Einsatzkräfte in Titisee-Neustadt

„Entscheidend ist,
wie die Helfer das Unglück erleben“ –
Fragen an Michael Steil

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Zur Person: Michael Steil hat langjährige Einsatzerfahrung im Rettungsdienst und in der Freiwilligen Feuerwehr. Er ist Bundeskoordinator für Psychosoziale Notfallversorgung des Deutschen Roten Kreuzes, Leiter PSNV für Freiburg und den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, sowie seit vielen Jahren organisationsübergreifend für die Koordination der Einsatzkräftenachsorge in Feuerwehren und Rettungsdiensten zuständig. Er ist Diplom-Theologe, Caritaswissenschaftler, Mediator und Systemischer Berater. Im Juli 2009 gründete er in Freiburg das Netzwerk PSNV.

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Herr Steil, wie geht es den Betroffenen des Unglücks in Neustadt jetzt schlimmstenfalls?

Wer den Brand miterleben musste oder aber jemanden an das Feuer verloren hat – Freunde, Familienmitglieder oder Kollegen – wurde gestern aus der Bahn seines Lebens gerissen. Die Betroffenen der Opfer fühlen sich oftmals völlig macht- und hilflos. Das kann große Angst vor der Zukunft erzeugen und Vertrauen in die Welt zerstören. Außerdem macht es vielleicht wütend und traurig. Und es kann sein, dass sich das Ereignis für Betroffene noch lange nicht begreifen oder fassen lässt.

Zu den Betroffenen im weiteren Sinne gehören auch die rund 300 Einsatzkräfte, die vor Ort waren. Sind die durch ihre Außenperspektive geschützt oder können auch sie unter den Geschehnissen leiden?

Grundsätzlich sind die Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst und Notfallnachsorge auch gefährdet. Bei Einsätzen, die außerhalb der Norm liegen – für einen Rettungsdienstler ist ein Herzinfarkt oder Auffahrunfall beruflich gesehen die „Norm“, aber ein Großschadensereignis wie gestern in Neustadt eine absolute Ausnahme – ist die Gefährdung nochmals größer als im Berufsalltag.

Ob jetzt der konkrete Einsatz den einzelnen Helfer belastet, hängt vor allem davon ab, wie er ihn erlebt hat. War er sich seiner Sache sicher? Hat er die ganze Zeit zu tun gehabt, ohne überfordert zu sein? Fühlte er sich der Aufgabe gewachsen? Das Gefühl von Hilflosigkeit oder das Gefühl, sein eigenes Wirken nicht mehr in der Hand zu haben, sind die größte Gefahr.

Theoretisch kann der Einsatz für einen Feuerwehrmann, der „nur“ absichert, sich aber als überhaupt nicht selbstwirksam erlebt, viel schlimmer verlaufen als für seinen Kameraden, der mit Atemschutz immer wieder in das brennende Haus läuft und Verletzte rettet, aber gut ausgebildet, gut ausgelastet und zuversichtlich ist, etwas bewirken zu können.

Was passiert mit einem Helfer, der sich sehr schwer mit dem Erlebten trägt?

Unmittelbar nach dem Einsatz hat er sich vielleicht wie betäubt gefühlt. Das Chaos im Kopf lässt die Realität wie einen Film erscheinen, fremd und nicht aus dieser Welt. Dazu können körperliche Reaktionen kommen wie Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit und Übererregung. Die Betroffenen würden sagen, dass sie einfach nicht abschalten oder sich in ihren normalen Erholungsphasen herunterfahren können.

In den folgenden Tagen drängen sich vielleicht Bilder und Gerüche vom Ereignis ungewollt auf, sowohl im Wachen als auch in Alpträumen. Schlafstörungen, Übererregung, Kopfschmerzen und die anderen körperlichen Symptome können lange anhalten.

Sollen Angehörige von Helfern, die bei ihnen eine Belastung spüren, sie darauf ansprechen?

Freunde und Familie sollen gern ansprechen, wenn sie Belastungsreaktionen bei jemandem bemerken, den sie kennen. Aber dann auf keinen Fall nachbohren, sondern ganz einfach signalisieren: Ich bin da, wenn du mich brauchst; du musst dir nichts verkneifen und ich kann mit deinen starken Gefühlen umgehen; und wenn du erzählen willst, höre ich einfach nur zu.

Was können die Helfer selbst für sich tun?

Eine gute Strategie ist das Zusammenspiel von Ablenkung und Verarbeitung. Die beiden sind sozusagen Ruder an einem Boot: Wenn sich der Helfer nur ablenkt und das Erlebte verdrängt, dann rudert er im Kreis; wenn er sich wie besessen nur noch mit dem Ereignis auseinander setzt, genauso. Er sollte beide Ruder gleichmäßig betätigen.

Zur Ablenkung gehören Sport oder Spazierengehen. Hobbys nachgehen, die sonst auch gut tun – aber in dieser Phase gern auch ein bisschen mehr als der Alltag sonst erlaubt. Eine Belastungsreaktion auszukurieren ist ein guter Grund, sich ein bisschen mehr frei zu nehmen oder Abstand zu halten von unliebsamen Dingen. Genauso ist es ein guter Grund, Freunde anzurufen und soziale Kontakte zu pflegen.

Verarbeitung ist nicht Abhaken und Vergessen, sondern das Geschehen sortieren und für sich einordnen. Was bedeutet das in meinem Leben? Was ist mir da eigentlich widerfahren? Hier kann jeder nach seinen Vorlieben gehen – ob er lieber mit Familie spricht oder mit Kollegen oder lieber alles für sich aufschreibt oder ein Bild malt.

Das Gespräch führte Martin Jost (m.jost@netzwerk-psnv.de).

Dieser Artikel erschien zuerst auf netzwerk-psnv.de.


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