Halloween ist nicht die Pest

Martin (links) begeht Halloween.

Martin (links) begeht Halloween.

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Alle Jahre wieder: Kostümpartys, Kürbisschnitzen, im Kino lauter Horrorfilme und überall Antiamerikanismus. Überall? Nein, nicht bei fudder-Autor Martin. Für ihn kann es nicht genug Feiertage geben. Wann Halloween jetzt genau aus den USA auf uns kam, findet er dabei nebensächlich.
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Irgendwann im 19. Jahrhundert fingen die komischen Deutschen damit an, sich an Weihnachten Bäume in die Wohnung zu stellen. Wie das mit überheblichen Kulturimperialisten so ist, zwangen sie diesen Brauch nach und nach der ganzen Welt auf.

Heute ist neben Reformationstag auch Halloween. Während die einen sich ein Kürbissüppchen kochen, dem Gemüse eine Fratze schneiden und später am Abend vielleicht zum Horrorfilm-Abend oder zur Geisterbahnparty einladen, maulen die anderen vor sich hin: Blöder Kommerz, künstlicher amerikanischer Import und überhaupt alles doof.

Gedruckte Texte von Martin Jost

Dieser Artikel erschien zuerst am 28. Oktober 2011 auf fudder.de.


Halloween bescheuert zu finden kann euch natürlich niemand ausreden. Ich weiß, wie ihr euch fühlt, wenn ich an Fasching denke: Zwangsweise Ausgelassenheit gruselt mich noch mehr als das Spiel mit dem Schauer, wenn die dunkle Hälfte des Jahres da ist.

Aber wettern gegen den „neumodischen Kram“? Mit vorgeblich sachlichen Argumenten gegen amerikanischen Kulturimperialismus? Kommt schon! Jede Tradition hat irgendwo mal angefangen. Und viel jünger als Halloween ist zum Beispiel der Tag der Deutschen Einheit. Wieso wird dem nie vorgeworfen, ein Retortenfeiertag zu sein?

So neu ist das nicht

Irische Siedler brachten ihre alten Bräuche für den Vorabend von Allerheiligen (“All Hallows’ Eve” → “Halloween”) schon im 19. Jahrhundert in die USA. Zur gleichen Zeit, als die komischen Deutschen mit ihren Nadelbäumen im Wohnzimmer anfingen.

Zugegeben: das Halloween, das seit einigen Jahren über den großen Teich zu uns schwappt, ist durch den Säkularisierungsfilter gegangen. Persönlich stören mich diese Trends überhaupt nicht: Mehr weltliche Feiertage und überhaupt mehr Bräuche, die das Jahr ordnen. Mir fehlt noch Thanksgiving zu meinem Glück: die große Generalprobe für Weihnachten, auf der die Familie sich schon mal müde streiten kann.

Und kommerziell? Welcher Tag im Jahr ist das nicht! Immer wollen sie, dass wir für Essen und Trinken bezahlen. Mit einem Kürbis und den paar Bonbons, die einem die Klingelkinder aus den Rippen leiern, kommt man ja wohl billiger als an irgend einem Weihnachten. Sein Essen aus frischem Gemüse vom Markt zu kochen soll ja auch irgendwie gut sein. Und dank “Trick or Treat” lernt man wenigstens mal die Nachbarn ein bisschen kennen.

Natürlich bin ich voreingenommen. Persönlich glaube ich, wir könnten noch ein gutes Stück mehr amerikanischen Kulturimperialismus vertragen. Das misst sich schon an der Qualität von Büchern und Filmen. Aber selbst wer nicht meiner Meinung ist: Eine dicke, safrangelbe Kürbissuppe und ein Klassiker von John Carpenter sollten euch mit Allerheiligenabend versöhnen.


Und wo wir schon dabei sind:

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Eingeordnet unter 03 Martins Meinung (MI), 05 Wochenende (FR), 06 Martin Josts Kulturkonsum, 08 Drahtbildberichterstattung, 14 Fudder, Kulturgeschichte der Neunziger, Welt

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