denken Sie an die Leser, die nach Ihnen mit dem Buch arbeiten, wenn Sie darin herum malen?

Naja. Ich unterstreiche inzwischen nur noch mit Bleistift. Und nur ganz schwach. Oder mit gelbem Marker, weil man den nach dem Kopieren nicht mehr sieht.

Sie nehmen aber in Kauf, dass nach Ihnen jemand das Buch ausleiht und darin all Ihre Unterstreichungen findet?

Ja. Warum sollte das jemanden stören? Ist doch noch lesbar.

Vielleicht stört es jemanden beim Lesen.

Das kann ich mir nicht vorstellen.

Sie können sich nicht vorstellen, dass der nächste Leser nach Ihnen sich von den Anmerkungen am Rand ablenken lässt? Oder die unterstrichenen Stellen im Kopf mit einer willkürlichen Betonung liest und dadurch vielleicht völlig der Sinn eines Satzes an ihm vorbei geht und er muss den Satz noch mal lesen?

Also … ich unterstreiche ja nur die wichtigen Passagen.

Vielleicht sind für einen anderen ja andere Passagen wichtig.

Das ist doch seine Sache. Mich würde es nicht stören.

Haben Sie schon einmal ein Buch ausgeliehen und es waren schon Markierungen darin?

Ja.

Und hat Sie das gestört?

Naja, am Anfang konnte ich nicht gleich erkennen, welches meine Markierungen sind und welche die des anderen Benutzers. Aber wenn er zum Beispiel mit Bleistift markiert hat, kann ich ja meinen gelben Marker nehmen. Und umgekehrt.

Gibt es für Sie eine Grenze?

Mit Kuli würde ich nicht in ein geliehenes Buch schreiben.

Weil es dann nicht wieder raus geht?

Ja.

Aber dass Sie Bleistift benutzen, macht keinen Unterschied, wenn Sie es nicht vor Rückgabe wieder raus radieren.

Ich gebe das Buch meistens erst im letzten Moment ab oder wenn ich es schon überzogen habe. Da komme ich nicht mehr zum Radieren. Aber wenn es jemanden so sehr stört, kann er ja die Seiten, die er braucht, radieren.

Warum ist Ihre Grenze nicht niedriger? Spielt es für Sie eine Rolle, dass ein geliehenes Buch allen gehört und möglichst geschont werden sollte?

Naja. Es hat ja keine Konsequenzen, wenn ich etwas darein schreibe.

Es sollen schon Entleiher zu Unrecht beschuldigt worden sein, in ein Buch gemalt zu haben, und mussten es ersetzen.

Ich glaube nicht, dass das oft passiert. Und wenn, ist das Recht ja auf ihrer Seite. Sie müssen das Buch nicht ersetzen, wenn man ihnen nicht nachweisen kann, dass sie es beschädigt haben.

Haben Sie schon mal eigene Schmierereien geleugnet und sind um das Ersetzen herum gekommen?

Ja. Denn heute bringe ich das nötige Selbstbewusstsein mit. In der Schule hat mich die Sekretärin mal am letzten Schultag gezwungen, alle Bleistiftstriche aus einem geliehenen Lehrbuch zu radieren. Meine Fingerkuppen waren wund und ich hatte die Radiergummiröllerchen überall und ich stank nach Kautschuk und meine Hände krampften und immer blieb der Gummi haften und das Papier zerknickte. Ich konnte erst zwei Stunden nach Schulschluss gehen. Da habe ich geschworen, dass mir das nie wieder passiert. Heute bin ich stärker.

Was lesen Sie gerade?

Einen juristischen Kommentar.

Viel Glück für Ihre Abschlussarbeit!

Danke.


Inter-Akt:


Auch noch:

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