Hast du die Karten?

Das Wunder
von Bayreuth

Festspielhaus Bayreuth um 1900

Foto: via Wikimedia Commons, gemeinfreies Werk.

Wir sind online. Wir sind viele. Wir sind bereit.

Ich habe das Headset im Ohr und die Finger an der Maus. Mein Blick wird noch ein Loch in den Bildschirm brennen, auf dem ein Countdown tickt. Ich atme Adrenalin. Noch acht Sekunden.

Das System ist der Gegner. Du musst schneller sein als der Server. (Noch sieben Sekunden.) Letztes Jahr haben wir auch aus verschiedenen Städten angegriffen. Es geht nicht um Sekunden, sondern um Sekundenbruchteile. (Noch sechs.) Letztes Jahr hatten wir keinen Erfolg. Andere waren schneller. (Noch fünf.) Neben mir liegt der Zettel mit meinen Instruktionen. Vier Ziele, geordnet nach Priorität. (Noch vier.) „G1“ heißt das oberste Ziel. Über den Knopf im Ohr höre ich meine Freundin, die uns koordiniert. (Noch drei.) Sie hat den Plan geschmiedet. Sie hat eine Telefonleitung zu uns allen. Wir machen, was sie sagt. (Noch zwei.) Ich habe mal auf einer Rettungsleitstelle gearbeitet, da war es selten so aufregend. (Noch eine Sekunde.) Ich bin extra ins Institut gegangen für diese Aktion. Mit meiner Internetverbindung zu Hause wäre das hier nicht zu bewerkstelligen.

Der Countdown zählt auf Null und verschwindet aus dem Bild. Es lädt automatisch eine neue Internetseite mit elf Vorstellungen der Bayreuther Festspiele 2014, die exklusiv online buchbar sind. Diese Tickets gibt es im Gegensatz zum regulären Verkauf nicht gegen Beziehungen, Wartesemester oder horrende Zwischenmarktpreise, sondern wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Beim Verkaufsstart an diesem Sonntagabend im Oktober bedeutet das: Wer wenige Sekunden nach 18 Uhr seine Vorstellung, Preiskategorie und Kartenanzahl ausgewählt und in den Warenkorb befördert hat, hat eine Chance. Wer um dreißig Sekunden nach Sechs noch überlegt, ob er lieber im Parkett oder auf dem Balkon sitzt, hat verloren.

Ich schnappe mir die erlaubten vier Karten für Tannhäuser, Kategorie G1. Und tatsächlich sind sie in meinem Warenkorb!

Ein neuer Countdown. Die Tickets sind eine Stunde für mich reserviert. Wenn ich bis dahin nicht verbindlich bestellt habe, gehen sie wieder der Allgemeinheit zu. Jetzt kommt die Unsicherheit.

Muss ich jetzt zu Wagner?

Will ich das überhaupt? Will ich mich jetzt dafür entscheiden, in einem Jahr eine Wagner-Oper zu besuchen? In Bayern? Auf einer ominösen Kultstätte der Wagner-Verehrung? Und viel wichtiger: Ist mir das 50 Euro wert? Ich kann mich nicht erinnern, schon mal so viel Geld für ein Konzert ausgegeben zu haben.

Jetzt zählt es. Telefonkonferenz. Die anderen Flügel unseres Angriffs wurden abgewehrt: Sie erhalten nur noch Fehlermeldungen von der Ticket-Seite. Soll ich „verbindlich kostenpflichtig bestellen“ anklicken? Hält mein Bankkonto das überhaupt aus? Wenn nicht, sollte es eben nicht sein. Augen zu und klick!

Da schmiert die Seite ab. Die Bayreuther Festspiele sind im Internet derzeit nicht zu erreichen. Während ich die Poesie der Server-Fehlermeldungen genieße („Gateway-Timeout“, „Error 503 Service Unavailable“ und „Guru Meditation“), kann ich mich entspannen. Der Drops ist gelutscht. Ob ich heute Bayreuth-Karten erstehe oder nicht, liegt allein in Wotans Hand.

Ich verstehe diese Aufregung um Bayreuth noch nicht ganz. Der Herr Wagner hat das Festspielhaus selbst entworfen und die Akustik soll tipptopp sein. Dafür ein bisschen heruntergekommen das Ganze. Leider keine Klimaanlage. Und harte Stühle. Meine Freundin findet, das muss man mal erlebt haben. Allein aus soziologischen Gründen. Ich fürchte nur, das typische Wagnerpublikum, die erhoffte Freakshow aus Adelstiteln und Mumienschanz, wird uns entgehen. Paypal als einzig akzeptierte Zahlungsmethode segregiert stark zugunsten von Internet-Alphabetisierten. Geschätzter Altersdurchschnitt so um die 40.

Endlich lädt die Seite wieder. Ich habe tatsächlich erfolgreich vier Karten bestellt. Ich muss an das eine Mal denken, als ich in Norwegen eine Angel ins Wasser hielt und als Einziger einen essbaren Fisch aus dem Fjord zog. Ausgerechnet der Vegetarier. Das Glück der Gleichgültigen.

Neue Fehlermeldungen: „Sie haben keine ausreichende Berechtigung, diese Rechnung bezahlen zu dürfen“ und „Führen Sie diesen Prozess nicht aus, wenn Sie diese Rechnung bereits bezahlt haben“. Es wird noch zwei Stunden dauern, bis die Bezahlung klappt. Aber ich darf mich ab jetzt ein Jahr lang auf Bayreuth freuen. „Gepriesen sei dies Wunder aus meines Herzens Tiefe“.


Auch das noch:

  • „Insgesamt hätten sich zwei Millionen Interessenten auf der Seite befunden und dabei rund fünf Millionen Klicks hinterlassen. „Damit hat echt keiner gerechnet.““ ZEIT.de
  • „Die Landtags-Grünen hatten am Donnerstag empört auf die Panne am Grünen Hügel reagiert“ LOL dpa!

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