Kleinkunsteskalation

Was kommt
als Nächstes?

Drei Scheichs in einer Pyramide

Die Straßenkunst in Freiburg wird immer krasser. Schwebte vor einem Jahr noch ein einzelner Yoda auf seinen Gehstock gestützt, hält inzwischen ein Scheich zwei seiner Kollegen in der Schwebe – scheinbar entgegen jeder Physik. Eine Infografik alarmiert jetzt die Freiburger: Allein bis Weihnachten muss sich die Zahl der Darsteller verdoppeln!

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Freiburg ist die Hauptstadt der Straßenkunst – so scheint es jedenfalls an einem beliebigen Sonnabend und an manchen Donnerstagen. Dann kann man nicht durch die Fußgängerzone flanieren ohne zwei erstklassige Combos und eine beschissene Restekapelle gleichzeitig spielen zu hören. Da stehen Menschentrauben um Jongleure und Straßenbahnen müssen sich mühsam durch die Innenstadt bimmeln als hätten sie sich in ein Theaterfoyer verirrt.

Der neue heiße Scheiß heißt „lebende Statuen“. Drei Franchises prägen im Wesentlichen dieses Genre: Silbern oder golden bemalte Pantomime auf einem Sockel, die für ihr täglich Brot Tussis erschrecken und selten in voller Montur kauend beim Burger King gesehen werden können; zweitens kleine Männer in Latzhosen, die als Blumenarrangement kostümiert sind und nach der Morgenzigarette in einen großen Blumenkübel steigen, von dem aus sie Wasser verspritzen; und schließlich stumme Scheichs, deren einer seine beiden Kollegen spielend auf Händen zu tragen scheint.

Fotobeweis vom 1. Mai 2012: Da war es nur einer.

Fotobeweis vom 1. Mai 2012: Da war es nur einer.

Letztere eskalieren zusehends. Wie das Fotoarchiv zeigt, wurde ein schwebender Yoda spätestens am 1. Mai 2012 erstmals in Freiburgs Innenstadt gesichtet. Eine Hand stützt er auf seinen Wanderstock. Seine Turnschuhe berühren nicht den Teppich. Vor ihm steht ein Blumentopf.

Freiburg, Juni 2013

Freiburg, Juni 2013

Offenbar als Opfer desselben Konjunkturdrucks, der auch Hollywood zu immer krasseren Blockbustern zwingt, hat die Firma Schwebemönch & Söhne keine Kosten und Mühen gescheut, um mit neuen spektulären Effekten mehr Geld in den Blumentopf zu spülen. Spätestens im Juni 2013 waren es dann schon zwei junge Darsteller im orientalischen Kostüm, deren einer auf dem Stock zu hocken schien, den der untere beiläufig mit einer Hand zu halten schien. Doch die Sensationslust des Publikums ist nicht so einfach zu stillen.

Spätestens Anfang September trat das lebende Kunstwerk mit insgesamt drei Darstellern auf. (Siehe Foto ganz oben.) Für die Formel „Mehr Personal, mehr krass, mehr Kohle“ scheint es kein oberes Extrem zu geben.

Wir haben in einer Infografik dargestellt, wie die Skulptur der „schwebenden Scheichs“ eskaliert:

Service-Infografik. (Leider wurde heute Morgen Adobe gehackt. Aus Sicherheitsgründen haben wir daher Microsoft Paint benutzt.)

Service-Infografik. (Leider wurde heute Morgen Adobe gehackt. Aus Sicherheitsgründen haben wir daher Microsoft Paint benutzt.)

Das Erschreckende ist (wie der geübte Infografikleser erkennt): Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass die lebende Skulptur „schwebende Scheichs“ sich nicht linear vergrößert, sondern exponentiell. Höchstens ein Quartal braucht die Kurve, um die Zahl der eingesetzten Darsteller zu verdoppeln. Für Freiburg bedeutet das, dass bereits im Dezember mit einer Pyramide aus sechs Darstellern gerechnet werden kann. Ende Februar 2014 dürften es dann zwölf sein.

Die Auswirkungen für Freiburgs Verwaltungsapparat könnten gewaltig sein. Aktuell braucht eine Veranstaltung mit drei Teilnehmern in der Innenstadt mindestens zweieinhalb Absagen vom Amt für öffentliche Ordnung, um rechtskräftig stattzufinden. Bei der Performance „Schwebender Scheich“ ist die Mindestzahl für eine Freiburger Großveranstaltung bald allein mit dem Bühnenpersonal erreicht. (Februar 2014: Zwölf. Dezember 2015: 3072.)

Eine weitere Hürde für die Vergrößerung des Ensembles ist das Bauamt. Die Frage, ab wie vielen Stockwerken eine bevölkerte Kunstinstallation in Freiburg einen Bauantrag stellen muss, wird die Produzenten noch beschäftigen. Nicht mehr lange, dann muss für den Scheich-Baum ein Fundament ausgehoben werden und spätestens dann ist eine Baugenehmigung vonnöten.

Aufgabaut wird die Skulptur jeden Morgen hinter einem roten Vorhang. Im Bild: Der Ingenieur des Projekts, offenbar ein Herr aus Italien.

Aufgebaut wird die Skulptur jeden Morgen hinter einem roten Vorhang. Im Bild: Der Executive Field Show Producer des Projekts, offenbar ein Herr aus Italien.

Es kann auch sein, dass die undurchsichtige Physik des Kunststücks mit gewissen Pflichten zur Offenlegung aller statischen Gutachten gegenüber dem Bauamt ins Gehege kommt. Freiheit der Kunst vs. Isaac Newton: Wird die Frage vor dem Bundesverfassungsgericht geklärt werden müssen? Spätestens ab 1000 Darstellern schließlich werden die Veranstalter sich Fragen nach Sanitätsdienst und sanitären Vorkehrungen für ihr Bühnenpersonal gefallen lassen müssen.

Und nach der Sicherheit. „Eine umstürzende Pyramide aus schwebenden Scheichs wäre eine Katastrophe“, sagt der Bausachverständige [hier noch passenden O-Ton-Geber einsetzen]. „Denn bei vier Etagen könnte sie die Rathausgasse bereits komplett verlegen. Ein Fußgängerstau mitten im Weihnachtsgeschäft – Freiburg könnte das nicht verkraften.“


Auch noch:

Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Kleinkunsteskalation

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