Andere Kunden, die Ihre Frage hatten, haben sich auch mit dieser Antwort zufrieden gegeben:

Den rhetorischen Kniff, frech an einer Frage vorbei zu antworten, kennen wir heute vor allem von Kundenhotlines, seien sie nun fernmündlich oder per elektronischer Post erreichbar. Diese respektlose Kulturtechnik geht aber schon auf die Antike zurück, wo Orakel in etwa die Bedeutung von heutigen Kundenhotlines hatten.

Die Lakedæmonier im antiken Griechenland ließen ihren Staat traditionell von einem König regieren. Die Betonung liegt auf „einem“. König wurde in der Regel der Erstgeborene des alten Königs. So weit, so herkömmlich.

König Aristodemos führte während seiner Amtszeit die Lakedæmonier zu dem Land, auf dem sie ihren Staat Sparta gründeten. Dort angekommen, wurde Argeia, die Frau des Königs, schwanger. Und alle so: Yeah, neuer König unterwegs.

Argeia brachte gesunde männliche Zwillinge zur Welt. Aristodemos durfte die Racker noch gerührt im Arm halten, bevor er starb. Und alle so: Hey, Argeia, cool, dass du den neuen König geboren hast. Wer von den beiden ist denn der Glückliche? Und Argeia: Keine Ahnung, Babys sehen für mich alle irgendwie gleich aus.

Und die Spartaner so: Aber du bist doch ihre Mutter, du musst doch wissen, welcher von den beiden zuerst raus gekommen ist!

Und Argeia: Nee, hab nicht aufgepasst, sorry.

Überall Fragezeichen über den Köpfen.

Was macht man im alten Griechenland, wenn man eine Frage hat, die kein Sterblicher beantworten kann? Man zieht eine Nummer beim Orakel. Im Orakel arbeitet eine junge Frau, die völlig zugedrogt wird, worauf die Götter durch sie sprechen. In Delphi heißt die jeweils diensthabende Stimme der Götter Pythia und diese Pythia fragen die Spartaner, welchen der beiden eineiigen Söhne des Aristodemos sie zum König machen dürfen.

Der genaue Wortlaut der Anfrage ist nicht überliefert. Die originale E-Mail ist nicht erhalten. Aber es handelt sich wohl um einen klassischen Fall von „42“. Wenn man Leute auflaufen lassen will, kann man ihnen ja immer sagen, dass die Antwort schon korrekt sei und nur ihre unterbelichtete Frage nicht dazu passe.

Die Spartaner hätten zum Beispiel gut daran getan, bei der Gegenwartsform zu bleiben und zu fragen: Wer von den beiden ist denn der Erstgeborene? Stattdessen dürfen wir unterstellen, dass sie es verbockt haben und gefragt: Wen sollen wir jetzt zum König machen?

Pythia sitzt also über ihrer Felsspalte und inhaliert vulkanische Dämpfe und sagt dann: „Macht einfach beide zum König!“

Okay.

„Aber gebt dem Erstgeborenen ein bisschen mehr Rechte und Ansehen als dem jüngeren.“

Fuck. Das ist so an Antwort, was man heute vielleicht von o2 oder Meinfernbus.de oder PayPal oder Jokers oder Dr.Martens oder wie sie alle heißen erwartet. Die alten Spartaner waren zwar harte Burschen, aber hatten – und das kann die moderne Altertumsforschung belegen – viel weniger Kontakt mit Kundenhotlines als wir heute und keine entsprechend dicke Haut und deshalb waren sie nach der Antwort der Pythia erst mal aufgeschmissen.

Sie gehen also zurück nach Sparta und checken noch mal bei Argeia ab: Du weißt echt nicht, welcher zuerst raus gekommen ist, oder? Und Argeia: Nee, hab ich doch gesagt.

Jetzt kommt ein Typ namens Panites vorbei, der den ganzen Weg aus Messenien angereist ist, und in Messenien sind sie scheinbar helle, denn Panites sagt: Beobachtet doch einfach heimlich Argeia, wie sie den Jungs die Brust gibt und wie sie sie badet. Wenn sie zuverlässig immer einen zuerst dran nimmt, dann weiß sie in Wirklichkeit doch, wer der Erstgeborene ist und ihr wisst auch gleich, welcher. Wenn sie die Kleinen abwechselnd versorgt, hat sie die Wahrheit gesagt und weiß es auch nicht besser.

Gute Idee, denken sich die Spartaner und ab jetzt hängen ein paar von ihnen einfach immer bei Argeia rum. Heimlich ist auch total überschätzt.

Argeia immer so: Is was? Und die Spartaner so: Dumdidum, nö, wir wollen nur kucken, wie du den Kids die Brüste gibst. Keine Hintergedanken, ehrlich!

Und Argeia war’s zufrieden. Sie kam nicht drauf, warum sie jetzt ständig begafft wurde, aber sie machte einfach weiter wie bisher und es stellt sich heraus: Sie weiß eben doch, welcher der Zwillinge zuerst das Licht der Welt erblickt hat. Sie hat nämlich gut aufgepasst bei ihrer Niederkunft und sie stillt und badet und wickelt den einen der beiden zuverlässig zuerst. Die alte Intrigantin hat sich nämlich gedacht: Wenn ich nix sage, kriegen vielleicht meine Söhne beide den Posten als König. Und die Mutter von zwei Königen gleichzeitig zu sein ist besser als die Mutter von einem König zu sein.

Naja und irgendwie geht ihr Plan ja auch auf. Das Orakel hat’s gesagt.

Der ältere von beiden muss aber trotzdem besser behandelt werden und die Spartaner nehmen ihn Argeia weg und erziehen ihn auf Staatskosten, denn er wird ja schließlich der Oberkönig. Dieser ältere Zwilling heißt Eurysthenes und der jüngere Prokles.

Ab da hat Sparta grundsätzlich zwei Könige. Einer stammt jeweils von Eurysthenes ab und der andere von Prokles. Und natürlich ist die Frage, wer vom älteren Zwilling abstammt, für alle Zeiten Ursache von Streit zwischen den beiden Königen. – Sagt Herodot, der uns diese Geschichte überliefert. (Herodot räumt aber ein, dass die Sage nur in Sparta kursiert und sie sonst kein Dichter aufgeschrieben hat.)

Das königliche Gerangel um „Deine Mudder …“ treiben im Jahr 506 vor unserer Zeit Kleomenes und Demaratos sogar so weit, dass die Spartaner ein Gesetz erlassen müssen, demzufolge die Doppelspitze nie zusammen in den Krieg ziehen darf, sondern einer immer zu Hause bleibt. (Und die Feinde jeweils so: Haha, ihr seid ja nicht mal mit beiden Königen zur Schlacht gekommen – so richtig ernst meint ihr es wohl doch nicht.)

Demaratos stichelt dann einen Tick zu lange und wird als König gefeuert. Darauf brennt er durch und läuft zum Perserkönig über, der gerade Griechenland unterwerfen will. So kommt das. Aber das ist eine andere Geschichte.

2 Kommentare

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2 Antworten zu “Andere Kunden, die Ihre Frage hatten, haben sich auch mit dieser Antwort zufrieden gegeben:

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